Unterrichtsprojekt Gegen das Vergessen

Geretsrieder Realschüler setzen sich kreativ mit der NS-Zeit auseinander. Bei der Vernissage ihrer Ausstellung bekennen sie sich zu Zivilcourage und Menschenrechten.

Von Wolfgang Schäl

Das Entsetzliche nicht nur verstandesmäßig wahrnehmen, sondern es auch emotional verarbeiten und damit erst wirklich verstehen - nach diesem pädagogischen Konzept haben sich Geretsrieder Realschüler im Rahmen eines fachübergreifenden Unterrichtsprojekts ein Jahr lang immer wieder mit den Verbrechen der Nazis auseinandergesetzt.

Ein möglicher, wenngleich nicht angenehmer Weg zum Erkennen des Grauens führt über die Kunst, und den sind die Schüler zweier zehnter Klassen in den vergangenen Wochen mit großer Ernsthaftigkeit gegangen. Entstanden sind düstere, teils erschreckende Bilder. Zu sehen sind sie im Flurbereich der Schule, wo die Resultate des Unterrichts bei einer Vernissage vorgestellt wurden. Das Datum der Eröffnung in dieser Woche war bewusst gewählt - der 9. November des Jahres 1938 ist als Pogromnacht in die Geschichte eingegangen.

Eine gefesselte Taube sieht man da unter den Exponaten, Titel: "Die gefangene Freiheit"; einen gehenkten Menschen und einen abgeschlagenen Kopf ("Der hängende Mann"), zwei gestreifte Häftlingsuniformen ("Anonym"), eine stilisierte Pistole ("Gottes Auge und der Krieg") und, in Kreide auf schwarzem Untergrund, eine Gefängnisszene ("Month ago"). Aus Stoffbahnen haben Schüler schließlich eine von den Nationalsozialisten erdachte Form der Zelle in den Originalabmessungen nachgebildet, in der Häftlinge bei Tag und Nacht nur stehen konnten - eine besonders grausame Form der Folter.

Maja Sliwinski will sich stark machen für die Menschenrechte

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ergänzt wird die kleine Ausstellung durch einen Infoteil, über dem mahnende Worte Max Mannheimers stehen, sie sind gewissermaßen die pädagogische Quintessenz der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was passiert ist", hatte der im September 2016 gestorbene jüdische Auschwitz-Überlebende der jungen Generation zugerufen, "aber ihr seid dafür verantwortlich, dass es nicht wieder passiert."

In seiner Eröffnungsrede bescheinigte Schulleiter Christian Zingler den beiden zehnten Klassen, "was ganz Tolles geschaffen zu haben", es sei den Schülern gelungen, "das Thema NS-Gewalt in Bildern zu erfassen". Zingler fühlte sich erinnert an Worte des Malers Max Beckmann: "Wenn ich das Geschehene mit Worten beschreiben könnte, müsste ich keine Bilder malen." Der Ansatz, den Lernprozess des einjährigen Unterrichtsprojekts in Bilder umzusetzen, ist nach den Worten des Realschulrektors auf beeindruckende Weise gelungen. Die Angst und die Hoffnungslosigkeit der NS-Opfer, die ihrer Identität beraubt wurden, seien vor allem über die beeindruckende grauviolette Farbigkeit der Bilder kreativ umgesetzt worden.

Adrian Niemand ist vom Besuch der Gedenkstätte beeindruckt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Verarbeitet haben die Schüler der Klassen 10 e und 10 f unter anderem ihre Eindrücke von einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau und einem ganztägigen Workshop im Dachauer Max-Mannheimer-Haus, einer außerschulischen Bildungseinrichtung für junge Menschen aus aller Welt. Mannheimer war zweimal in der Geretsrieder Realschule zu Gast gewesen und hat ihr eine selbst angefertigte Grafik geschenkt, die ebenfalls Gegenstand der Ausstellung ist. Für deren Organisation zeichneten insbesondere die Kunsterzieher Max Blauhuth (Klasse 10 e) und Claudia Schletzer (10 f) verantwortlich, für die geschichtliche Aufarbeitung Sigrid Roik-Heindl.

Dass die Lehrer den richtigen Weg zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gefunden haben, bestätigte der 15-jährige Schüler Adrian Niemand: Beim Besuch der Gedenkstätte habe "jeder darüber nachgedacht, wie das alles passieren konnte", sagte er. Man sei dann "mit einem ganz anderen Gefühl auf die Fakten zugegangen". Ähnlich schilderten es die Schülerinnen Rebekka Hofbauer und Maja Sliwinski, die in einem Kurzreferat auf den Verlauf des Unterrichtsprojekts zurückblickten: "Alle sind sich einig, dass so was Schreckliches nie wieder geschehen darf. Wir müssen uns stark machen und mit Zivilcourage für die Menschenrechte eintreten."