Neue Mobilität im Landkreis Selbstgeschnitzter Nahverkehr

Vier Holzbuchstaben und eine Holzplatte, alles in feuerwehrroter Farbe: Viel mehr braucht es nicht, um eine sogenannte Mitfahrbank zu installieren und eine zusätzliche Möglichkeit der Mobilität zu schaffen.

(Foto: Das Papiertheater/OH)

Deutschlandweit gibt es sogenannte Mitfahrbänke seit 2014, in Murnau, Riegsee und Aidling wird diese "offizielle Form des Trampens" seit einem halben Jahr erprobt - nun sollen sie auch in Kochel und Schlehdorf entstehen.

Von Martin Brjatschak

SchlehdorfWer in einer ländlichen Region lebt, benötigt oft ein eigenes Auto. Mal ist das Streckennetz des öffentlichen Nahverkehrs spärlich ausgebaut oder Bus und Bahn haben zu große zeitliche Abstände im Fahrplan. Selbst Umweltbewusste müssen folglich oft ins Auto steigen für Einkäufe oder Arztbesuche. Doch bei vielen dieser Fahrten bleiben die Sitzplätze bis auf den des Fahrers leer. Hier sollen nun sogenannte Mitfahrbänke Abhilfe schaffen: Weil mitgenommen werden kann, wer in dieselbe Richtung will, werden pro Fahrt mehr Menschen transportiert und die Kapazitäten der Fahrzeuge besser ausgeschöpft. Das schont die Umwelt. In Murnau, Riegsee und Aidling stehen solche Bänke schon. Nun sollen auch Schlehdorf und Kochel angebunden werden. Und in anderen Gemeinden im Landkreis könnten Anwohner bald ebenfalls von Bank zu Bank trampen: Benediktbeuern, Münsing, Wackersberg, Dietramszell und Beuerberg haben ihr Interesse bekundet. In Schäftlarn setzen sich die Grünen bereits seit Jahren dafür ein. Deutschlandweit gibt es vergleichbare Projekte bereits seit 2014.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Klimafrühling Oberland" haben Johannes Volkmann, Initiator des Projekts, und Martin Schuster, der den Vorschlag für eine Erweiterung um Schlehdorf und Kochel eingebracht hatte, eine Infoveranstaltung über "selbstgeschnitzte Mitfahrbänke" organisiert. Ins Klosterbräu in Schlehdorf kamen etwa 15 Interessierte, darunter der Murnauer Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum Murnau) und sein Amtskollege aus Schlehdorf, Stefan Jocher (Wählergruppe Loisach). Das Prinzip der Mitfahrbänke ist einfach: Wenn man mitgenommen werden will, setzt man sich drauf. Autofahrer können anhalten und den oder die Wartenden bis zur nächsten Bank mitnehmen. "Offizielle Form des Trampens", so nennt das Schuster. Schon im August 2014 wurde das Konzept erstmals in rheinland-pfälzischen Bitburg und Umgebung getestet.

Im Klosterbräu Schlehdorf diskutierten Interessierte über ein Bankerl als Haltestelle, um sich von einem Ort zum nächsten mitnehmen zu lassen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Es folgten weitere Gemeinden, etwa Bünsdorf in Schleswig-Holstein. Meistens gibt es Schilder, die die Fahrziele anzeigen. So weiß der Fahrer, wohin die Wartendengebracht werden wollen. In und um Murnau stehen die Bänke seit etwa einem halben Jahr. Je eine befindet sich beim "Getränke Anderer" (Murnau), beim Rathaus (Riegsee) und beim Dorfbrunnen (Aidling). Angefertigt haben sie Kinder und Jugendliche aus den Orten, zusammen mit der Firma "Zusammenkunst" im Rahmen eines Schnitzworkshops. "Die Kinder haben schnitzen gelernt und es hat zur Dorfgemeinschaft beigetragen", sagt Volkmann.

Ihm zufolge bestehen die Bänke aus vier etwa kniehohen Holzbuchstaben, die aus Holzwandresten gesägt wurden. Daraus entsteht dann das Wort Halt. Eine Holzplatte dient als Sitzfläche. Die Bänke sind feuerwehrrot bemalt. Ähnlich wie bei den Bushaltestellen das H gibt es auch für die Mitfahrbänke ein Zeichen: ein rotes M. Besonders Kinder nützten das Projekt. In Riegsee könne man oft hören, wie sie sich die Frage "sollen wir mit dem Bus fahren oder mit der Bank" stellten, sagt Volkmann.

Wichtig ist dabei die Sicherheit, besonders wegen der Kinder. Dazu gebe es laut Volkmann Aufkleber, die einen "gewissen Schutz" bieten. Will ein Autofahrer mitmachen, kann er einen "M-Aufkleber" sichtbar am Auto befestigen. Beim Erhalt des Aufklebers wird das Kennzeichen vermerkt und der Fahrer um Unterschrift gebeten. Damit ist er registriert und ließe sich bei Problemen ausfindig machen. Dennoch betont Volkmann: Das Projekt sei eine Form der Nachbarschaftshilfe und basiere auf Eigenverantwortung. Auch eine Konkurrenz zum öffentlichen Nahverkehr soll das Projekt nicht sein, erklärten Schuster und Volkmann. Vom ökologischen Blickpunkt sei es besser, wenn jemand mitgenommen wird. "Autofahren ist Luxus, den kann man teilen", sagt Schuster.

Auf Nachfrage sprach Schlehdorfs Bürgermeister Jocher von einer "latent zurückhaltenden" Meinung des Gemeinderats bezüglich des Projekts. "Vielleicht müssen wir es einfach mal probieren", fügte er hinzu. Sein Murnauer Amtskollege unterstützt das Projekt, denn es greife "ein wichtiges Thema" auf. Auch die künstlerische Form und der soziale Aspekt gefielen ihm an dem Vorhaben. Nach einem halben Jahr ist er überzeugt vom Projekt: "Es ist eine zusätzliche Möglichkeit, Mobilität zu schaffen". Die diskutierte Verbindung nach Kochel über Schlehdorf empfindet er als "total attraktive Verbindung". Jocher zeigt sich nach der Veranstaltung ebenfalls aufgeschlossen: "Es ist einen Versuch wert."