Viele haben den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt - doch nur wer sich gut vorbereitet, hat wirklich eine Chance.
Manchmal überschlägt sich Vera Langens Stimme geradezu. Hastig fingert sie an ihren langen braunen Haaren. Rutscht auf ihrem untergeschobenen Bein hin und her, auf der Kante ihres Cord-Sofas im 17-Quadratmeter-Wohnzimmer. "Man wird so allein gelassen. Keiner hat mir gesagt, dass von dem Geld nach allen Abgaben so wenig übrig bleibt", klagt die 36-Jährige. "Und jede Druckerpatrone kostet viel Geld."
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Aus der Statistik kriegen wolle man die Leute, wettert sie weiter. Aber das Geld reiche kaum zum Leben, geschweige denn für Werbung und andere Investitionen. Wo das noch enden solle? Vera Langen, die in Wirklichkeit anders heißt, ist ziemlich verzweifelt. Dabei wollte sie gar nicht viel - nur eine Ich-AG gründen.
Diesen neuen Existenzgründungszuschuss haben im vergangenen Jahr 2300 Münchner beantragt. Anfang des Jahres wagten es nur wenige, dann stieg ihre Zahl immer mehr. Allein im November waren es 544. Als Kleinstgewerbe haben sie sich selbstständig gemacht und reparieren, betreuen oder beraten, machen den Hausmeister oder den Masseur. Manche haben sogar ihre eigene Marktlücke entdeckt.
Zuschuss heißt das Geld zurecht: Im ersten Jahr bekommen die Gründer 600 Euro monatlich vom Arbeitsamt, im zweiten 360 und im dritten Jahr 240 Euro. Doch schon im ersten Jahr bleibt nach Abzug der Pflichtversicherungen noch ein Betrag von 181 Euro. Das reicht weder zum Leben noch für Anschaffungen.
Die Konsequenz: Ohne Eigenkapital und vor allem -initiative geht es nicht, auch wenn das Arbeitsamt dies nicht testet oder nachprüft.
Vera Langen war unter den Juli-Gründern. Die Grafik-Designerin konnte ihren Beruf wegen einer Augenkrankheit nicht mehr ausüben, war lange arbeitslos. Weil sie sich aber schon seit vielen Jahren mit gesunder Ernährung beschäftigt, fand sie die Idee ihres Arbeitsamtsberaters interessant, sich selbstständig zu machen.
Als Ernährungs- und Wellness-Beraterin, dachte sie. Das sei ihre zweite Berufung, fand ihre Freundin. Auch viele andere rieten ihr zu, fanden die Idee zukunftsträchtig. Doch der erste Schock kam, als sie sah, dass von dem Zuschuss kaum etwas übrig bleibt. "Ich war durch Arbeitslosigkeit und Krankheit sowieso schon im Minus."
Eine Freundin bot ihr einen Schreibtisch in deren Großraumbüro an - damit sie wenigstens einen schnellen Internet-Zugang und einen guten Drucker nutzen könnte. Doch ihr Arbeitsamtsbetreuer behauptete, das dürfe sie nicht. Und so sei das oft gelaufen, dass sie vom Arbeitsamt entweder keine oder widersprüchliche Informationen bekam.
Mangelnde Unterstützung von Arbeitsamtsmitarbeitern, darüber klagt auch Esther Fischer. Die 54-Jährige, früher Sparkassen-Angestellte, dann Altenpflegerin, hat erst im Dezember ihren Betreuungsdienst für Senioren, Kinder und Kranke angemeldet.
Allein um das Antragsformular abzuholen, musste sie einen Termin bei der Sachbearbeiterin vereinbaren. Dass bei ihr Eile angesagt war, erfuhr sie erst kurz vor knapp: Den Ich-AG-Zuschuss soll man noch beantragen, solange man Arbeitslosengeld oder -hilfe bekommt. "Ich bin aufs Finanzamt gerannt, um noch schnell einen Gewerbeschein zu bekommen." Dort wiederum erfuhr sie, dass das drei Monate dauern kann.
Auf ihre Arbeitsamtsberater ist sie sauer: "Konkrete Dinge erfährt man nicht, von jedem hört man etwas anderes." Die Beraterin habe ihr sogar abgeraten, zum Büro für Existenzgründungen (BfE) zu gehen. Doch davon ließ sie sich nicht abschrecken. BfE-Leiter Hermann Steindle findet, es sei die falsche Einstellung, vom Arbeitsamt zu viel Unterstützung zu erwarten.
