Zeitforscher "Die Leute suchen die Zeit, aber sie finden sie nicht"

Karlheinz Geißler geht die Dinge immer mit Humor an, auch jetzt noch, da ihm gelegentlich die Beine versagen und er den Rollstuhl benutzen muss. Schon lange begleitet ihn seine Frau zu Vorträgen. Eine Kinderlähmung in jungen Jahren ist nie ganz verheilt. "Dass ich mich mit der Zeit beschäftige, hat sicher auch mit dieser Krankheit zu tun", sagt er, "ich war als Kind sehr eingeschränkt, konnte nie beschleunigen wie andere."

Früher, erzählt er, ging er einfach so früh zum Bahnhof, dass er auf jeden Fall einen Zug in die gewünschte Richtung erwischen würde. Wenn er heute mit dem Zug fährt, dann ist er immer mindestens eine Viertelstunde früher da. "Und trotzdem bist du noch immer sehr aufgeregt, weil du nicht beschleunigen kannst", sagt Jonas.

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Auch davon habe er etwas abbekommen, gibt der Sohn zu. "Ich versuche gegenzusteuern, aber das ist nicht einfach mit drei kleinen Kindern im Haus. Allein das Wecken am Morgen tut mir in der Seele weh. Wie schön wäre es, finge die Schule eine Stunde später an."

Vor kurzem haben Vater und Sohn ihr erstes gemeinsames Buch veröffentlicht. "Time is honey" (Oekom-Verlag), eine amüsante Geschichte der Zeit samt praktischen Auswegen aus dem Hamsterrad. Das Schreiben war eine Herausforderung, "da haben wir hin und wieder die Schmerzgrenze des anderen ausgetestet", sagt Jonas Geißler und lacht.

Nicht nur, wenn der andere in den eigenen Text hineinredigieren wollte, sondern auch, "weil wir uns in verschiedenen Lebenssituationen befinden. Da ist auf der einen Seite der pensionierte Professor, doch eher ein Schreibtischtäter, der von oben auf das Ganze herabschaut. Und da bin ich, der Freiberufler mit drei kleinen Kindern, der in viel mehr Abhängigkeiten steckt."

Jonas Geißler hält nicht nur Vorträge, er arbeitet als Coach in großen Unternehmen oder mit Privatleuten, "da geht es ganz konkret darum: Was kann ich tun?" Eine Musterlösung gibt es nicht, sagt er. Wichtig sei, die eigenen Ressourcen zu entdecken, sich zu fragen: Wo spüre ich mich? "Jeder hat sein eigenes Tempo, manchmal muss man schnell sein, manchmal langsam. Je mehr Qualität man lebt, desto stärker wird man."

Augenblicke sammeln in Neuseeland

Es gehe dabei viel um eigene Ansprüche und um Kommunikation. In manchen Unternehmen treffe er auf die Haltung: Wer noch keinen Burnout hatte, der hat noch nicht richtig für seinen Job gebrannt. "Heute gilt: Wer keine Zeit hat, ist wichtig. Und wenn man sich unsere Gesellschaft so anschaut, stellt man fest: Zeit haben nur Rentner, Arbeitslose oder Flüchtlinge."

Im Alten Rom, sagt Karlheinz Geißler, der das Ganze historisch betrachtet, gingen nur die Sklaven schnell. Jahrtausende lang wurde die Zeit von der Natur und vom Kosmos bestimmt, die Leute orientierten sich mit Sonnenuhren. Dann wurde die mechanische Uhr erfunden. Das war der Wechsel vom Rhythmus der Natur zum Takt des produzierenden Menschen.

"Und jetzt sind die Klöster wieder voll", stellt Jonas Geißler fest, "oder es treffen sich Menschen im Park zum Nichts-Tun." Die produktiven Pausen, die hat die ganze Familie Geißler bewusst gepflegt. Jonas' Bruder Tim ist Galerist, Mutter Traute ist Wirtschaftspädagogin, hat sich aber neben dem Haus ihre kleine Kunstwerkstatt eingerichtet, wo sie Bücher und Bilder per Hand druckt. Jeder Buchstabe wird einzeln gesetzt. Von seiner Mutter habe er nicht nur die kreative Ader geerbt, sagt Jonas, sondern auch die Begeisterung fürs Angeln. Auch das braucht Zeit.

"Mein Lieblingsgedicht ist ,Augenblicke' von Jorge Luis Borges", sagt er dann noch. Der Argentinier hat es kurz vor seinem Tod verfasst: "Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, . . . würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen. . . . würde von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen. Und mehr mit Kindern spielen . . ."

Deshalb wird Jonas mit seiner Familie bald ein Jahr in Neuseeland verbringen, auf dem Land, in eine andere Sprache eintauchen, wieder Angeln gehen. Augenblicke sammeln. In Omas Werkstatt hängt eine Karte mit einem Spruch seiner sechsjährigen Tochter Lou: "Die Leute suchen die Zeit, aber sie finden sie nicht, weil sie im Kopf ist, gleich neben den Träumen".

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