Wolfratshauser Burg Fantastisches Modell

Mitglieder der Loisachtaler Bauernbühne haben die verschollen geglaubte Miniaturausgabe der Wolfratshauser Burg restauriert. Wie diese tatsächlich ausgesehen hat, weiß heute keiner mehr

Von Thekla Krausseneck, Wolfratshausen

Kiloweise Gips, etliche Meter Holzleisten und genau 153 ehrenamtliche Arbeitsstunden: Max Prestel und Thomas Schmidt, Bühnenbauer der Loisachtaler Bauernbühne, haben sich für die Wiederauferstehung der Wolfratshauser Burg mächtig ins Zeug gelegt. Jetzt strahlt die seit Samstag in der Loisachpassage ausgestellte alte Holzburg wieder in frischen Farben - ein kleines Wunder im Anbetracht der schweren Zeiten, die das mehr als 60 Jahre alte Modell überstanden hat. Darüber, wie die Wittelsbacher Residenz ursprünglich ausgesehen hat, kann aufgrund fehlender Erkenntnisse über den genauen Verlauf der Fundamente heute allerdings nur spekuliert werden.

Schuld daran ist ein Unglück, das der Wolfratshauser Burg im Jahr 1734 ein jähes Ende bereitet hat. Als während eines Aprilgewitters der Blitz in den mit 350 Zentnern Pulver gefüllten Burgturm einschlug, zerlegte die Explosion das alte Gemäuer in Trümmer. Diese wurden danach allmählich abgetragen und andernorts wiederverwendet, etwa für den Bau der Residenz in München oder des Vermessungsamts in Wolfratshausen. Das letzte noch existierende Zeugnis der schon zu Zeiten ihres Niedergangs baufälligen Burg könnten Fundamente sein, die im Boden vermutet, jedoch nie ausgegraben wurden.

Das mehr als 60 Jahre alte Burgmodell galt lange als verschollen - 2013 ist es unverhofft wieder aufgetaucht.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nur ein alter, allerdings auch nicht ganz unstrittiger Stich Michael Wenings aus dem Jahr 1701 zeigt, wie die Ostansicht mit Hauptgebäude, Kirche, Turm und Torbau ausgesehen haben könnte. Diesen Teil nahmen Gregor Steigenberger und Bartolomäus Graf 1952 zum Vorbild, um auf Initiative des damaligen Wolfratshauser Bürgermeisters Hans Winibald das gut ein Meter mal zwei Meter große Modell anzufertigen. Die Ostbauten gestalteten die Wolfratshauser nach dem Vorbild des Stichs, dem restlichen Teil der Burg verliehen sie das ihrer Meinung nach wahrscheinlichste Aussehen. Der bekannte Maler Alois Heigl verlieh der Holzburg noch einen farbigen Anstrich, dann wurde das Modell bei einem Umzug anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Landkreises Wolfratshausen bei einem festlichen Umzug der Öffentlichkeit gezeigt. Danach gelangte das Modell auf den Speicher der Hammerschmiedschule, wo es Schülern lange Zeit zu Lehrzwecken gezeigt wurde - bis es eines Tages in den Siebzigerjahren einem Wasserschaden zum Opfer fiel.

Es war der Märchenwald-Betreiber Siegfried Diessl, der sich des Modells annahm und es in seinen Keller verfrachtete. Weil davon nicht alle wussten, setzte sich der Irrglaube fest, das Modell sei entsorgt worden. Diessl beabsichtigte, die Burg in restaurierter Form als Attraktion in den Märchenwald zu stellen, setzte die Idee jedoch nie um, und so geriet die Burg allmählich in Vergessenheit. Nur Siegfried Diessl junior erinnerte sich im Jahr 2013 noch an das Modell im Keller seines Elternhauses. Er erzählte seinem früheren Handball-Gefährten davon: Torsten Sjöberg, dem Vorsitzende der Burgfreunde Wolfratshausen. Die Vereinsmitglieder freuten sich über die Wiederentdeckung sehr - umso mehr, als die Familie das Modell ihnen überließ. Im April nahmen sich die Bühnenbauer der Bauernbühne der Renovierung an, am 18. September waren sie fertig.

Der Landkreis Wolfratshausen feierte 1952 sein 50-jähriges Bestehen. Beim Umzug präsentierte die Stadt das kurz zuvor vollendete Burgmodell.

(Foto: privat)

Wäre das Modell 26 Jahre früher aufgetaucht, gäbe es jenes Modell wohl nicht, das heute im Heimatmuseum steht. Dieses hatte 1987 Georg Hoffischer angefertigt, und zwar nur, weil das erste Modell nicht mehr aufzufinden war. Auch er orientierte sich an Wenings Stich - der auf dem Stich nicht einsehbare Verlauf der Mauer indes ist beim jüngeren Modell ein anderer, darüber hinaus wurden einige Häuser hinzugedacht.