Würdigung Eine neue Heimat in Berlin

Sigrid Heuck 2007 in ihrem Garten in Einöd bei einer Lesung für Kinder und Erwachsene.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Nachlass der Kinderbuchautorin Sigrid Heuck, die lange in Dietramszell gelebt hat, kommt in die Staatsbibliothek der Bundeshauptstadt

Von Anja Brandstäter, Dietramszell/Berlin

Die Übernahme des Nachlasses von Sigrid Heuck wird mit einer Veranstaltung in der Staatsbibliothek zu Berlin gewürdigt. Das hätte Sigrid Heuck gefallen: Zwei Kinder lesen aus ihrem Buch "Cowboy Jim" und spielen dazu Gitarre. Vorleser ist der elfjährige Leonardo Dimeo, er hat gerade den Vorlesewettbewerb seiner Schule gewonnen. Die Zuhörer hängen an seinen Lippen, denn die Geschichte von Cowboy Jim und seinem Pferd, Mister Tramp, ist spannend. Leonardo liest flüssig, betont gut und schickt seine Zuhörer für kurze Zeit in den Wilden Westen.

Die zehn Jahre alte Lea Wollenweber hat für die Veranstaltung drei Gitarrenstücke ausgesucht, die sie perfekt beherrscht. Es scheint beiden großen Spaß zu machen, vor Publikum aufzutreten. Dieses war von weit her angereist und altersmäßig durchaus gemischt. Familie, Freunde, Geschäftspartner und Weggefährten von Sigrid Heuck hatten sich in der Staatsbibliothek zu Berlin versammelt. Anlass war die Übernahme des künstlerischen Nachlasses der Schriftstellerin und Illustratorin in die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Der Zeitpunkt war von langer Hand geplant, denn Sigrid Heuck wäre im Mai 85 Jahre alt geworden.

Als sie im Herbst 2014 starb, hinterließ sie ein Gesamtwerk bisher unbekannten Ausmaßes: darunter Kinderbücher, Illustrationen, Skizzen, Grafiken, Reisetagebücher, Plakate, Spiele und Hampelmänner.

In ihrem Testament hatte sie ihre langjährige Freundin Brigitte Klemm-Neumann als Buchrechteinhaberin eingesetzt. Klemm-Neumann wurde schnell klar, dass sie für den wertvollen Nachlass einen geeigneten Ort suchen musste.

Infrage kamen die Internationale Jugendbibliothek in München und die Staatsbibliothek zu Berlin. Sie entschied sich für Berlin. Das hatte auch mit der rührigen Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, Carola Pohlmann, zu tun. Sie verwaltet unter anderem die Nachlässe von Otfried Preußler und Eva Johanna Rubin und ist auch vom Werk Heucks begeistert.

Aber es gab noch einen weiteren Grund: "Ich fand es praktisch, den Nachlass in Berlin zu haben, weil nicht nur ich hier wohne, sondern auch Marietta und Farida", erklärt Brigitte Klemm-Neumann. Marietta und Farida Heuck sind die Nichten der Schriftstellerin. Farida Heuck hat allerdings zwischenzeitlich mit ihrer Familie Berlin verlassen und lebt im Hof ihrer Großmutter in Bairawies, ganz in der Nähe des ehemaligen Anwesens von Sigrid Heuck.

"Ich freue mich, dass ich ab und zu herkommen kann und Bücher ausleihen, Illustrationen ansehen oder in den Reiseberichten meiner Tante lesen kann", sagt Marietta Heuck. "Der Nachlass wird professionell aufbewahrt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht". Das sind die Aufgaben der Staatsbibliothek, die Carola Pohlmann in ihrer Rede erläutert. Bibliotheken tragen zur Pflege und Bewahrung, aber auch zur Sammlung und Erschließung von Kinder- und Jugendbüchern für Forschungszwecke bei.

"Der Nachlass von Sigrid Heuck ist nicht zuletzt deshalb von so großer Bedeutung für die Staatsbibliothek, weil in ihm sowohl Texte als auch Original-Illustrationen vereint sind", erklärt Pohlmann. Unermüdlich probierte Heuck verschiedene Techniken aus, darunter Kollagen, Bleistiftzeichnungen oder Holzschnitte. Die Breite ihres Werkes für Kinder und Jugendliche ist erstaunlich, es umfasst Bilderbücher, Erstlesebücher, Erzählungen und Romane. Alleine dreiundsechzig Ordner an Reisetagebüchern gelangen in den Besitz der Staatsbibliothek. Denn für ihre Bücher recherchierte Heuck akribisch. Weiterhin enthält der Nachlass Manuskripte, Briefe, Rezensionen und CD Rom Disketten mit nichtveröffentlichten Texten. Eine Goldgrube für die Forschung.

Sigrid Heuck wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mit einer Auflage von mehr als einer halben Million Exemplaren und mehreren Preisen blieb "Pony, Bär und Apfelbaum" (1977) ihr erfolgreichstes Werk. Es wurde in sechzehn Sprachen übersetzt.

In Berlin würden neben Kinder- und Jugendbüchern auch Manuskripte und Autorennachlässe sowie Originalillustrationen erworben, sagt Pohlmann. Bedeutende Autoren hätten bereits Verträge zur Übergabe ihrer Nachlässe mit der Staatsbibliothek zu Berlin abgeschlossen. Derzeit bewahrt deren Kinder- und Jugendbuchabteilung mehr als 10 000 Originale von 135 Künstlern auf. Die Sammlung soll eine Auswahl aus dem Gesamtwerk der Illustratoren bieten, die künstlerische Entwicklung und die Vielfalt der von ihnen angewandten Arbeitstechniken widerspiegeln. Die Staatsbibliothek zu Berlin hat geplant, immer wieder an die Ausnahmekünstlerin Sigrid Heuck zu erinnern, sei es durch Lesungen, Ausstellungen oder Publikationen.