Wirtshaussingen im Binderbräu Kein schöner Lied in dieser Zeit

Das Wirtshaussingen kommt in Bad Tölz sehr gut an. Manche Texte werden ausgegeben, andere müssen die Sängerinnen und Sänger auswendig drauf haben.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Kurkantor Marnitz und Kurpfarrer Fischer gestalten mit zwei Dutzend Tölzern einen bayerisch-westfälisch-preußischen Chorabend

Von Elena Winterhalter, Bad Tölz

Die ersten Verse klingen noch etwas zaghaft. Die Stimmen müssen erst ihren Platz im Chor finden. Der weißhaarige Mann am Akkordeon nickt den Singenden im Walzertakt aufmunternd zu. "Guten Abend, guten Abend", frei und ohne Notenblatt. Die Sänger sind textsicher. Schon nach den ersten Liedzeilen klingen die rund 25 Stimmen mächtig.

Kurkantor Heinz L. Marnitz und Kurpfarrer Peter M. Fischer, beide seit Anfang August in der evangelischen Kirchengemeinde Bad Tölz als Urlaubsvertretungen tätig, haben zu diesem Singabend am Donnerstag ins Gasthaus Binderbräu eingeladen. Die Tölzer sind in Klassenstärke gekommen, so dass sich die beiden pünktlich um 19 Uhr einem Chor aus motivierten Sängern gegenüber sehen. Der in der Einladung bayerisch anmutende Abend wird westfälisch-preußisch angeleitet. Der Kurpfarrer aus dem Ruhrgebiet moderiert die musikalische Reise quer durch Deutschland. Kurkantor Marnitz mischt ein bisschen Berliner Mundart hinein.

So dauert es nicht lange, bis Köpfe im Takt nicken, Füße in Sandalen wippen, Oberkörper sachte schunkeln und Finger den Rhythmus auf Tischplatten klopfen. Ein angeregtes Raunen dann, als Fischer das Rübezahl-Lied "Hohe Tannen weisen die Sterne" ankündigt. Textblätter rascheln, hie und da noch ein Räuspern. Der Berliner spielt die Melodie auf dem Akkordeon, zwischendurch werden Brotzeit und Flammkuchen verzehrt. Es stört nicht, dass es ab und an holpert im Rhythmus und dass die einzelnen Tische die Pausenlängen ein bisschen unterschiedlich interpretieren.

"Wir kommen fast jedes Mal zu den Singtreffen", sagt Ute Reuter. Sie und ihr Mann teilen sich eins der Liedhefte. "Es ist einfach wunderbar zu singen." Das Ehepaar lebt seit sieben Jahren in Bad Tölz. Früher hätten die Singtreffen noch im Gemeindehaus stattgefunden. Jetzt komme man in unregelmäßigen Abständen im Wirtshaus zusammen. Einige der Lieder singt Ute Reuter auch mit ihren Enkelkindern. Zum Beispiel das deftige "Bolle reiste jüngst zu Pfingsten". Da betteln die Enkel dann: "Oma, singst du noch mal das schlimme Lied?"

Jedes Jahr werden in Bayern für die Urlaubszeit rund 80 Kurseelsorgerstellen und Kurkantorstellen ausgeschrieben. "Wer an dem Programm teilnehmen möchte, kann drei bis vier Wunschstellen angeben", erklärt Fischer. Dann entscheidet das evangelische Dekanat in München, wer wo Urlaubsvertretung macht. "Kurlaub", nennt Marnitz den vierwöchigen Aufenthalt in Bad Tölz. Fischer, der in Bayern bereits zum achten Mal Urlauberpfarrer ist, sagt: "Man springt schon jedes Jahr aufs Neue ins kalte Wasser." Er schätzt es aber, dass man " neue Orte und viele Menschen kennenlernt". Und Marnitz fügt hinzu: "Bayern ist landschaftlich einfach Spitze!" Er und seine Frau Sonia haben den Sommer ebenfalls schon öfter in Bayern verbracht. Bad Wörishofen, Bad Reichenhall, in den Kurregionen eben. Besonders gut gefallen habe ihnen hier in und um Bad Tölz der Ausflug auf das "Brun..., nein, Brenneck". Der Kellner hilft aus: "Brauneck."

Von Schlesien ziehen die Singenden weiter: Das Lied "Wo die Nordseewellen" muss wieder auswendig gehen, der Text steht nicht im Heft. Das Original wird plattdeutsch gesungen. Der Berliner kann's. Marnitz kommt ursprünglich aus dem norddeutschen Rotenburg an der Wümme - "mit Kontakt zur Nord- und Ostsee". Erstaunlich viele fallen mit ein in die plattdeutsche Mundart, und für kurze Zeit wird der Mann am Akkordeon zum Kapitän und das oberbayerische Wirtshaus zur Hafenkneipe.

Nach eineinhalb Stunden mit Volksliedern, Klassikern und dem einen oder anderen Kanon setzt "Kein schöner Land" den Schlusston des Abends. Wahrscheinlich hätte der Chor noch lange weitergemacht. Fischer und Marnitz entlassen ihre Sängerinnen und Sänger aber mit einer guten Nachricht - und einer Hausaufgabe. "In zwei Wochen, wenn Sie wollen, treffen wir uns wieder hier. Und überlegen Sie sich Ihr Lieblingslied." Dabei zeigt der Kurkantor auf einen dicken Ordner voll mit Notenblättern.