Mit E-Boards übers Wasser Wellenreiten unter Strom

Auf den Seen in der Region verbreitet sich eine neue Trendsportart. Die Surfer können auf ihren elektrobetriebenen Brettern mit bis zu 30 Stundenkilometern über das Wasser flitzen.

Von Sabine Bader und David Costanzo, Starnberg/Münsing

Wie das Surfen ohne Wellen und Wind funktioniert, demonstrieren Reto Lamm (vorne) und der Oberammergauer Unternehmer Markus Schilcher auf dem Starnberger See.

(Foto: CHris Baumann)

Das klingt nach einem Heidenspaß: Starnberger See, Sonne, die Haare wehen im Wind, und es geht rasant dahin. So zu beobachten am vergangenen Sonntag in Ammerland. Ein Mann steht auf einem Surfbrett, er hat weder Segel noch Paddel in der Hand, und das Board fährt trotzdem.

Ein neuer Trendsport erreicht den See: Wellenreiten ohne Welle, Windsurfen ohne Wind, Stehpaddeln ohne Paddel. Die Bretter gleiten mit Elektromotor über das Wasser - wie von Geisterhand, fast geräuschlos, eine Art E-Bike für den See. Während der Fahrer offensichtlich Spaß am Stand-up-Paddling (SUP) unter Strom hat, ist die Wasserschutzpolizei wenig begeistert. Das ist nun schon der zweite Fall. Die Beamten heften sich an seine Fersen, stoppen ihn nach kurzer Verfolgungsfahrt und zeigen ihn an. Für den 46-jährigen Surfer kann es ein teures Vergnügen werden: Ihm droht ein Bußgeld von bis zu 500 Euro. Denn er hat kein Nummernschild für sein Wassergefährt.

Ganz legal kann man bei Peter Gastls Bootsbetrieb in Leoni die schnellere Variante, sogenannte E-Surfer mit bis zu 30 Stundenkilometern ausprobieren. "Wir sind Testcenter", erzählt Gastl. Natürlich ist das Board, das man sich bei ihm ausleihen kann, zugelassen und hat auch vorschriftsgemäß ein Nummernschild. Der Surfspaß ohne Segel ist allerdings nicht ganz billig: Eine 15-minütige Testfahrt mit vorheriger Einweisung kostet immerhin 50 Euro. Bei einer Fahrzeit von 35 bis 40 Minuten ist man mit 95 Euro dabei. Gastl hat das Gerät natürlich getestet. "Es macht Spaß", sagt er. "Und es ist auch leicht zu lernen." Man muss sich aufs Brett legen und langsam rausfahren, weg vom Ufer und den Schwimmern. Ist das geschafft, kniet man sich aufs Board, beschleunigt und steht dann langsam auf. Dann kann es richtig losgehen: Der Wind fährt in die Haare, die Gischt spritzt.

In Leoni am Starnberger See verleiht Peter Gastl die E-Boards.

(Foto: Nila Thiel)

Erfunden und gebaut hat das Brett mit Propellerantrieb Markus Schilcher. "Am schönsten ist das Feeling in der Kurve, wenn man die Fliehkraft spürt", schwärmt der 53-Jährige aus Oberammergau. "Und der Flow, wenn man völlig unbeschwert übers Wasser gleitet. Man braucht zum Surfen keinen Atlantik mehr." Schilcher ist ein Snowboarder der ersten Stunde, er war vor fast 30 Jahren Deutscher Vize-Meister in der Halfpipe. Nun gilt er als einer der Pioniere des Elektrosurfens. Seit 2009 tüftelt er an Surfbrettern mit Motor, 2014 hat er eine Firma gegründet. Seit 2015 hat er etwa 25 Bretter aus seinem heimischen Betrieb verkauft, die mit bis zu 30 Stundenkilometern durchs Wasser pflügen; auch an den Starnberger See. Das Testbrett von Gastl in Leoni ist ebenfalls von ihm. Zu seinen Kunden zählen vor allem frühere Surfer, die zwischen 40 und 65 Jahre alt sind und sich den Spaß leisten können. Denn die beiden Modelle aus Schilchers Herstellung kosten 8000 und 12 000 Euro.

