Urban Priol in Wolfratshausen Zum Haareraufen

Urban Priol gibt in der ausverkauften Loisachhalle viele Tipps, damit wir, die Bürger, ein wenig anarchistischer werden.

Von Barbara Szymanski

Dass Urban Priol etwas umtreibt, das ist deutlich zu sehen: Er rauft sich ständig die Haare. Über das, was in diesem Land, in Europa, mit Rettungsschirmen, Totsparen, ewigen Krisen und in der Welt geschieht und was nicht. Und über uns. Uns Bürger, die mit hängender Unterlippe und dumpfen Augen den ganz normalen Wahnsinn mit ansehen und uns wegducken. Das tut der Kabarettist nicht.

Seit 30 Jahren stapft er unermüdlich über die Bühnen des Landes und verpackt harsche Kritik an denen, die uns, den Souverän, zu vertreten und zu führen versuchen, in Ascheberscherisch. Das ist dieser weiche unterfränkische Dialekt, der rund um Aschaffenburg gebabbelt wird. Doch nicht allein darauf setzt der mit 18 Preisen hochdekorierte Kabarettist, Parodist und Leiter der ZDF-Sendung "Neues aus der Anstalt". Er ist ein begnadeter Komödiant, aber so weit weg von den platten Comedians wie seine geraufte Haartracht von der hohen Stirn.

Kein Wunder, dass sich die voll besetzte Loisachhalle köstlich amüsiert, ja gelegentlich Schadenfreude offen zeigt und manche Sprüche oder Spitznamen von Politikern nachbabbelt. Der Fipsi ist so einer. Der Philipp Rösler. Oder der Fraktionspudel Volker Kauder und auch die Renten-Uschi (Ursula von der Leyen). Und unsere Deutschland-, Europa- und Weltleiterin s'Angela. Angela Merkel. Sie sowieso.

Nicht einmal vor dem bislang unangreifbaren Bundespräsidenten Joachim Gauck zeigt Urban Priol Respekt. "Der ist doch stets zerfurcht wie eine moralische Endmoräne." Na, da wird gelacht: Endmoräne! Und immer wieder Merkel. Ihr Zaudern und Taktieren, ihre marktkonforme Demokratie, für die sich nur die Chinesen interessieren. Sie steht im Mittelpunkt. Er hat ihre Körpersprache gründlich studiert, legt Daumen und Zeigefinger wie die Kanzlerin zum perfekten Dreieck und doziert in Uckermärkisch, das immer etwas vorwurfsvoll klingt.

Manchmal genügen Stichworte wie Michael Glos mit mindestens vier stimmlichen O's, dass gekichert wird. Ja auch dieser amts- und überhaupt müde ehemalige Wirtschaftsminister habe so ganz nebenbei 586 333 Euro dazu verdient. Hähä, tönt es aus den fröhlichen Zuschauerreihen. Damit das Ganze dann doch nicht zu einem Staatskundeunterricht gerät, baut Priol immer hübsche Szenen ein wie die mit Bond-Darsteller Roger Moore, der nach einer Liebesnacht in den Bergen ins Tal abfahren will.

Seine Gespielin räkelt sich in den Laken und ruft: "Ich brauche dich." Moore antwortet kühl: "England auch." Diese Coolness scheint Priol zu imponieren. Denn er ist niemals kühl - drei Stunden lang nicht bei seinem Programm "Wie im Film". Er tobt mit Wortspielen, fasst zusammen, was nicht zusammengehört, und er scheut sich auch nicht vor heiklen Themen wie der sogenannten Zwickauer Szene und dem Verfassungsschutz, der nachgerade verfolgt wird von aktenhungrigen Schreddermaschinchen.

Die spielen in Hannover keine Rolle. Dort sei vielmehr das Wasser schuld, dass am Leine-Ufer so viele Politiker geboren werden: Wulff, Gerhard Schröder, Kristina Schröder, ja und eben auch Fipsi. Brüderle nicht. Der habe überhaupt in der Tigerenten-Koalition andere Aufgaben, wie in Morgenmagazinen mit Restalkohol zu schwafeln.

Urban Priol gibt viele Tipps an diesem Abend, damit wir, die Bürger, ein wenig anarchistischer werden: Fünf Euro beim Finanzamt abgeben - einfach so. Da werden sich die Finanzbeamten dann mal die Haare raufen.