Physiker Harald Lesch Der zornige Wissenschaftler

Die Zerstörung der Erde ist für Harald Lesch kaum zu ertragen. Er fordert eine radikale Umkehr.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Seine lange ausverkaufte Lesung in Wolfratshausen ist unterhaltsam - doch es schwingt Verzweiflung über den Zustand des Planeten mit.

Von Ingrid Hügenell

Schon eine halbe Stunde, bevor die Tür zur Buchhandlung Rupprecht geöffnet wird, stehen weit mehr als hundert Menschen auf dem Fußweg davor und warten. Seit Wochen ist die Lesung ausverkauft. 250 Leute wollen Professor Harald Lesch hören, den Physiker, der so anschaulich wie lebendig auch schwierige Zusammenhänge zu erklären vermag. Am Mittwochabend geht es um den Zustand der Erde, den Lesch zusammen mit Klaus Kamphausen in dem Buch "Die Menschheit schafft sich ab" beschrieben hat. Es ist am 6. September erschienen und steht aktuell auf Platz 10 der Bestseller-Liste des Spiegel.

Lesch liest daraus aber nicht vor. Er spricht frei, bringt sein Publikum immer wieder zum Lachen. Nur mit Humor, sagt er, sei die ganze Sache zu ertragen. Doch eigentlich spricht er mit Sarkasmus, und dahinter werden Wut und eine tiefe Verzweiflung und hörbar. Der Wissenschaftler kann die zunehmende Verwüstung des Planeten kaum ertragen. Der sei nun mal der einzige, den die Menschheit habe, einen Ausweg durch neue technische Errungenschaften sieht er nicht.

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Vor allem geht es um den Klimawandel, dessen Auswirkungen schon jetzt spürbar seien: Zum Beispiel in den vielen Stürmen und Hochwasser-Katastrophen wie dieses Jahr in Niederbayern, aber auch im Auftauen der Permafrost-Böden. In Sibirien und Alaska, aber auch in den Alpen führt das Lesch zufolge zu riesigen Problemen, weil Gebäude, Straßen, Schienenwege oder die russische Gaspipeline ihren Halt verlieren.

Die Menschheit verhalte sich wie ein Autofahrer, der mit Tempo 180 auf eine 90-Grad-Kurve zufahre, immer in der Hoffnung, die Kurve werde schon gerade werden, sagt er. Das aber werde nicht passieren. Dabei ist die Katastrophe Lesch zufolge noch aufzuhalten: durch radikales Umsteuern und Abbremsen der Weltwirtschaft. Unnötige Warentransporte müssten ebenso aufhören wie das Abholzen der Regenwälder. Für letzteres müsse man viel Geld aufwenden, das aber in den reichen Industrieländern vorhanden sei. Entscheidend: eine wirkliche Energiewende. Windkraft und Sonnenenergie müssten weltweit, auch in Deutschland, die fossilen Energieträger komplett ersetzen, am besten sofort. Andere Länder, vor allem die in Afrika, müssten gleich auf erneuerbare Energien setzen.

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Nach dem Vortrag haben die Zuhörer viele Fragen, eine davon lautet, wie man den Planeten denn retten könne. Es gehe ihm nicht um den Planeten oder die Natur, stellt Lesch klar. Beide kämen ohne Menschen gut zurecht. Zu retten gälte es die Menschheit. Vor sich selbst.

"Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozäns", Harald Lesch und Klaus Kamphausen, 510 Seiten, 29,95 Euro, im Buchhandel.

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