Mittlerweile kursierten im Internet etliche Selbstbauanleitungen, sagt Schilcher. Möglich sei es auch, SUP-Bretter, also die für Stehpaddler, mit einem Hilfsmotor aufzurüsten. Die schafften aber nur bis zu zehn Stundenkilometer.

Der Sport sei im Kommen, weil sich herumspreche, dass überhaupt Bretter mit Motor existieren und weil die Technik immer besser werde. Und weil es erlaubt ist, aber nur im Fall von Schilchers Brettern: Der Hersteller hat eine Genehmigung für seine Produkte auf bayerischen Gewässern erster Ordnung erhalten, zu denen außer dem Starnberger See in der Region auch der Ammersee, Pilsensee und Wörthsee zählen, nicht aber die Flüsse. Das bestätigt das Landratsamt.

Grundsätzlich braucht jeder, der motorisiert auf dem Wasser unterwegs ist, eine Zulassung, also auch E-Boote und Segelboote mit Flautenschieber. Die Nummernschilder erteilt das Landratsamt. Der Surfer aus Münsing hatte weder eine Zulassung noch ein Nummernschild.

Für die Wasserschutzpolizei wäre es problematisch, sollten E-Surfer generell auf den Seen zugelassen werden, denn die Nummernschilder auf der Brettoberseite sind erst dann erkennbar, wenn man sich schon auf wenige Meter genähert hat, glaubt Kai Motschmann, einer der beiden Beamten, die am Sonntag mit dem Polizeiboot unterwegs waren und den E-Boardfahrer gestellt haben. Er erinnert daran, dass es für Boote genaue Richtlinien gibt, wo die Nummernschilder angebracht sein müssen, nämlich gut sichtbar an den Seiten, damit der Halter identifizierbar ist.

Auch beim "Surf+Segel Center Tutzing" ist man da skeptisch, schon wegen der vielen Schwimmer in der Nähe seiner Station. Mitinhaber Nico Greif sagt: "Wir haben ein E-Board mal im Test gesehen. Aber unsere Metiers sind eindeutig Wind und Muskelkraft."

Trendsport mit Potenzial

Beim Surfen mit Motor unterscheidet man Bretter mit Propeller oder einer Jet-Düse, die Wasser ansaugt und am Heck ausstößt. Letztere gibt es mit Elektro- und mit Benzinmotor. Sie entsprechen eher den bekannten Jetskis mit Lenkung und können mit bis zu 60 Stundenkilometern doppelt so schnell, aber auch sehr laut sein, sagt Markus Schilcher. Der Oberammergauer Ingenieur und E-Surf-Unternehmer hat sich bei seinen Modellen für den Propellerantrieb mit Elektromotor entschieden, weil das Fahrgefühl vor allem in den Kurven in seinen Augen mehr dem beim Surfbrett ohne Motor ähnelt. Seine beiden "Waterwolf"-Modelle schaffen bis zu 30 Stundenkilometer, der Akku erlaubt eine Fahrtzeit von bis zu 35 Minuten und kann dann getauscht und geladen werden. Die Leistung liegt bei bis zu sechs Kilowatt, das entspricht acht PS oder der achtfachen E-Bike-Leistung. Seine Boards kosten 8000 und 12 000 Euro.

Der Greifswalder Trendsport-Experte und Unternehmer Alexander Mehner hat ein Brett des Herstellers Lampuga in Hamburg getestet, das bis zu 50 Stundenkilometer geschafft, dessen Preis aber bei 12 000 Euro erst begonnen habe, sagt er. Der 37-Jährige glaubt, dass im E-Surfen Potenzial liegt: "Da wird es noch ganz schön Bewegung geben. Was mich abschreckt, ist der Preis." Mit bis zu 15 Stundenkilometern langsamere SUP-Bretter seien bei osteuropäischen Herstellern aber für bis zu 2000 Euro zu haben. dac