Nur weil der Gesetzgeber von heute auf morgen eine Leistung anbietet, könne man von demjenigen, der das Geld auszahlt, nicht die Rundum-Versorgung verlangen. An dieser Stelle zeige sich ein Problem der Ich-AG: dass dadurch Menschen animiert werden, sich selbstständig zu machen, die dafür jedoch zu wenig Initiative aufbringen. "Man kann die Leute nicht zwingen, sich zu informieren."
Ob Esther Fischer künftig von ihrem Kleinstgewerbe leben kann, steht in den Sternen. Sie ist überzeugt, dass ihre Dienste gebraucht werden. Ob dafür auch angemessen bezahlt wird, muss sich erst noch erweisen. Aber sie freut sich darauf, ihr eigener Herr zu sein, und sieht's gelassen: "Ich bin gewohnt, nur wenig zu verdienen."
Vera Langen lässt auf ihrem Cord-Sofa mittlerweile eine Freundin schlafen, die dafür einen Teil der Miete übernimmt. Nach der ersten Billig-Version von Prospekten, die sie aushing und in Briefkästen verteilte, was jedoch ohne Resonanz blieb, will sie nun etwas Hochwertigeres produzieren und vielleicht sogar einen Internet-Auftritt bauen. Das Ganze müsse ja professionell aussehen. Immerhin wolle sie mit ihrer Beratung vor allem Manager ansprechen. Privatleute hätten für Ernährungsberatung kein Geld.
Vor allem seit manche Krankenkassen das kostenlos anbieten. Ob sie sich mit einem 400-Euro-Job behelfen wolle? "Den findste nicht." Auch von einem Kredit kann sie nur träumen. Der wäre ihr aber auch viel zu riskant. "Da kannst du die schönsten Ideen haben, ohne Geld kannst du sie nicht umsetzen."
Erfolgreich werden vor allem die Gründer sein, die sich ausgiebig vorbereitet haben, die bereits früher an Selbstständigkeit dachten und die genügend kaufmännischen Sachverstand mitbringen, um Rechnungen und die Steuererklärung selbst erledigen zu können.
Wie Frank Nagler zum Beispiel. Als sein Arbeitgeber pleite machte, begann der 33 Jahre alte Schreiner mit einem Montage-Dienst. Seine Werkstatt passt in einen Kastenwagen. Das Werkzeug hat er vom Ersparten angeschafft. "Aber das Wichtigste hat man als Schreiner eh' schon." Als er am 14. Januar seine Ich-AG anmeldete, hatte er schon einige Kunden. "Ich hab' im Dezember angefangen, Klinken zu putzen."
Hausverwaltungen, Schreinereien standen auf seiner Liste. Schließlich hat er im Terminal2 im Flughafen den Innenausbau mitgemacht und bei Ikea Brunnthal Möbel aufgebaut.
Der Verdienst reicht für ein Auto und eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung für sich, seine Freundin und den Nachwuchs, der im Februar kommt. Wenn Nagler Rechnungen schreibt, profitiert er von ein paar Semestern Betriebswirtschaft, auch wenn es lange her ist. Ein befreundeter Steuerberater hilft ihm kostenlos bei Problemfällen. Dennoch: "Manchmal ist das die totale Unsicherheit", wenn man am Wochenende nicht weiß, was man am Montag arbeitet. "Man hat schon kürzere Nächte", räumt Nagler ein.
Bereut hat er diesen Schritt dennoch keine Sekunde: "Ich habe schon vor sechs Jahren mit dem Gedanken gespielt, mich selbstständig zu machen." Aber bis zur Rente will er trotzdem nicht so arbeiten: "Nach zehn Jahren brauche ich wieder was Sicheres."
Eine gute Marktlücke hat auch Stefan Nestler gefunden: Früher lernte er Geigenbauer, studierte dann noch Betriebswirtschaft. Heute verbindet er beides: Als Makler verkauft er im deutschsprachigen Raum die Instrumente früherer Kollegen, bringt sie den Kunden vorbei, damit sie eine Weile probespielen können. "Wenn ich nicht ohnehin vorgehabt hätte zu gründen und wenn ich nicht Vorkenntnisse in Betriebswirtschaft hätte, wäre ich sicherlich nicht erfolgreich", sagt Nestler. Anderen Gründungswilligen rät er deshalb, eine Ich-AG nur zu wagen, wenn man es auch ohne den Zuschuss schaffen könnte.
Vera Langen träumt derweil noch vom großen Erfolg: "Ich habe Zeit und Herzblut und all meinen Enthusiasmus investiert. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass etwas wird aus meiner Ich-AG."
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