Mega-Investition Kosten und Nutzen

Die S7 soll das Wolfratshauser Gleisdreieck zwischen Königsdorfer und Sauerlacher Straße künftig im Untergrund durchqueren.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nach der Sitzung zur S 7-Verlängerung in der Loisachhalle gibt es unter den Stadträten noch Diskussionsbedarf. Ein kurzer Tunnel und ein langer offener Gleistrog schränken die Vorteile aus Wolfratshauser Sicht ein

Von Matthias Köpf, Wolfratshausen

Die Zahlen, auf die alle warteten, hatte sich Landrat Josef Niedermaier (FW) für den Schluss aufgehoben. Als er am Dienstagabend zum Ende der gemeinsamen S 7-Sitzung des Kreistags und der Stadträte von Wolfratshausen und Geretsried vorschlug, dass der Kreis 70 Prozent der kommunalen Mehrkosten für einen Gleistunnel in Wolfratshausen übernehmen solle und die beiden Städte jeweils 15 Prozent, da war hinten unter den 85 Zuhörern manch anerkennendes Kopfnicken zu sehen. Dann gab es sogar kurzen Applaus. Weiter vorn in der Loisachhalle nahmen die knapp 100 Kreis- und Stadträte den Vorschlag ungerührt auf. Sie waren über ihre Fraktionen längst eingeweiht, und eine Diskussion war für den Abend nicht vorgesehen. Bedarf an einer Debatte haben manche von ihnen aber durchaus.

Schon die Fragen zu den technischen Aspekten der Gleisunterführung unter der Sauerlacher Straße kamen vor allem aus Wolfratshausen, wo eine solche Lösung für die S 7-Verlängerung nach Geretsried seit langem gefordert wird. Denn in den Fraktionen hatten die Räte zwar über die Aufteilung der 17 Millionen Euro gesprochen, die der Freistaat als kommunalen Anteil an den Tunnelkosten verlangt. Den letzten Stand der Planung kannten sie dabei aber nicht. Auf den brachte sie am Dienstag Konrad Daxenberger, der das Projekt im Auftrag der Bahn ausarbeitet. Daxenberger erläuterte auch eine allgemein als unpraktikabel angesehene Tieferlegung der Straße, die mit Mehrkosten von 27 Millionen Euro aber als billigste Lösung ohne Bahnübergang gilt. Daher übernehmen Bund, Staat und Bahn zu je gleichen Teilen auch nur genau diese 27 von insgesamt 44 Millionen Euro, die für einen Tunnel nötig sind. So erläuterte Frank Kutzner von der Obersten Baubehörde im Innenministerium die 17-Millionen-Forderung. Alle Summen beruhen auf dem Preisniveau von 2009, liegen real schon jetzt höher und werden weiter steigen, sagte Kutzner. Dass das laufende Planfeststellungsverfahren durch die nachgeschobene Tunnelplanung wohl erst 2018 und damit zweieinhalb Jahre später zu einem Ende kommen werde, relativiere sich durch den Wegfall langwieriger Streitigkeiten mit Wolfratshausen.

Der dortigen Forderung nach einer Tieferlegung der Gleise wollen die Planer mit einem knapp einen Kilometer langen Trog-Bauwerk erfüllen, das von Norden her auf Höhe des Mühlpointwegs beginnt und erst jenseits der Königsdorfer Straße endet. Auf praktisch der gesamten Länge wird eine massive Betonwanne das Grundwasser abhalten müssen. Einen echten Tunnel soll es aber nur von der Sauerlacher Straße rund 280 Meter nach Süden geben. Darin läge ein Tiefbahnhof mit zwei Gleisen, also einer Begegnungsmöglichkeit für die Züge, wie sie für den jetzigen S 7-Takt und auch für dereinst dichtere Takte nötig ist. Der Mittelbahnsteig soll Zugänge von nördlich der Sauerlacher Straße und vom jetzigen Gleisdreieck aus erhalten. Auf der restlichen Länge aber, also zwischen dem jetzigen Bahnhof und dem für ein Einkaufszentrum vorgesehenen Kraft-Areal sowie auf dem größeren Teil des Gleisdreiecks, bliebe das Bauwerk ein nach oben offener Trog, der mit Zäunen geschützt werden müsste. Die nahe Siedlung an der Zugspitzstraße, aus der Proteste gegen die bisherige Planung gekommen waren, soll von Baufahrzeugen verschont bleiben, die nun von der Wettersteinstraße über eine Behelfsbrücke zum Gleisdreieck gelangen sollen.

Was denn auf dem Tunnel alles geplant werden könne, fragte der Geretsrieder Stadtrat Robert Lug (FW) im Bemühen, Vorteile für Wolfratshausen erkennbar werden zu lassen. Doch Daxenbergers Antwort lautete, dass gar keine freie Fläche entstehe - außer dem jetzigen Bahnhofsgebäude, wie Niedermaier anfügte. Ein längerer Tunnel unter dem Gleisdreieck werde wegen der Sicherheitsvorschriften auch viel teurer, sagte Daxenberger auf eine Frage von Alfred Fraas (CSU), der in Wolfratshausen auch Vorsitzender der "Bürgerinitiative zur Querung der Sauerlacher Straße mit der S-Bahn" ist. Die meisten Fragen bezogen sich auf die Notwendigkeit, während der vier bis fünf Jahre Bauzeit das bestehende Industriegleis nach Geretsried befahrbar zu halten, worauf die Geretsrieder im Interesse ihrer Firmen bestehen und die Planer wegen des darauf transportierten Gefahrguts, das auf die Schiene gehöre und nicht auf die Straße. Der laufende Betrieb des Gleises mache einen abschnittsweisen Bau nötig, die Mehrkosten dadurch seien erheblich, lägen aber sicher nicht im zweistelligen Millionenbereich, sagte Daxenberger. Genauere Zahlen, wie von einigen Wolfratshausern gefordert, habe er nicht parat. Wegen des Gefahrguts sei ein Industriegleis im Tunnel aber noch teurer.

Niedermaiers 70-Prozent-Vorschlag zur Kostenteilung stieß speziell bei den Wolfratshausern auf gemischte Reaktionen. So sieht ihn Fritz Schnaller (SPD) als "sehr honoriges Angebot". Allerdings zahle Wolfratshausen auch am Kreis-Anteil per Umlage mit, so dass auf die Stadt insgesamt nach alten Zahlen rund 4,5 Millionen und irgendwann womöglich acht Millionen Euro entfielen. Dies betonte auch Markus Höft (BVW): 15 Prozent könnten ein fairer Anteil sein - "aber 15 Prozent von was?" Der stets vorsichtige Stadtkämmerer Roland Zürnstein zeigte sich aber aufgeräumt: "Auf der Basis werden die Dinge finanzierbar." Fraas äußerte sich tags darauf vor allem wegen des kurzen Tunnels enttäuscht: "Ich sehe den Vorteil für Wolfratshausen nicht." Die Kostenaufteilung werde die Stadt hinnehmen müssen, aber "wenn wir uns schon mit einem so großen Anteil beteiligen", dann müsse über die Planung auf jeden Fall noch diskutiert werden.

Dass die Möglichkeit besteht, betonte Ministeriums-Mann Kutzner: "Wir sind ganz am Anfang des Planungsprozesses." Niedermaier bat die Räte in ihren jeweiligen Sitzungen Ende Juli um ein "gemeinsames kraftvolles Zeichen", um der ganzen Region eine zukunftsträchtige "Mega-Investition" von Bund und Land in Höhe von fast 170 Millionen Euro zu sichern.