Senioren-Forschung Wenn die Bank zum Ausruhen fehlt

Die Fachhochschule Benediktbeuern eröffnet ihr Kompetenzzentrum "Zukunft Alter". Die Experten werden schnell mit dem schweren Alltag von Senioren konfrontiert.

Von Klaus Schieder

Wer alt ist, hat Vergangenheit, viel Zukunft bleibt ihm nicht mehr. Insofern klingt der Titel "Zukunft Alter" paradox, den die Katholische Stiftungsfachhochschule (KSFH) München und Benediktbeuern ihrem neuen Kompetenzzentrum gegeben hat. Aber darin stecke eine Botschaft, sagte Prälat Bernhard Piendl, Landesdirektor der Caritas und stellvertretender Vorsitzender des KSFH-Stiftungsrats, bei der Eröffnung am Donnerstag im Kloster Benediktbeuern: "Das kann man auch so verstehen, dass uns allen das Alter bevorsteht." In einer alternden Gesellschaft will die Hochschule mit dem neuen Zentrum den Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis beschleunigen. "Angesichts des demografischen Wandels sind innovative Antworten nötig", sagte Professor Hermann Sollfrank, Präsident der KSFH.

Die soll "Zukunft Alter" liefern, indem sie aus den Blickwinkeln der einzelnen Fakultäten das Thema analysiert und ihre Ergebnisse mit den Erfahrungen der Fachkräfte vernetzt, die sich tagtäglich um Senioren kümmern. Sollfrank sieht die KSFH dafür als besonders geeignet an, weil sie mit München in einer Großstadt, mit Benediktbeuern auf dem Land angesiedelt ist. Als Aufgabe des Zentrums bezeichnete er Forschung und Entwicklung, zum Beispiel zur familiären Versorgung alter Menschen im ländlichen Raum. Oder auch: Palliative Care und Hospizarbeit, Spiritualität und Alterspastoral, Kompetenzerhalt und Lernen im Alter. Dabei geht es nicht bloß um eine Bestandsaufnahme, sondern auch um neue Konzepte. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Qualifizierung. Soziale Arbeit, Bildung, Pflege und Gesundheit - "wir wollen die Studiengänge weiterentwickeln, die Forschungsergebnisse sollen dort einfließen", sagte der Präsident.

In Würde altern: Was dazu nötig ist, will die katholische Fachhochschule in Benediktbeuern in einem neuen Kompetenzzentrum erforschen.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Ein Kern ist außerdem Fort- und Weiterbildung. Für Oktober 2017 ist der zertifizierte Kurs "Angewandte Gerontologie" geplant. Das Spezielle daran: Er ebnet den Teilnehmern den Weg zu einem späteren Master-Studium, auch wenn sie keine Bachelor in der Tasche haben. Das wäre zwar am besten, sei aber nicht notwendig, sagte Professorin Martina Wolfinger. Voraussetzung seien eine zweijährige, einschlägige Berufserfahrung und der Nachweis, dass sich der Teilnehmer mit dem Thema Alter bereits konzeptionell auseinandergesetzt habe. "Es gibt bisher wenig Angebote, die von einer Weiterbildung ins Studium überführen", sagte Sollfrank.

Geburtenstarke Jahrgänge, die langsam ins Rentenalter kommen, eine wachsende Lebenserwartung: Auf die Herausforderungen durch die demografischen Veränderungen ist die Gesellschaft für Landrat Josef Niedermaier (FW) kaum vorbereitet. "Ein Handeln erkenne ich da relativ wenig", sagte er. "Wir kennen die Rechnung, aber wir glauben es nicht." Um so wichtiger sei es, dass die Katholische Stiftungsfachhochschule hier nun Impulse setze, von denen er sich wünsche, "dass sie überspringen", hob der Landrat hervor.

