Youtube-Grantler Harry G Angriff auf die Isarpreißn

Wenn Markus Stoll den Hut aufsetzt, wird er zu Harry G. Dann schimpft er über vegane Teehäuser, Trachten-Unsitten und untalentierte Weißwurst-Zuzler.

(Foto: Florian Peljak)

Bei Youtube schimpft Markus Stoll alias Harry G über Isarpreißn. Drei Millionen Internetnutzer mögen seinen derben Humor - jetzt zieht Stoll auch auf der Bühne über Insassen veganer Teehäuser, Trachten-Unsitten und untalentierte Weißwurst-Zuzler her.

Von Korbinian Eisenberger

Wenn der Hut auf dem Tisch liegt und Markus Stoll asiatischen Pulvertee schlürft, dann beäugt er seine Opfer. "Was für einen belanglosen Schmarrn sich die Leut' hier erzählen", sagt er und zuzelt an seinem Matha-Orange-Smoothie. Es ist ein Dienstagnachmittag im Münchner Glockenbachviertel, und Stoll betreibt seine Feldstudie. Genüsslich lehnt der 35-Jährige auf einem Stuhl im veganen Teehaus und beobachtet. Im Hinterzimmer des "Tushita" - hier wohnte er bis vor kurzem noch nebenan - sammelt er seine Geschichten. Für jene Momente, in denen er vor die Kamera oder auf die Bühne tritt. Dann, wenn Markus Stoll seinen Hut aufsetzt.

Noch vor wenigen Monaten foppte Harry G sein Publikum fast ausschließlich in zweiminütigen Youtube-Clips. 29 solcher Kurzfilme gibt es mittlerweile. Dass der Grantler mit Trachten- oder Hipster-Hut neben den knapp drei Millionen Youtube-Aufrufen ein abendfüllendes Programm auf die Beine stellen kann, durfte man trotz der 66 000 Facebook-Fans von "Harry G" bezweifeln.

Tatsächlich hat es Markus Stoll innerhalb weniger Monate geschafft, seine Kurzrezensionen über Insassen veganer Teehäuser, Trachten-Unsitten und untalentierte Weißwurst-Zuzler in ein 90-minütiges Kabarettstück zu gießen. Und nicht nur das: Mittlerweile dauert es keine zwanzig Minuten mehr, ehe Auftritte von Harry G etwa im Schlachthof ausverkauft sind. Statt wie ursprünglich geplant nur einmal, wird er dort demnächst an sechs Abenden zu sehen sein.

Manchmal, sagt Stoll, sei er selbst erstaunt, wie schnell das alles ging. Es scheint, als würde der gebürtige Regensburger mit seinem Humor einen zuletzt arg vernachlässigten Nerv treffen. Dann, wenn er in Jeans, Hemd und Hut sein Publikum zurechtstutzt. Etwa vor den Biertischen eines Festivals in Glonn, wo er einen Mann mit Gel-Haaren und Designer-Brille als "Isarpreiß" identifiziert. Harry G bietet ihm zwanzig Euro, er möge sich bitte schleichen. Nach seinem Auftritt posiert der Mann mit Stoll für ein Foto.

"Was für ein Arschloch."

Als er ihn vor acht Jahren zum ersten mal traf, da dachte sich der Stand-up-Comedian Simon Pearce: "Was für ein Arschloch." Es dauerte zehn Minuten, ehe Pearce an jenem Abend verstand, dass Markus Stoll bereits in seiner Rolle eines arroganten Schnösels war. "Ich bin übrigens der Markus", stellte er sich schließlich vor, nachdem er die Fassade abgelegt hatte. Mittlerweile sind Stoll und Pearce gut befreundet. Pearce kennt die Zeiten, in denen sein Spezl "noch ein normaler Mensch war" und unerkannt durch die Oktoberfestzelte ziehen konnte.

Und dennoch, sagt Stoll an diesem Abend Anfang Juli im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, sind die Geschichten von Harry G vielleicht irgendwann zu Ende erzählt. Vielleicht.

In den ersten Monaten, in denen er die Sprüche aus den Internetfilmen auf die Bühne verlagert, ist der Hut eine Art "Schutzhelm" für ihn. Was der behütete Stoll dann auf der Bühne erzählt, ist krachert, g'schert und massentauglich. Den Brautvater einer Hochzeitsgesellschaft integriert er dann etwa mit bewusst rustikaler Rhetorik in seine Geschichten: "Jetzt sei hoit amoi staat, du Drecksau." Stoll sagt: "Depp wäre den Leuten schon zu nett." Deshalb zieht er schonungslos über sie her.

"Moment!", sagt Stoll und knallt sein Smoothie-Glas auf den Tisch. "Ich ziehe nicht über die Leut' her", sagt er mit einem überlegenen Grinsen. "Die Leut' zieh'n her." Allein die Tatsache, ein Zuagroaster zu sein, reicht jedoch nicht. Das mittlerweile kultverdächtige Prädikat "Isarpreiß" verwendet Stoll für eine klar definierte Zielgruppe. "Der Zuschauer fährt darauf ab, dass man eine Gruppe Menschen kategorisiert und einfach mal an die Wand nagelt", sagt Stoll.

Er erklärt das so: Wenn Arno Brüggemann nach München zieht, dann ist er erst einmal ein Preiß. Erst wenn er in der Schickeria Fuß fasst und in seiner Landhausmoden-Tracht einen vierstelligen Betrag für eine Flasche Nebukadnezar-Sekt im Hippodrom hinblättert - dann ist die Transformation zum Isarpreiß erfolgt. Erstaunlich dabei: Die Menschen, denen Harry G von der Bühne aus seinen schonungslosen Spiegel vorhält, scheinen sich darin freiwillig wiederzuerkennen. Auch wenn sein Kumpel das nicht gern höre, sagt Simon Pearce: Harry G funktioniere ähnlich wie die Figuren von Gerhard Polt.