Zu Besuch bei der Villa Das Herrensitzchen

Dieses Relief erinnert in der Tölzer Marktstraße an Thomas Mann.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft tagt erstmals in Bad Tölz. Der Blick auf das Haus des Schriftstellers verändert die Wahrnehmung der Texte

Von Sabine Näher und Petra Schneider, Bad Tölz

Nach Berlin, Weimar und Bonn hat die in Lübeck ansässige Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft ihr diesjähriges Herbst-Kolloquium in Bad Tölz veranstaltet. "Ein kleiner Ort, aber keiner ist näher an Thomas Mann als dieser", erläuterte Professor Hans Wißkirchen, Präsident der Gesellschaft. "Sein hiesiges Sommerhaus ist nahezu authentisch erhalten. Damit kann sich weltweit kaum ein Ort schmücken." Gut 150 der rund 1000 Mitglieder der Gesellschaft reisten nach Oberbayern, um selbst in Augenschein zu nehmen, was den großen Schriftsteller an dem kleinen Kurort und seiner Umgebung faszinierte.

Die meisten der Tagungsteilnehmer waren zum ersten Mal in Bad Tölz und konnten am Samstag den Park des "Herrensitzchens" besuchen. Die Kenntnis der realen Gegebenheiten habe den Blick auf die Texte verändert, sagte Professor Ruprecht Wimmer. Die Außenlage des Hauses, das "Über-Etwas-Thronen", das sei ihm neu gewesen.

"Das Haus, in dem er lebte und arbeitete, war immer ein ganz wichtiger Ort für Thomas Mann", sagte Wißkirchen. "Es war niemals ein abgeschotteter Raum. Aber es musste ein sicherer Ort sein, gerade inmitten einer immer unsicherer werdenden Welt." Diese Sicherheit gaben ihm die mit Bedacht ausgesuchten Orte und die ihm nahestehenden Personen. So arbeitete Mann nie in einem separaten Büro. Die gesamte Familie hatte uneingeschränkt Rücksicht auf den Schreibenden zu nehmen. Mann war in Bad Tölz, als der 1. Weltkrieg ausbrach. Vom Kriegsausbruch könne man ihm auch noch in einer Stunde erzählen, wenn sein Arbeitspensum erfüllt sei, befand die umsichtige Familie, wie Wißkirchen erzählte. Sein bürgerliches Lebensumfeld, Brecht habe ihn als "notorischen Villenbesitzer" tituliert, müsse man ebenso im Auge haben, wie seinen umfassenden Blick auf das Weltgeschehen, um sein Werk würdigen zu können.

Am Freitagnachmittag versuchten dies drei Referenten, die sich mit dem Frühwerk Manns auseinandersetzen. Professor Hans Rudolf Vaget widmete sich unter dem Titel "Die Vision am Odeonsplatz" der frühen Erzählung "Gladius Dei", die mit den viel zitierten Worten "München leuchtete" beginnt, und zeigte in ihr Verflechtungen zwischen dem München des beginnenden 20. Jahrhunderts und dem Florenz Savonarolas auf. Professor Friederike Reents beleuchtete darauf die "Selbsthistorisierung" des Schriftstellers in einigen Frühwerken und erläuterte, dass bei Mann eine Rückwärtsgewandheit ebenso wie avantgardistische Tendenzen festzustellen seien. Sven Glawion befasste sich mit Geschlechterverhältnissen anhand der Erzählung "Der Wille zum Glück", die er als literarische Camouflage mit homoerotischem Subtext identifizierte.

Der Samstag war Manns Strategien des Anfangs gewidmet, der Sonntag der Darstellung von Atmosphäre in den Werken. Im letzten Vortrag stand noch einmal das Landhaus an der Heißstraße im Mittelpunkt, dessen Wahrnehmung und literarische Anverwandlung bei Klaus Mann, dem Zweitältesten der sechs Kinder. "Wenn ich Kindheit denke, denke ich Tölz" schrieb er in seinen Erinnerungen "Kind dieser Zeit".

Das Landhaus mit dem großen, nach hinten verwilderten Garten und dem angrenzende Wald, der Klammerweiher, das sei ein "geliebtes Idyll" gewesen. In seiner im Jahr 1926 erschienenen "Kindernovelle" wird Tölz zum literarischen Ort: Das "Café am Wald", der Waldfriedhof, das "Prinz-Luitpold-Genesungsheim" an der Bairawieser Straße sowie "ein kleiner, schmutziger Bahnhof" tauchen auf. Sie bilden den "abgedunkelten Hintergrund", für Klaus Manns Abrechnung mit dem Vater und dessen im gleichen Jahr publizierten Novelle "Unordnung und frühes Leid". Für Klaus ein "Novellenverbrechen", denn im Unterschied zur älteren Schwester Erika komme er selbst darin "schlecht weg", erklärte Professor Wimmer - in der "Kindernovelle" lässt Klaus den Vater und "Überkonkurrenten" sterben.

Damit auch nach dem Thomas-Mann-Jahr die Erinnerung an die Tölzer Jahre des Schriftstellers wachgehalten wird, hat der Tölzer Rupert Wiedenhofer, Mitglied des Historischen Vereins, ein Bronze-Relief mit dem Porträt Thomas Manns in Auftrag gegeben. Am Freitagabend wurde es an der Fassade des Sparkassen-Gebäudes in der Marktstraße feierlich enthüllt. Fast alle 150 Tagungsteilnehmer waren zu der Enthüllung gekommen.