SZ-Adventskalender Der Fernseher als Tor zur Welt

Bernd M. ist wegen einer chronischen Lungenentzündung auf eine Atemmaschine angewiesen, um Luft zu bekommen

Von Claudia Koestler, Bad Tölz-Wolfratshausen

In regelmäßigen Abständen saugt die Maschine neben dem Bett mit einem puffenden Geräusch den Sauerstoff aus der Luft ein. Sie filtert, reinigt und führt ihn über Schläuche in die Nase von Bernd M. (Name geändert). Der 73-Jährige braucht die Maschine, um ausreichend Luft zum Atmen zu bekommen. Er leidet an einer chronischen Lungenerkrankung. Doch das ist nur das eine: "Ich habe quasi alles, was der liebe Gott verboten hat", sagt Bernd M. und ringt sich unter den Plastikschläuchen ein ironisches Lächeln ab. Er hat noch Diabetes, Arthrose und eine schwere Herzinsuffizienz. Zudem quälen ihn immer wieder innere Blutungen, für die die Mediziner noch keine Ursache finden konnten. Die Ärzte haben Bernd M. aber vorsorglich schon mal einen Shunt gelegt, um schneller reagieren zu können, wenn wieder ein Notfall eintritt.

Wie Bernd M. auf seiner Bettkante sitzt, angehängt an seine Atemhilfsmaschine, wäre allein schon ein trauriges Bild. Doch das Zimmer, das dem 73-Jährigen nach einem langen und harten Arbeitsleben bleibt, ist das Gegenteil von Wohlfühlatmosphäre: Wenige Quadratmeter ohne Fenster in einem heruntergekommenen Gebäude. Zimmer ist vielleicht zuviel gesagt, es wirkt wie eine längliche Schrankwand. Eine solche füllt auch den gesamten Raum aus, von der Art, wie sie bereits in den 1970er-Jahren unmodern war. Ein kleines Regal, ein Stuhl, auf dem der Fernseher und Receiver stehen, und ein kleiner, Tisch mit den Medikamentenschachteln darauf, vervollständigen das Mobiliar.

Das Bettgestell, das aus dem alten Wandschrank geklappt ist, ist schief, die Matratze durchgelegen. Behelfsmäßig hat Bernd M. alte Bücher auf einer Seite unter die Matratze gestapelt, um sie etwas aufzurichten. "Ich kann nicht ganz flach schlafen, da käme zuviel Wasser in die Lunge und ich wäre weg", sagt er pragmatisch.

Jammern aber ist nicht seine Art. Geduldig nimmt Bernd M. die Wohnsituation genauso an wie seine gesundheitlichen Probleme. Über den Besuch freut er sich sichtlich und darüber, dass er ein bisschen erzählen kann. Er hält ein altes Foto in den Händen - aus besseren Tagen. Es zeigt einen stolzen Vollblüter, der von einem Hund an einem Strick geführt wird. "Das ist ein Schnappschuss von einem Hof, auf dem ich war", sagt er.

Bernd M. arbeitete als Kutscher und Pferdepfleger. Zunächst war er für eine Münchner Brauerei tätig. Er lenkte die schweren Wagen, vor die prächtig geschmückte Kaltblüter gespannt waren, durch die Straßen der Landeshauptstadt. Weil aber zu den Aufgaben des Kutschers gehörte, die schweren Bierfässer zu heben und zu schleppen, ging das allmählich auf die Gelenke. Arthrose machte sich in den Knien breit. Er heuerte daher in einem Reitstall auf Sylt an. Auf der Insel kümmerte er sich liebevoll um die Pferde der Reichen und Schönen. Geschätzt hätten diese seine Arbeit, und die Tiere liebte er sowieso.

Doch ein schwerer Arbeitsunfall riss ihn aus dem Beruf: Mit schweren inneren Verletzungen schrieben ihn die Ärzte fast schon ab, eine Schwester hört er noch sagen; "Der steht uns nicht mehr auf." Doch Bernd M. überlebte - und arbeitete weiter. Mit 66 Jahren merkte er schließlich, dass die Kräfte schwanden.

Mit der Rente kam der Abstieg: Auch wenn der 73-Jährige seinen Beruf lange und leidenschaftlich ausgeübt hatte, so waren die Sozialversicherungsbeiträge nie hoch gewesen - und somit seine Rente winzig. Seither lebt er in dem kleinen Zimmer, das den Namen kaum verdient, und mit dem Fernseher als Tor zur Welt. Er bringt ihm Bilder, die ihn zumindest in Gedanken und für kurze Zeit aus der Wohnsituation und der Realität seiner Krankheiten holen.

Der Fernseher ist allerdings kürzlich kaputt gegangen. Bernd M. sitzt seither alleine, auf dem defekten Bett, nur mit seinen Erinnerungen als Ablenkung - und dem regelmäßigen Geräusch der Atemmaschine.