Stadtbücherei-Chefin geht Das nächste Kapitel

Nach 23 Jahren bei der Stadtbücherei in Wolfratshausen übergibt Andrea Poloczek die Leitung an Silke Vogel. Den Ruhestand will sie vor allem für eines nutzen: Lesen.

Von Konstantin Kaip

Wechsel an der Spitze der Stadtbücherei: Andrea Poloczek (r.) übergibt die Leitung an ihre bisherige Stellvertreterin Silke Vogel. Sie verabschiedet sich mit einem weinenden, aber vor allem mit einem lachenden Auge.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ein Leben ohne Bücher kann sich Andrea Poloczek nicht vorstellen. "Ich habe immer viel gelesen", sagt die 64-Jährige, die schon als Kind mit ihrer Großmutter in ihrer niedersächsischen Heimatstadt Helmstedt regelmäßig die Bücherei besucht hat. Für sehr viele Wolfratshauser gehört Poloczek mit ihrer Brille, ihrem Pagenschnitt und ihrem norddeutschen Charme zum Lesen dazu: Schließlich arbeitet sie seit fast 23 Jahren in der Stadtbücherei, die meiste Zeit davon als Leiterin. Dass sie Ende Juni in den Ruhestand geht und das Amt an ihre Stellvertreterin Silke Vogel abgibt, ist für viele Leser schwer vorstellbar. Vor Kurzem habe sie eine ältere Frau aus Waldram zu Hause angerufen, erzählt Poloczek. "Oh Gott, Sie hören auf", habe sie gesagt. "Ich habe sie beruhigt: Das Team bleibt. Es geht ja weiter."

Als sie im Stadtrat zum letzten Mal den Jahresbericht für die Stadtbücherei vortrug, sagte Poloczek, sie gehe mit einem lachenden und einen weinenden Auge. Wenn sie nun wie jeden Dienstag in der Waldramer Bücherei sitzt und erzählt, merkt man ihr ein wenig Wehmut an. "Ich bin gerne hier", sagt Poloczek über die Waldramer Filiale. Nicht nur, weil sie seit mehr als 40 Jahren in dem Stadtteil wohnt, sondern auch, weil sie dort 1995 als ehrenamtliche Mitarbeiterin angefangen hat. Ihre ältere Tochter Anna hat in der Bibliothek immer wieder ausgeholfen und eines Nachmittags keine Zeit. "Es war der Klassiker", erinnert sich Poloczek. "Dann ist Mama halt gegangen. Und Mama ist geblieben."

Poloczek, gelernte Übersetzerin für Englisch und Französisch, zog 1976 mit ihrem Mann Erwin von Braunschweig nach Waldram. Eigentlich wollten sie nur zwei Jahre in Bayern bleiben, sagt sie. Aber sie sind geblieben. Poloczek arbeitete zunächst der Stiftung "Wissenschaft und Politik", die damals in Irschenhausen residierte, bis ihre erste Tochter zur Welt kam. 14 Jahre später fing sie an, in der Bücherei zu arbeiten. Eine Offenbarung, wie Polocezek sagt: "Ich habe gelernt, dass das eigentlich mein Beruf ist. Und mich gefragt: Warum hast du das nicht schon früher gemacht?"

Zwei Jahre später absolvierte sie eine Ausbildung zur Büchereiassistentin in Bonn. Die Leitung der Waldramer Filiale übernahm sie 2001, seit Dezember 2003 ist sie Chefin beider Bibliotheken, in der Altstadt und in Waldram. Die zentrale Verwaltung hatte sie vorher dem damaligen Kulturamtsleiter Peter Struzyna vorgeschlagen, um die drohende Schließung der Waldramer Bücherei aus Kostengründen abzuwenden. "Er hat gesagt: Dann machen Sie mal", erinnert sich Poloczek. Und an "richtig viel Arbeit", wie sie sagt. "Ich bin die Bücherei-Leiterin, die am meisten umgezogen ist und renoviert hat."

