Schöne Tradition Tanzend in den Morgen

Zum fünften Mal veranstaltet das Tölzer Kurhaus den traditionellen "Kocherlball". Mit Volksmusik erinnert das Fest an Bedienstete, die den Brauch im 19. Jahrhundert ins Leben riefen.

Von Thomas Kubina

Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den dichten Morgennebel durchbrechen, stehen bereits einige Gäste auf dem Vorplatz des Tölzer Kurhauses. Stühle und Bänke sind wie in den Vorjahren mit Tischdecken und Blumen verziert. Nach und nach schmücken die Gäste die Esstische mit Picknickkörben, Proseccogläsern und Hutzylindern. Es ist 6 Uhr. "Wir stehen normalerweise nicht so früh auf, aber es ist lustig", schmunzelt das Ehepaar Stefanie und Stefan Köhl. Sie gehören zu den 150 Frühaufstehern, die am Sonntagfrüh auf dem traditionellen "Kocherlball" tanzen.

Die Veranstaltung hat tiefe historische Wurzeln: Schon im 19. Jahrhundert versammelten sich Hausbedienstete wie Dienstmädchen und Köche, aber auch Soldaten frühmorgens im Münchner Englischen Garten, um gemeinsam zu volksmusikalischen Klängen zu tanzen. "Die Bediensteten konnten damals nur so früh feiern, weil sie später am Tag arbeiten mussten", sagt Susanne Frey-Allgaier, stellvertretende Kur- und Tourismusdirektorin in Bad Tölz. Seit 2014 erinnert auch das Tölzer Kurhaus an das Brauchtum der Arbeiter, heuer zum fünften Mal.

Am Sonntagmorgen tanzten etwa 150 Besucher auf dem Tölzer "Kocherlball": Zylinderhüte, Trachten und Kammerzofenkleidern zierten den Vorplatz des Kurhauses. Das Orchester "I Musicanti Bavaresi" begleitete die Tänze unter anderem mit Werken von Johann Strauß.

(Foto: Manfred Neubauer)

Viel Zeit für Brezn, Bier oder Kaffee, mit denen sich die Feierlustigen eindecken, bleibt nicht: Der 77-jährige Tanzmeister Peter Hoffmann animiert die Besucher immer wieder zum Tanzen, so auch am Anfang, als die Volkstänzer Hand in Hand durch den Kurpark ziehen. Stets im Wechsel spielt das Orchester "I Musicanti Bavaresi" unter der Leitung von Franz Mayrhofer Werke von Johann Strauß, dem "Walzerkönig". Mayrhofer ist einer der Initiatoren des Kocherlballs. Er hat ihn 1989 in München wiederbelebt, als das Fest eine Zeit lang stillgelegt war. Man müsse auf die Mischung der ausgewählten Lieder achten, weil nicht unbedingt alle vom Land auf den Ball kämen, sagt Mayrhofer.

Die Werke von Johann Strauß zählten daher zu den städtisch angesiedelten Volkstanztraditionen, während beispielsweise der "Schneewittchen Walzer" oder die "Tramplam-Polka" dörflicher Natur seien. Der vierjährige Adrian Ziegler bemerkt diese Unterschiede jedoch kaum: "Ich finde die Musik einfach toll", sagt der junge Musikbegeisterte, der mit seiner Familie aus Lenggries gekommen ist. Christina Kien ist bereits das dritte Mal auf dem Tölzer Ball. "Wir sind hier zu Hause, wenn also was ist, muss man das mitnehmen", sagt sie. Ähnlich wie ihr ging es Christian und Ingeborg Stark. Auch wenn beide zum ersten Mal ihr Tanzbein auf dem Vorplatz des Kurhauses schwingen, würden sie eher den Tölzer als den Münchner Kocherlball bevorzugen: "Wir waren ziemlich erschlagen von der Menschenmasse in München", erzählt das Tanzpaar.

Erinnerungen, die wachgehalten werden: Nach jeder besuchten Tanzveranstaltung bekommt das Holzköfferchen einen weiteren Anhänger.

(Foto: Manfred Neubauer)

Eine besseren Überblick kann sich daher das Königsdorfer Rentnerpaar Malies und Eduard Hieke verschaffen, als sie auf der Tanzfläche neben bayerischen Trachten auch "Kammerzofenkleider" bemerken. Die damalige Dienstkleidung der Damen bestand aus einer weißen Schürze, einem Kleid und einem Hut, erklärt Malies Hieke. Das Paar hat jeden Tölzer Kocherlball miterlebt. "Die Stimmung in der Früh ist herrlich und emotional ergreifend", sagt ihr Ehemann.

Auf einem der Tische steht ein Korb, übersät mit zahlreichen Anhängern, die Maria und Werner Härtel stolz präsentieren. Nach jeder Tanzveranstaltung heften sie sich ein Andenken an den Korb: Das letzte Andenken dürfte für beide aber etwas länger in Erinnerung bleiben, da sie am Sonntag nicht nur die fröhliche Volksmusik feiern, sondern auch seit 35 Jahren verheiratet sind.