Zeitforscher Karlheinz Geißler "Da war wieder einer zu schnell"

Bevor wir uns nach der Uhr richteten, gab die Natur den Rhythmus vor: Wiederholung mit Abweichung statt eines maschinellen Taktes. Man redete über das Wetter, nicht über die Uhr. Und auch ihn selbst scheint das Wetter mehr zu beeindrucken als die zuckenden Zeiger. Wenn er seine Bücher schreibt, zieht er sich in ein sizilianisches Kloster zurück oder an die Nordsee, um München mit seinen launenhaften Temperaturschwankungen zu entgehen.

Das Reisen ist übrigens eine Möglichkeit, gefühlte Zeit mit Erlebnissen zu verlängern. Denn das Altbekannte sickert einfach durch die innere Zeiterfassung hindurch. Allerdings muss man es dann auch schaffen, einen Ort oder Menschen wirklich als neu wahrzunehmen. "Mein Vater", erzählt Geißler, "hat immer gesagt: Hier sieht es doch auch aus wie in Frankfurt. Damit hat er sich um ein Erlebnis gebracht." Oft ertappt er sich aber auch selbst dabei, in einem Gesicht nach Ähnlichkeiten zu suchen. "Da ist eine Riesendiskrepanz zwischen meinen Erkenntnissen und der Praxis."

Geißlers Gelassenheit scheint trotzdem abzufärben. Gegenüber in der Garage werkelt seine Frau in ihrer Handdruckerei. Winzige Auflagen von schönen Gedichten. Auch die beiden Kinder arbeiten freiberuflich, gehen souverän mit ihrer Zeit um, wie es Geißler nennt. Mit seinem Sohn Jonas führt er eine Zeitberatungsfirma und hält Vorträge in Firmen oder Burn-out-Zentren.

Einer, der nicht richtig tickt, könnte man denken, in einer Zeit, in der Beschleunigung alles ist. "Was für ein Kompliment für einen Zeitforscher, der sich jenen Zeiten widmet, die sich abseits der Uhr bewegen", findet Geißler. Er nimmt wieder die Igel-Pose ein, denn eins will er noch anbringen. So unwirtschaftlich sei das Enthetzen nämlich nicht. Weil er zu Fuß eher gemächlich unterwegs ist und auf den Boden schauen muss, findet er oft Geld. "Dann denke ich immer: Oh, da war wieder einer zu schnell."