Nach der Übernahme der Stadtbücherei, damals noch in der Rathauspassage, habe sie erst einmal zwei Monate lang umgeräumt. Im Mai 2006 hieß es: Umziehen zum jetzigen Standort am Hammerschmiedweg. "Da haben wir natürlich ein Schnäppchen gemacht", sagt Poloczek über das Haus mit Garten am Loisachhallenparkplatz. Anfangs sei es aber recht unangenehm gewesen, hatten sie und ihre Mitarbeiterinnen sich doch gerade erst zurechtgefunden.

2011 kam der Umzug in Waldram: aus dem Altbau der Volksschule, der abgerissen wurde, in das neue Schulgebäude. "Bei den Planungen fand ich die Bücherei irgendwo im Keller wieder", erinnert sich Poloczek. "Aber eine Stadtbücherei muss nach oben." Sie konnte sich natürlich durchsetzen und der hellen und modernen Bücherei ihrem Stempel aufdrücken. Nun steht die Renovierung am Hammerschmiedweg an. Die Vorplanung habe sie mit Vogel schon abgeschlossen, sagt sie. "Räumen kann ich dann nicht mehr."

Poloczek sagt das mit echtem Bedauern, das noch spürbarer wird, wenn sie auf die Höhepunkte der vergangenen 23 Jahre zurückblickt: die fünf internationalen Lesenächte in der Bücherei und im Garten, die stets ausverkauft waren; die Besuche der "Mundwerker" von der Goldmund-Erzählakademie, die Geschichten erzählend durch die Straßen zogen, während Esel und Maultier im Büchereigarten weideten; zahlreiche Autorenlesungen mit namhaften Schriftstellern wie Georg Unterholzner und Anatol Regnier und natürlich die vielen, vielen Schulklassenbesuche - 588 waren es allein im vergangenen Jahr. "Es ist unglaublich viel in den letzten Jahren passiert", sagt Poloczek. "Aber das ist einfach wichtig für eine Bücherei: dass sie etwas Lebendiges ist."

Stolz ist Poloczek auf den Kinderbibliothekspreis, den das Bayernwerk 2014 an die Wolfratshauser Stadtbibliothek verliehen hat. "Die 5000 Euro waren ein warmer Segen", sagt sie. "Und eine große Anerkennung für das, was wir für die Leseförderung tun." Dass heutzutage weniger gelesen wird, hält Poloczek übrigens für ein Gerücht. "Das stimmt bei uns nicht", sagt sie. Schließlich habe die Stadtbücherei die Ausleihen im vergangenen Jahr um elf Prozent auf 135 000 steigern können bei derzeit 2000 Lesern - ein neuer Rekord. "Die Leute kommen gerne zu uns", sagt die 64-Jährige. Den Erfolg führt sie auf die vielen Aktionen zurück, die die Bücherei bekannt machen - aber auch darauf, "dass das Team so viel Spaß hat hier", wie sie sagt. "Das ist kein Beruf, sondern eine Berufung."

Dennoch: "Das lachende Auge überwiegt", versichert Poloczek angesichts ihres Abschieds. Eigentlich hätte sie noch ein halbes Jahr länger arbeiten müssen, um die volle Rente zu bekommen, sagt sie. "Aber die sechs Monate sind ein Geschenk an mich. Ich wollte im Sommer aufhören und es richtig genießen." Sie freue sich nun auf die Zeit mit ihrer Familie, ihrem Mann, ihren beiden Töchtern und ihren drei Enkelkindern. Außerdem könne sie nun endlich ihren Hobbys nachgehen, die in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen seien: reisen, ins Kino gehen, sich um den großen Garten in Waldram kümmern. "Ich habe auch noch einen riesigen dänischen Webstuhl im Speicher", sagt Poloczek. Den werde sie reaktivieren.

