Sylvensteinspeicher Wächter des Isartals

Betriebsleiter Christoph Bauer in der Schaltzentrale am Sylvensteindamm. Per Knopfdruck steuert er den Abfluss des Stausees.

(Foto: Manfred Neubauer)

Gewaltige Wassermassen schießen mit unvorstellbarer Wucht aus einer Felsöffnung: der Sylvensteinspeicher im bayerischen Oberland ist randvoll. In sicherer Entfernung entscheiden Menschen darüber, wie sich das Hochwasser an anderen Orten entwickelt.

Von Suse Bucher-Pinell

Der Wächter über den Wasserspiegel des Sylvensteinsees sitzt weit weg von der Naturgewalt, in Weilheim. Thilo Lang, Fachbereichsleiter Talsperren und Hochwasser-Vorhersage-Zentrale (HVZ), hat seinen Schreibtisch im Wasserwirtschaftsamt, einem schmucklosen Behördenbau mitten in der Stadt. Ein Büro mit Telefon, Computern und Bildschirmen, ziemlich unspektakulär, aber mit direktem Draht zu den Wetterdiensten, dem Innenministerium, der Regierung von Oberbayern und den Landratsämtern. Ein permanenter Austausch von Daten, Durchflussvolumen, Pegelständen und Niederschlagsmengen, um damit immer wieder neu zu entscheiden, was in der Betriebszentrale am Sylvenstein zu tun ist. "Wir führen die Informationen zu einem Gesamtkunstwerk zusammen", sagt Lang leicht scherzhaft.

In Weilheim wird festgelegt, was fast 70 Kilometer weiter weg per Knopfdruck umgesetzt wird. Sollen die Wasserschütze, die Tore, geöffnet und mehr Wasser in die Isar abgelassen werden? Oder sollen sie geschlossen werden, um den Pegel des Flusses nicht noch weiter ansteigen zu lassen, was Auswirkungen über Lenggries und Bad Tölz hinaus bis nach München, Passau oder Deggendorf hat? 175 Kubikmeter Wasser je Sekunde rauschten am Dienstagvormittag durch zwei der unterirdischen Stollen und verursachten am Auslass in den der Isar vorgeschalteten Kolksee einen Höllenlärm.

Unvorstellbare Wassermassen

Höllenlärm am Kolksee: Auslass des Grundablassstollens in die Isar am Sylvensteinspeicher

(Foto: Manfred Neubauer)

Es ist ein beeindruckendes Schauspiel, wie das Wasser mit Wucht aus der Felsöffnung schießt, meterhoch aufgewirbelt zu Gischt. Zu Spitzenzeiten in den vergangenen Tagen waren es 225 Kubikmeter pro Sekunde. Riesige Mengen, die sich kein Mensch vorstellen kann. Christoph Bauer, der Betriebsleiter am Sylvensteinsee, liest sie als digitale Leuchtziffern an der Wand des Leitstands im Betriebsgebäude ab.

Es steht ein Stück abseits des Kolksees an der Bundesstraße, von den lärmenden Wassermassen ist dort nichts mehr zu hören. Schreibtische mit Computer und Bildschirmen sind derzeit rund um die Uhr besetzt. Die Mitarbeiter müssen nicht nur auf Anweisung aus Weilheim warten, sie haben auch am Sylvensteinspeicher selbst noch "extrem viel Abstimmungsbedarf", sagt Bauer.

Die Wasserschütze zu regulieren ist ein einfacher Handgriff. "Ein Knopfdruck", sagt Bauer und setzt seinen Zeigefinger auf einen runden schwarzen Punkt. Am Dienstag sind nur noch zwei geöffnet. "Gesteuert geöffnet", ergänzt er. Denn es gibt auch welche, die nicht zu steuern sind.

Wie in einer Badewanne

Als der Pegel des Sylvensteinsees noch mehr als einen halben Meter höher war, wären fast auch die Hochwasserentlastungsanlagen zum Einsatz gekommen, die wegen ihrer Form landläufig Tempel genannt werden. Dann läuft das Wasser wie in einer Badewanne automatisch über einen Überlauf in den Kolksee, während bis zur Dammkrone immer noch sechs Meter Platz sind.

Dank optimaler Steuerung mussten sie bei diesem Hochwasser nicht einspringen - obwohl es hieß, dass der See randvoll sei. Insgesamt wurden 62 Millionen Kubikmeter Wasser bisher zurückgehalten und gespeichert. Bis Mitte oder Ende nächster Woche wird es vermutlich noch dauern, bis das Volumen abgegeben ist und wieder Normalzustand am Sylvenstein herrscht.

Wenn es tatsächlich Sommer werden sollte, muss Bauer die Schütze immer noch steuern, so, dass die Isar genug Wasser bekommt. Das heißt dann Niedrigwasseraufhöhung. Funktioniert aber auch per Knopfdruck.