Von Nina Berendonk

Suche nach Trost, Orientierung und einem Platz im Leben: Mit Svealena Kutschke starten am Donnerstag die neunten "Wortspiele" im Muffatwerk.

Es gibt sie ja, diese Geschichten von Autoren, die ihre Romane unter Schmerzen zur Welt bringen, die sich zum Schreiben zwingen müssen und nicht eher vom Schreibtisch aufstehen, bis sie ihre täglichen ein oder zwei Seiten zu Papier gebracht haben. Svealena Kutschke ist das genaue Gegenteil.

"Etwas Kleines gut versiegeln": Svealena Kutschke (© Foto: Kay Michalak/ oh)

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Ihr soeben erschienenes Debüt "Etwas Kleines gut versiegeln" (Wallstein) sollte eigentlich eine Kurzgeschichte werden: Im Internet hatte Kutschke eine Seite gefunden, worauf eine Künstlerin jeden Morgen das Fragment eines Zeitungsartikels stellte und abends bei Sonnenuntergang die dazu eingesandten Texte in einer Web-Performance vorlas, "1001 Nacht" lang. Die studierte Kulturwissenschaftlerin Kutschke, die schon als Kind Geschichten schrieb und im vergangenen Jahr den "Open Mike"-Wettbewerb der Berliner Literaturwerkstatt gewonnen hatte, fing also an zu schreiben - und hörte erst 396 Seiten später wieder auf damit.

Lisa stolpert

Herausgekommen ist die wilde und schöne Geschichte von Lisa, die nach dem Tod ihres Freundes das Fotografiestudium hin- und ihre Kamera auf die Bahngleise schmeißt und sich vor ihrer Verlorenheit ans andere Ende der Welt flüchtet. Dort, in Sydney, nimmt Marc, der Ex-Freund ihres Bruders, sie auf, führt sie ins Szeneleben der Stadt ein und klaubt sie nach Nächten der Selbstzerstörung von der Straße.

Lisas Suche nach Trost, Orientierung und einem Platz im Leben - "Wandfarbe wollte ich sein, an einem soliden australischen Haus", wünscht sie sich einmal - führt sie zusammen mit Marc und dem Transsexuellen Mora ins australische Outback, wo sie zwar nicht alle Antworten auf ihre Fragen, aber zumindest ein wenig zu sich selbst zurück findet.

Streckenweise weiß man auch als Leser nicht so genau, in welche Richtung Lisa gerade stolpert, wird aber von Kutschkes unglaublich bildhafter und rau-poetischer Sprache unaufhaltsam weiter durch den Roman gezogen. "... unser Eis schmeckte nach Gefrierbrand, der Boden des kleinen Imbisses war von Bier verklebt, es war ein solch überzeugendes Elend, da brauchte man gar keine Steine mehr zu schmeißen, da wurde man ganz friedlich": Kutschke kann Stimmungen so atmosphärisch dicht und treffend einfangen, dass man sich streckenweise eher durch ihr Buch fühlt als es mit dem Verstand anzugehen. "Wenn ich eine Szene schreibe, dann ist das, als ob ich einen Film sehe", sagt Kutschke. "Ich nehme die Welt um mich sehr bildhaft wahr und denke auch viel in Metaphern. Lisas Bilder sind aber nicht meine."

Der Schlafsack meiner Seele

Für die junge Frau, die sich in Kutschkes Augen "komplett an der Welt verschluckt hat", empfindet die Autorin "Fürsorglichkeit", weshalb sie ihr auch die hölzerne Spielzeugfigur Sudden Smith zur Seite gestellt hat. An deren vernunftbetonten Einwänden hält sich Lisa fest, wenn sie das Leben wieder mal besonders beutelt. Weiteren Halt bieten ihr selbst und ihrer zerrissenen Protagonistin die alltagsphilosophischen Fragen des Künstlerduos Fischli&Weiss, die Kutschke während der Arbeit an diesem ihrem ersten Roman von Freunden geschenkt bekam.

Sie wollte es zunächst machen wie Lisa, das kleine schwarze Büchlein an irgendeiner Stelle aufschlagen und sich von Fragen wie "Wem nützt der Mond?" oder "Bin ich der Schlafsack meiner Seele?" durch den Schreibprozess leiten lassen. "Ich bin dann aber doch dazu übergegangen, sie thematisch zuzuordnen", sagt Kutschke und lacht. Ein bisschen muss man die Fäden schon zusammenhalten, auch wenn sie vieles am literarischen Schreiben als "unterbewusst" bezeichnet.

Mittlerweile arbeitet Kutschke an einem neuen Roman, mit einer Figur im Mittelpunkt, die Lisa sehr entgegengesetzt ist. Trotzdem ist da wieder das faszinierende Gefühl, sich eine Haltung herauszugreifen, "die einem natürlich nicht fremd sein darf", und diese dann zuzuspitzen: "Was wäre, wenn sie nicht unterlaufen würde durch andere charakterliche Züge, die zum Beispiel ich habe?" Ausgehend von dieser Grundidee - im Falle von Lisa die einer Person, "die über Mangel funktioniert" - lässt Kutschke ihre Figuren frei agieren, folgt ihnen schreibend und greift erst dann dramaturgisch ein, "wenn man im Gestrüpp sitzt, weil die Figuren in alle möglichen Richtungen laufen".

Es ist eben dieses Ungebremste, das Kutschkes Art zu schreiben so unmittelbar macht. Sie spielt mit der Sprache wie mit ihren Protagonisten. Sie lässt ihnen die Freiheit, sich in kindlich-magischen Trieben zu verlieren. Zum Beispiel versucht Lisa, einen schönen Fremden mit einer Lakritzbonbon-Spur zu sich nach Hause zu locken.

Es ist nicht nur Kutschkes Haarschnitt, der einen ein wenig an Jean-Pierre Jeunets Amélie erinnert. Also: Willkommen in der fabelhaft verrückten Welt der Svealena. Heute Abend eröffnet Svealena Kutschke zusammen mit Maria Cecilia Barbetta, Michael Stavaric, Björn Bicker, Xaver Bayer und Benedict Wells das Literatur-Festival "Wortspiele" im Muffatwerk, bei dem bis zum 28. März mehr als 30 junge Autoren aus dem In- und Ausland aus ihren neuen Werken lesen, darunter auch vier Teilnehmer der "Manuskriptum"-Schreibwerkstatt der LMU .

Moderiert werden die drei Abende von den Münchner Autoren Tanja Dückers, Hans Pleschinski und Thomas Lang; der Wortkünstler Nikolai Vogel zeigt seine Projektion "Interpretationsmaschine/Vier Zeitwörter". Neu ist in diesem Jahr, dass der Gewinner des mit 2000 Euro dotierten "Bayern 2-Wortspiele-Preises" darüber hinaus zu einem einmonatigen Auslandsstipendium in der Villa Aurora in Los Angeles eingeladen wird (siehe unten stehenden Kasten). Der ins Englische übersetzte Gewinnertext wird dort bei einer öffentlichen Lesung vorgestellt.

Programm unter www.festival-wortspiele.eu; Beginn jeweils um 20 Uhr.

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(SZ vom 26.03.2009/sonn)