Schwangere im Südlandkreis Schwere Geburt

Nach dem Aus der Station an der Tölzer Asklepios-Klinik deutet sich nur eine schwache Lösung für Schwangere aus dem Südlandkreis an. Im Gespräch sind ein neues Geburtshaus und eine Stärkung der Hebammen.

Von Klaus Schieder

Fanny Mader packte aus. Wegwerfhandschuhe, Blaulicht, Decke, Stirnlampe, Saugglocke und einen Schnaps als Beruhigungsmittel für ihren Mann zog die schwangere Lenggrieserin aus ihrem Geburt-Notfallkoffer, den sie mit dem Ehepaar Anna und Konrad Braun für den Fall gepackt hatte, dass sie ihr Baby im Auto zur Welt bringen muss. Wenn die Zeit ihrer Niederkunft kommt, würde sie von Lenggries bis zur Kreisklinik Wolfratshausen gut 40 Minuten brauchen, ebenso lange dauert es zum Krankenhaus Agatharied. Allerdings nur, wenn sie im oftmals dichten Ausflugsverkehr nicht in einen Stau gerät.

Die ironische Präsentation wurde beim Diskussionsabend über die Geburtshilfe im Landkreis, den CSU, Frauen-Union, CSA und Seniorenunion am Mittwoch in Gaißach veranstalteten, mit viel Beifall und Heiterkeit aufgenommen. Zum Lachen war Fanny Mader allerdings nicht zumute: "Die Eltern werden alleine gelassen, mit einem untragbaren Risiko." Das sei bitterer Ernst.

Seit die Geburtenstation der Tölzer Asklepios-Klinik im April geschlossen wurde, müssen Frauen aus dem südlichen Landkreis nach Garmisch, Wolfratshausen, Agatharied oder Starnberg fahren. Von einer wohnortnahen Versorgung mit einer Fahrzeit von höchstens 20 Minuten bis zum Krankenhaus kann seither nicht mehr die Rede sein. Mit der Folge, dass Schwangere schon zu gut einem Drittel außerhalb des Landkreises entbänden, wie Martin Bachhuber sagte. "Die Eltern stimmen mit den Füßen ab." Damit erntete der CSU-Landtagsabgeordnete heftigen Widerspruch. Sie sei nicht der Ansicht, dass Frauen an der Klinik in Bad Tölz vorbeifahren würden, sagte Jana Kießling von der Bundeselterninitiative "Mother Hood". Viele von ihnen wollten in ein kleineres, familiäres Krankenhaus, wo sie eine Eins-zu-eins-Betreuung bekommen, und nicht in ein großes Pränatalzentrum. Dem pflichtete Hebamme Doris Wallé aus Bad Tölz bei. Ihrer Erfahrung nach stimmten "die wenigsten Frauen mit den Füßen ab".

Tölzer Kindl wird es so schnell nicht mehr geben. Noch vor zwei Jahren waren es etwa 550 Geburten in der Kurstadt.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Eine Lösung für die fehlende Geburtshilfe im Südlandkreis zeichnet sich kaum ab. Landrat Josef Niedermaier (FW) sei vom Kreistag im April zwar auch beauftragt worden, mit Klinikbetreibern über dieses Thema zu reden, sagte Bachhuber. Über den Stand der Dinge habe er jedoch "keine Information". Für eine neue Geburtenstation, die funktionieren soll, wären nach seinem Kenntnisstand etwa acht Fachärzte nötig. Mehr als 80 Kliniken in Bayern hätten aber keine Geburtshilfe, weil schlicht Gynäkologen fehlten. Einer jungen Mutter trieb das fast die Tränen in die Augen. "Ich finde es zum Kotzen, dass wir hier sitzen und darüber reden müssen, wie wir unsere Kinder zur Welt bringen", sagte sie.

An einem Konzept für ein neues Geburtshaus in Bad Tölz arbeitet Hebamme Kathleen Hodbod aus Lenggries. Die Idee sei es, den Frauen wieder eine Anlaufstelle in Tölz zu ermöglichen, sagte sie. Nach allem, was sie von ihren Klientinnen hörte, sehnten sich die Schwangeren "nach einem Ort, wo sie sicher gebären können". Ein Geburtshaus schlösse Hodbod zufolge eine Geburtenstation im Krankenhaus nicht aus. "Beides kann nebeneinander existieren." Gerade Frauen aus Bad Tölz, Lenggries, Jachenau oder Reichersbeurer würden gerne in Wohnortnähe bleiben, "für sie kann das Geburtshaus eine gute Alternative sein".

In der Asklepios-Klinik in Bad Tölz gibt es seit April dieses Jahres keine Geburtshilfe mehr.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Für den Gynäkologen Stephan Krone, der als Belegarzt mit viel Einsatz die Geburtshilfe in der Tölzer Klinik so lange wie möglich aufrecht erhalten hatte, kommt es vor allem darauf an, künftig "eine Struktur zu haben, die nachhaltig ist". Wichtig sei es, bis dahin die Hebammen an Bord zu behalten, die über Erfahrung verfügen und eine Eins-zu-eins-Betreuung ermöglichen. Das gelte vor allem für Lenggries, wo sich bislang keine Lösung abzeichne. "Die Hebammen dort führen Frauen so, dass sie Sicherheit schaffen", sagte Krone.

Für Ute Eiling-Hütig ist das Problem, dass Hebammen zunehmend in die Vor- und Nachsorge gehen, aber die Geburtshilfe selbst meiden. Das hängt mit der hohen Prämie für die Haftpflichtversicherung zusammen, die sie brauchen, wenn etwas schief läuft. Mit dem Sicherstellungszuschlag sei inzwischen zwar ein gewisser Ausgleich geschaffen, sagte die Familienbeauftragte der CSU-Landtagsfraktion. Nichtsdestoweniger sei vom Landtag ein Gutachten in Auftrag gegeben, wie die Hebammen-Versorgung in Bayern aussieht. Die Ergebnisse sollen im Frühjahr 2018 vorliegen. Zudem sei an Fördermittel für kleinere Kliniken gedacht.

"Sie können sicher sein, dass wir die Geburtshilfe im ländlichen Bereich nicht in die komplette Versorgungslücke laufen lassen", sagte Eiling-Hütig. Die Versorgung werde nicht von oben her, sondern regional nach den jeweiligen Besonderheiten betrachtet. Was die Kreisklinik Wolfratshausen anbelangt, die eine Geburtshilfeabteilung im Klinikum Starnberg bekommen soll, brachte Bachhuber eine Nachricht aus München mit. Der Krankenhaus-Planungsausschuss habe am Mittwoch beschlossen, eine Erweiterung der Geburtshilfe in Wolfratshausen zu genehmigen. Dies bedeute, dass der Freistaat den nötigen Ausbau bezahlen würde. Sabine Lorenz, Kreisvorsitzende der Frauen Union, rief auch die Schwangeren aus dem Südlandkreis auf: "Nehmt Wolfratshausen an!"