Thomas-Mann-Jahr Runter vom Rasen!

Die Eröffnung musste wegen des großen Andrangs vom Stadtmuseum in die Franzmühle verlegt werden.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Experten wundern sich beim Festakt, dass Bad Tölz sich erst jetzt auf seinen prominentesten Villenbesitzer besinnt. Und sie zeigen, wie streng der Autor mit seinen Kindern war.

Von Klaus Schieder

Der Grund für das Thomas-Mann-Jahr in Bad Tölz wirkt ziemlich an den Haaren herbeigezogen: Vor 100 Jahren hat der Literaturnobelpreisträger seine Sommervilla, die er 1908 an der Heißstraße errichten ließ, wieder verkauft. Auf den ersten Blick sei das als Anlass schon "etwas weit hergeholt", meinte Dirk Heißerer bei der offiziellen Eröffnung des Jubiläumsjahrs vor 150 Zuhörern am Mittwochabend im Saal des Pfarrheims Franzmühle. Auf diese Idee müsse man erst mal kommen. Zugleich zeigte sich der Vorsitzende des Thomas-Mann-Forums München jedoch erfreut, dass sich Bad Tölz mit seinem wohl bedeutendsten Villenbesitzer zum ersten Mal überhaupt ernsthaft auseinandersetzt. "Lange Zeit waren es hier nur Einzelpersonen, wenn nicht gar Einzelkämpfer, die sich des Themas Thomas Mann angenommen hatten", sagte Heißerer.

Vorträge, Führungen, die Jahrestagung der Thomas-Mann-Gesellschaft aus Lübeck, Kinoabende, ein Thomas-Mann-Bier und Thomas-Mann-Menüs: "Was will man mehr", lobte Heißerer den bunten Veranstaltungsreigen, der sich durch das ganze Jahr ziehen wird. Ideengeber und Organisator ist der Dritte Bürgermeister Christof Botzenhart (CSU). Er hofft, dass mit dem Gedenkjahr nicht bloß ein Feuerwerk abgebrannt wird, wonach der Schöpfer der " Buddenbrooks" in der Kurstadt wieder in Vergessenheit verfällt. "Das Schönste wäre, wenn es uns gelänge, dieses Jahr nicht als einen einsamen Höhepunkt zu nehmen, sondern als Anlass für eine künftig kontinuierliche, aktive Erinnerung an die Familie Mann in Bad Tölz", wünschte sich Botzenhart. Auch Bürgermeister Josef Janker (CSU) hob in seiner Begrüßungsrede hervor, dass das Ganze "nicht eine Eintagsfliege" bleiben solle.

1917 verkaufte Thomas Mann die Tölzer Villa, wo er fast zehn Jahre lang mit seiner Familie die Ferien verbracht hatte.

(Foto: Thomas-Mann-Archiv Zürich)

Ein Leitmotiv des Eröffnungsabends war die Neuauflage des Buchs "Nicht auf der Rasenkante gehen - Die Familie Mann und ihr Landhaus in Bad Tölz 1908 bis 1917". Daniel Lang wählte dieses Sujet vor gut zehn Jahren für seine Magisterarbeit. Bei seinen Recherchen stieß der Frankfurter in der Kurstadt meist auf Achselzucken: "Man wusste nicht einmal, wo Mann 1908 die erste Sommerfrische in Tölz verbrachte." Lang fand dann selbst heraus, dass sich der Schriftsteller in der Villa Held einquartiert hatte, die nicht mehr existiert. "Das war der glücklichste Fund meiner Arbeit", sagte er. Damit weckte er auch das Interesse von Dirk Heißerer, der die Magisterarbeit in die Schriftenreihe des Freundeskreises Thomas Mann in München aufnahm, dem späteren Thomas-Mann-Forum. Der Titel "Nicht auf der Rasenkante gehen" sei eine Erinnerung von Erika Mann an ihren Vater, sagte Heißerer. Das Tölzer Landhaus ist die erste von vier Villen, die sich der berühmte Schriftsteller bauen ließ - die anderen sind die Villa in München, das Ferienhaus im litauischen Nidden und die Villa in Pacific Palisades in Kalifornien, die 2016 von der Bundesrepublik gekauft wurde. Seiner ältesten Tochter zufolge hat Thomas Mann "das Haus in Tölz über alle Maßen geliebt" und demzufolge "sehr darauf geachtet, dass nichts kaputt ging". Deshalb bekamen die Kinder bei gemeinsamen Spaziergängen im Garten auch zu hören, sie sollten "nicht auf der Rasenkante gehen" - was sie sich wegen des Metrums gut merkten, wie Heißerer kolportierte.

