XII Apostel im Lehel Pizza mit Popanz

Größenwahnsinnig: Das XII Apostel

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Architektur ist pompös, die Speisekarte kommt als Zeitung daher, unter den Gästen sind viele Prominente: In das italienische Restaurant XII Apostel geht man, um zu sehen, hören - und vor allem zu essen.

Von Helene Töttchen

Größenwahn formte diesen Würfel. Baumhohe Holzfenster durchbrechen die klassische Steinfassade, die Treppen sind aus Kirchheimer Muschelkalk, ein Concierge wacht. Geldblasentrunkene Banker der Hypo Real Estate ließen sich einst den Kubus am Thierschplatz maßschneidern. Dann kam der Skandal, die Ernüchterung, die Entlassungen, die Verstaatlichung. Statt im Lehel-Carré hockt die gerupfte HRE heute im Outback von Unterschleißheim.

Die Banker kamen nicht mehr zurück, dafür logiert ein Pizzabäcker seit bald zwei Jahren in einem Teil des Carrés mit dem "XII Apostel", das zu einer Kette gehört, die sich von Köln nach Hannover, Mallorca und München ausgebreitet hat. Wer die Muschelkalktreppe hochgestiegen ist, die Kordeln passiert hat und das Lokal erstmals betritt, ist: baff. Kathedralenhaft liegt der Hauptraum unter einem, mit Holzpaneelen an der Wand, Fresken an der Decke, Marmor zu Füßen, Samtvorhängen, Lüstern. Das XII Apostel bewirbt sich mit dem Spruch "Dolce Vita zum Sehen, Hören und Schmecken", und genau das in genau dieser Reihenfolge beschreibt, worum es hier geht.

Giulia Siegel wurde am DJ-Pult gesehen, Ralf Möller, der Bademeister aus Recklinghausen mit Nebenwohnsitz in Hollywood, war da, die Bayern-Clique kommt oft. Klatschpersonal sahen wir bei unseren Besuchen nicht, gut so, es sollte ums Essen gehen. Vor dem, so wissen wir nun, kommt noch das Hören. Für unseren Geschmack zu lauter Konsens-Pop schallte durch das Lokal, die anderen Gäste aber hat das nicht gestört, im Gegenteil, die Tische unter den Boxen schienen die beliebtesten zu sein.

Die Speisekarte kommt als "Giornale" daher, als Zeitung, was eine angenehme Abwechslung im Einerlei der Eventspeisekarten ist. "Burrata" wird wortreich angepriesen, der Trendkäse aus Apulien, eine Art Mozzarella gefüllt mit Butter und Sahne. Wir wählten den Burrata mit Rebellion-Tomaten (12,80 Euro) als Vorspeise und freuten uns über die feincremige Note, die von den festfleischigen Tomaten nicht bedrängt wurde: Sie schmeckte revolutionär nach nichts. Beim Entenbrust-Carpaccio mit Feldsalat und Granatapfel (9,50) waren uns die Scheiben zu dick und zu durch, dafür aber hübsch angerichtet. Der gebackene Ziegenkäse mit Thymianhonig und Radicchio (9,80) aber war willkommen: kross die Panade, herzhaft der Käse, der nicht von Honig zugekleistert, sondern umschmeichelt wurde.

Pizza ist im XII Apostel das, was man ein signature dish nennt, also das, weswegen der Münchner Speckgürtel dem Lokal die Bude einrennt. Freundliche, zuweilen physisch wie gedanklich abwesende Kellner eilen damit umher, wie sie das auch mit den Weinflaschen tun, die solide Klassiker sind: Lugana San Benedetto von Zenato (29,50), Pinot Grigio aus der Cantina Russiz (39), Chianti von Villa Cafaggio (39,90), so etwas.

Wir nehmen die Pizza Jacobus mit Tomate, Mozzarella und Trüffel (15,90) - und sind angetan. Von der Größe, der Dünne, vom Geschmack. Gehobelt am Tisch wird nichts, hatten wir aber auch nicht erwartet. Ein wenig gebräunter hätte der Boden sein können, aber auch das ist Geschmackssache.

Die Dorade mit Kräutern (19,90) übergehen wir hier ganz schnell, der Fisch war viel zu trocken. Beim Wolfsbarschfilet mit Gemüse (21,90) fragten wir uns, ob das derselbe Koch war - butterzart der Fisch, knackig das Gemüse. Auch bei einem zweiten Besuch war der Branzino toll, die gebratenen Rinder Straccetti (21,50) dagegen nicht hauchdünn, wie annonciert, sondern schnitzelstark und zu durch. Das Risotto mit Steinpilzen (13,90) war cremig-bissfest, wenngleich die Brühe den feinen Steinpilzen zu schaffen machte.

Gefreut haben wir uns dann über das Lebkuchenparfait (6,50). Cremig mit Anissplittern und Zimthauch. Panna cotta (5,90) hatten wir schon bessere, beim Tiramisu sollte Schokotunke den Kakao ersetzen, was misslang. Die Crème brûleé gleichwohl war schön locker mit einer Karamellschicht in genau richtiger Stärke. Dass jeder Teller mit einer daumdicken Puderzuckerschicht bedeckt war, erklärten wir uns als Entsprechung der winterlichen Verhältnisse draußen oder mit einer gewissen Verhaftung der Küche in den Achtzigern.

Größenwahn war die Wiege des Lehel-Carré, und ein wenig ist davon geblieben. Dass das Essen hinter Kellnergesten mit Potenzial für die Commedia dell'Arte und einer pompösen Architektur zurücktritt, gefällt uns nicht so gut. Vielleicht könnte das Schmecken die höchste Priorität erhalten und dann erst das Sehen und Hören kommen? Das Potenzial ist da, wir haben sehr gut im XII Apostel gegessen, wenn auch nicht durchweg.

XII Apostel, Thierschplatz 6, Telefon: 089/28851582, Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 11 bis 1 Uhr, Freitag bis 3 Uhr, Samstag 17 bis 3 Uhr, an Sonn-/Feiertagen von 10.30 bis 1 Uhr.