"Worauf ich mich auch total freue: dass ich jetzt viel mehr Zeit zum Lesen habe." Natürlich lese sie auch als Büchereichefin viel - aber eben auch vieles nur an. "Ich mache zwar nie das Licht aus, ohne ein paar Seiten gelesen zu haben", sagt Andrea Poloczek. "Aber jetzt kann ich auch morgens ein Buch nehmen." Sie habe schon eine Liste, die sie abarbeiten möchte, verrät sie. "Wir werden erst einmal nicht wegfahren im Juli. Ich werde mir eine schöne schattige Ecke im Garten suchen und lesen."

Keine Lieblingsbücher, aber Lieblingsautoren

Lieblingsbücher habe sie keine, sagt Andrea Poloczek. Dafür aber Lieblingsautoren. "Ich habe ein Faible für Gedichte", erklärt sie und berichtet von einer ganzen Bücherwand voller Lyrikbände bei ihr zu Hause. Besonders die Werke der jüdischen Dichterin Mascha Kaléko und des Chilenen Pablo Neruda hätten es ihr angetan. Von den Klassikern liebe sie Rainer Maria Rilke. "Und Astrid Lindgren hat mein Leben sehr geprägt", sagt die scheidende Bücherei-Leiterin. "Eine bewundernswerte Frau mit einer ganz tollen Biografie. Sie hat die Kinder als Menschen akzeptiert."

Von den zeitgenössischen deutschen Autoren empfiehlt sie Hanns-Josef Ortheil, aber auch die Erfolgsautorin Cornelia Funke. "Und Julie Heiland." Die junge, in Wolfratshausen geborene Autorin sei früher selbst Leserin in der Stadtbücherei gewesen, erzählt Andrea Poloczek.

"Eines Tages stand sie bei uns im Flur und sagte: ,Ich schreibe auch'." Erst habe sie dem keine weitere Beachtung geschenkt. Als ihr Heiland aber dann erzählt habe, sie bringe ihr erstes Buch im Fischer-Verlag heraus, sei sie hellhörig geworden. "Mittlerweile hat sie schon den vierten Roman veröffentlicht." Schon zwei Lesungen habe sie für Heiland in ihrer Heimatstadt organisiert, sagt Poloczek: eine in der Waldramer Schule und eine kürzlich im Kolleg Sankt Matthias. "Sie bedient ein Genre, das eigentlich gar nicht meins ist: Fantasy", sagt Poloczek. "Das liegt wohl an meiner norddeutschen Art: ganz geradlinig." Das neue Werk Heilands, "Pearl", habe sie dann aber doch "in den Bann gezogen".

Sie lese auch gerne mal einen Krimi, sagt Poloczek. Und Kinder- und Jugendbücher. Auch "Außenseiter" hätten es ihr angetan. Wie etwa Christopher Kloeble, ein Autor aus Königsdorf, der nun in Berlin und Delhi lebe. "Was ich gar nicht lese, ist so genannte leichte Frauenlektüre", sagt Poloczek. "Da ist mir die Zeit zu schade." In der Bücherei seien Werke wie "Seit du bei mir bist" von Nicholas Sparks oder Sarah Larks "Das Jahr der Delfine" allerdings gefragt, berichtet die 64-Jährige. "Wenn ich die Bücher für mich bestellen würde, wären viele Sachen nicht da. Aber wir sind eine öffentliche Bücherei."

Deshalb sei es klar, dass man sich auch nach den Wünschen der Kunden richte. "Wir nehmen Vorschläge an", sagt Poloczek. "Aber wir kaufen auch nicht alles." So gebe es die erotische Sado-Maso-Trilogie "Fifty Shades" der britischen Bestsellerautorin E.L. James trotz großer Nachfrage in Wolfratshausen und Waldram nicht zu leihen, erklärt Poloczek. "Wir haben gesagt: Wer das lesen will, soll es sich kaufen." Konstantin Kaip