Da fängt das Leben an

enediktbeuern - Ab wann ist ein Mensch alt? Wenn er mit 65 in Rente geht? Wenn er mit 50 feststellt, dass sein Gesicht von Falten überzogen ist? Wenn er in der Statistik irgendeiner Behörde mit seinen Lebensjahren als alt definiert wird? Oder erst dann, wenn er sich selbst so fühlt? Eine klare Antwort auf solche Fragen gibt es nicht. Der Soziologe Jean-Pierre Junker, Autor des Buchs "Alter als Exil", versuchte eine Definition einmal dergestalt, dass jemand alt sei, wenn er von anderen so behandelt werde und sich deshalb auch selbst so sehe. "Aber die Wissenschaft ist sich nicht einig, was Alter ausmacht", sagte Professorin Helga Pelizäus-Hoffmeister von der Universität der Bundeswehr München am Donnerstag bei der Eröffnung des Kompetenzzentrums "Zukunft Alter" der Katholischen Stiftungsfachhochschule (KSFH) München und Benediktbeuern. "Es gibt eine Vielfalt von Altersbildern." Sie seien immer Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Sozialwissenschaftlerin verdeutlichte dies an einem Beispiel aus der Antike. Athen und Sparta, obwohl nur 60 Kilometer voneinander entfernt, gingen mit ihren Senioren völlig unterschiedlich um. Im demokratischen Athen herrschte das Prinzip der Gleichheit, was auch für die Leitung des Einzelnen galt. Mit der Folge, dass die betagten Menschen an den Rand gedrängt wurden, ihre Gebrechen weckten kein Mitgefühl, sondern gaben Anlass für Spott. Anders in der Militärgesellschaft von Sparta. Dort wurden die alten Menschen wegen ihrer Lebenserfahrung geachtet - "je älter, desto größer das Ansehen und die Autorität", so Pelizäus-Hoffmeister. Aus dem Vergleich zog sie die Schlussfolgerung, dass die Mitglieder einer Gesellschaft darüber entscheiden, wie das Alter gestaltet wird. Ob Senioren noch aktiv sein und teilhaben können, ob sie im Abseits und einsam sind - "wir haben es in der Hand, dass das Alter eine schöne Lebensphase wird". Eine Seniorin, die gerade in ein Altenheim gezogen ist, alleine in einem Stuhl sitzt und aus dem Fenster schaut, ein betagtes Ehepaar, das eng beieinander auf einer Wiese sitzt und sich glücklich anlächelt: Gegensätzliche Altersbilder zeigt auch die Wanderausstellung "Was heißt schon alt?" des Bundesfamilienministeriums, die bis zum 26. Oktober im Kreuzgang des Klosters zu sehen ist. Ziel der Schau sei es, "die Altersbilder von Jung und Alt in Frage zu stellen", sagte Annette Eberle, Dekanin vom Fachbereich Soziale Arbeit der KSFH. Dazu dienen auch Informationen wie jene, dass sich Menschen, die älter als 70 sind, hierzulande im Schnitt um 13 Jahre jünger fühlen. Ganz am Ende des Klostergangs zeigt ein Foto die Sängerin von The Zimmers, der ältesten Band in Deutschland. Eines ihrer Mitglieder ist 100. Richtig alt also. Aber was genau soll das schon bedeuten? Klaus Schieder

Vor vier Jahren hat der Landkreis sein seniorenpolitisches Gesamtkonzept vorgelegt, der am Ende einen umfangreichen Maßnahmenkatalog beinhaltet. Wie viel davon schon umgesetzt sei, fragte Professorin Dorit Sing in einem Dialog-Forum bei der Eröffnungsfeier. Das sei unterschiedlich, erwiderte Christine Bäumler vom Landratsamt. Einige Kommunen hätten eigene Strategien, andere orientierten sich am Gesamtkonzept. Allen gemeinsam sei "das Bewusstsein, das etwas passieren muss". Zum Beispiel in der Barrierefreiheit oder der Hilfe für pflegende Angehörige. Das unterstrich auch ihre Kollegin Felicitas Wolf. Das Gesamtkonzept habe zu einer Sensibilisierung der Städte und Gemeinden geführt, sagte sie. In der Umsetzung läuft Bäumler zufolge vieles gut, dennoch "gibt es schon noch einiges zu tun."

Die Frage von Professorin Sing, ob die Flüchtlingskrise den demografischen Wandel in den Hintergrund gedrängt habe, beantwortete Bäumler mit einem klaren Ja. Allerdings hätten sich dadurch auch Chancen eröffnet. Als Beispiel nannte sie den sozialen Wohnungsbau, der nun wieder in den Fokus gerückt sei, "davon profitieren auch unsere Bürger". Auf die Wortmeldung einer Studentin, wie es um den Umgang mit alten Flüchtlingen bestellt sei, antwortete Wolf: "Das ist noch kein großes Thema, wir haben es aber auf dem Bildschirm."

Was heißt schon alt? Um diese Frage dreht sich die Wanderausstellung im Kreuzgang des Klosters Benediktbeuern.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Überalterung der Gesellschaft ist auch ein Thema für Priester und kirchliche Mitarbeiter. Zum einen bräuchten manche Senioren Hilfen, damit sie überhaupt in eine Kirche hineinkommen, sagte Professor Joachim Burkard. Es gehe aber auch darum, biografisch hinzuschauen: "Was ist an Verwundungen passiert, durch eine Kindheit im Krieg oder eine misslungene Partnerschaft?" Prälat Lorenz Wolf, Leiter des Katholischen Büros Bayern, erwartet vom neuen Kompetenzzentrum auch Antworten darauf, was die Kirche falsch mache. "Denn die Kirche macht Dinge falsch." Am Ende wurde es ganz konkret. Erika Siebert aus Benediktbeuern stand auf und erzählte, dass sie schon seit einigen Monate nicht mehr so gut laufen könne wie früher. Auf dem Weg von der Dorfmitte zum Bahnübergang gebe es keine einzige Bank, auf die man sich mal setzen könne, sagte sie.