Die Neuauflage des Buchs ist der akribischen Forschungsarbeit des Tölzers Martin Hake geschuldet, der viel Neues über die Manns in Bad Tölz zu Tage förderte. Unter anderem entdeckte er im Stadtarchiv den Briefwechsel 1910/1911 zwischen dem berühmten Autor und Bürgermeister Alfons Stollreither. Darin ging es um den Spazierweg im Norden des Villengrundstücks, der Mann störte, weshalb er noch Grund dazu kaufen wollte. Der Dichter schrieb in ausgesprochen höflichem Ton an den Bürgermeister, der wiederum eine Genehmigung des Grunderwerbs in Aussicht stellte, wenn sich Mann mit einer Spende am Bau des Prinzregent-Luitpold-Genesungsheims beteilige, der heutigen Von-Rothmund-Schule. "Lokalpolitik pur", meinte Heißerer leicht amüsiert. Für das erweiterte Buch habe er getan, was er am liebsten mache, sagte Hake. "Ich habe Detektiv gespielt." Die Knochenarbeit für den neuen Band habe Heißerer geleistet. Hake dankte allen, die ihm bei seinen Recherchen halfen, und Schwester Edelhild von den Armen Schulschwestern, denen die Mann-Villa seit 1926 gehört. "Ich bin hoffnungsvoll, dass wir noch mehr herausfinden und dass es eine weitere Neuauflage geben wird", avisierte Hake. Weil Thomas Mann von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurde, gelte es bei aller literaturwissenschaftlichen und literaturtopografischen Untersuchung immer auch, verlorene Werte zu sichern, meinte Heißerer.

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Dies versuchte auch der Lehrer Ludwig Zollitsch, der in den Sechzigerjahren dafür kämpfte, die damalige Oberrealschule - das heutige Gabriel-von-Seidl-Gymnasium - nach Thomas Mann zu benennen. Ohne Erfolg. "Damals fiel angeblich das Wort, Mann sei ein Volksverräter gewesen", so Heißerer. Nahe der Villa gibt es eine Ludwig-Thoma-Straße, aber keine Thomas-Mann-Straße - dabei hatte Thoma mit Tölz weit weniger zu tun als Mann. 1989 pflanzte Golo Mann fünf Tage vor dem Fall der Berliner Mauer eine Friedenseiche am Klammerweiher, den sein Vater im Roman "Doktor Faustus" beschreibt, allerdings nach Polling verlegt. 2005 wurde die Eiche von Unbekannten mit zwei Schnitten angesägt und zum Absterben gebracht. Die Täter wurden nie ermittelt.

Der Freundeskreis Thomas Mann um Johanna Zantl, der vor 20 Jahren etliche Veranstaltungen über den berühmten Schriftsteller im Garten seiner Tölzer Villa organisierte, sorgte dafür, dass am Klammerweiher ersatzweise sechs Bäume neu gepflanzt wurden - je eine Baumart für jedes Familienmitglied der Manns in den Tölzer Jahren. Dazwischen ließ die Stadt indes eine metallene Hundetoilette aufstellen. Dies könne "als Hommage an den Hund der Familie Mann nicht recht überzeugen", meinte Heißerer mit ironischer Kritik.

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