Ludwig Thoma "Der Antisemitismus zieht sich durch"

Ein Diskussionsabend über Thoma bei der Pocci-Gesellschaft: Publizist Franz Rigo und Biograf Martin A. Klaus sind sich in der Einschätzung einig.

Von Wolfgang Schäl, Wolfratshausen

Wie soll man damit umgehen, dass sich Ludwig Thoma, der Säulenheilige der bayerischen Heimatliteratur, der Verfasser der "Heiligen Nacht" und des "Münchners im Himmel", der "Lausbubengeschichten" und der "Filserbriefe", der Chefredakteur der legendären linksliberalen Satirezeitschrift Simplicissimus, am Ende seines Lebens mit seinen unseligen Kolumnen im Miesbacher Anzeiger selbst vom Sockel gestoßen hat? Wurde er erst in seiner letzten Lebensphase dieser in anonymen Pamphleten eifernde Spießer, der rechtsradikale Nationalist und scharfzüngige Antisemit, oder hat eine solche Grundströmung unterschwellig sein ganzes Werk durchzogen? Und: Kann man diesen Teil seines Lebens und Wirkens abtrennen von seinem Gesamtwerk, um ihn als geliebten, unsterblichen, wortgewaltigen und derb-humorvollen Schilderer des prallen bayerischen Lebens zu retten? Mit derlei Fragen haben sich am Donnerstagabend die Teilnehmer einer Veranstaltung auseinandergesetzt, zu der die Franz-Graf-von Pocci-Gesellschaft anlässlich des 150. Geburtstags des Dichters in den Konferenzraum des Bergkramerhofs gebeten hatte. Der Titel: "Hineingeboren, Hervorgetreten, Verwickelt."

Martin A. Klaus hat eine neue Biografie verfasst.

(Foto: dtv/oh)

Leseproben und allerlei Biografisches trug Sprecher Klaus Wittmann bei, der aus Briefen, Erinnerungen und Werken rezitierte, und dank der musikalischen Untermalung durch Monika Schmidt an der Ziehharmonika ließ sich die Veranstaltung zunächst fast wie ein gemütlicher bayerischer Abend an. Es kam dann aber doch ganz anders, denn unter den Gästen fanden sich versierte Thoma-Kenner, darunter der Journalist Franz Rigo, der zum runden Geburtstag Thomas am 21. Januar eine große Tagung am Tegernsee organisiert hat, und Martin A. Klaus, langjähriger SZ-Redakteur und Autor einer jüngst unter dem Titel "Ein erdichtetes Leben" erschienenen, allseits beachteten, kritischen Thoma-Biografie.

Ludiwg Thoma.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Dass der in Oberammergau geborene Heimatdichter literarisch bedeutend war, stand bei aller Skepsis gegenüber Ludwig Thoma, die sich seit Ende der Achtzigerjahre zunehmend verdichtet hat, außer Frage. Sein "großes Problem mit Thoma" artikulierte aber schon zu Beginn der Diskussion Josef Hingerl, der Hausherr des Bergkramerhofs: "Da ist der eine, der bis zum Schluss Kunstwerke verfasst hat, da ist der eine, zu dem ich stehe, und da ist dann noch der andere, den ich total ablehne." Das seien die Schriften, die selbst durch die schwere Krankheit, die unerfüllte Liebe zu Maidi von Liebermann und die Depressionen vor dem frühen Tod im Jahr 1921 nicht zu rechtfertigen seien. "Hier ist ein innerer Widerspruch, bitte helfen Sie mir", appellierte Hingerl an die Versammelten.

Klaus Wittmann las aus Werken, Monika Schmidt spielte dazu.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Einer der Diskussionsteilnehmer lieferte eine Erklärung: Er zog eine Parallele zur aktuellen Flüchtlingsproblematik und verknüpfte damit die Frage, "ob wir denn wissen können, wie andere Generationen später über uns denken". Man dürfe nicht "als Richter über eine historische Zeit auftreten, in der wir nicht selber leben" - ein Gedanke, der für Hingerl "der Schlüssel zur Lösung des Problems" war, wie er geradezu euphorisch konstatierte.

Daneben erhob sich die Forderung, dass Ludwig Thoma nicht nur aus der germanistischen Perspektive betrachtet werden dürfe, auch Politologen müssten sich verstärkt mit ihm befassen. Michael Köhle schließlich, der Vorsitzende der Pocci-Gesellschaft, vermisste bei der Deutung des Thoma-Werks auch "eine psychoanalytische Bewertung". Es gelte, "die Persönlichkeit Thomas aufzuhellen, statt mit dem Finger auf sie zu zeigen". Werk und Person müsse man voneinander trennen, so Köhles Ansicht.

Der Hetzer vom Tegernsee

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Darum freilich bemüht sich Klaus, der bei Thoma einen unbewältigten familiären Konflikt als Grundlage für die Lausbubengeschichten sieht: Dessen Mutter habe ihn dazu gedrängt, eine geistliche Laufbahn einzuschlagen. Die Auseinandersetzung mit der Kirche ist aus Sicht des Autors mithin eines der Themen, die Thomas ganzes Werk durchziehen, so auch in dem 1906 herausgegebenen "Andreas Vöst".

Uneinig waren sich die Teilnehmer in der Bewertung der Frage, wer in dem sich anbahnenden Nationalsozialismus bei wem rhetorische Anleihen genommen habe: Thoma bei Hitler oder umgekehrt? Thoma habe bewusst anonym geschrieben: "Er wollte sein Werk nicht mit dem infizieren, was im Miesbacher Anzeiger stand", und habe deshalb immer dementiert, dass er der Verfasser der Pamphlete war, argumentierte Rigo. Dabei beschränke sich die fatale Tendenz des Schriftstellers nicht auf die Artikel im Miesbacher Anzeiger allein, "der Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben" - eine Ansicht, die Klaus teilt. Schon in seinen Dachauer Jahren habe Thoma anonym geschrieben und selbst im Simplicissimus "Artikel verfasst, die nur so von Unterstellungen wimmeln". Diese Art ziehe sich durch Thomas Leben und beschränke sich nicht auf das letzte Lebensjahr. Im übrigen sei es gar kein ganz so großes Geheimnis gewesen, wer hinter den Texten stand.

Am Ende stellte ein Besucher geradezu entmutigt die Frage, "ob denn wirklich alles am Ludwig Thoma so negativ gesehen werden muss". Das muss es wohl nicht, auch nicht im Urteil des Kritikers Martin A. Klaus. Der "Andreas Vöst" beispielsweise sei nach wie vor hochaktuell, ebenso die "Reden des Kaisers", die zu Thomas besten Texten zählten. "Da wird sehr deutlich, was für ein Hohltöner der Kaiser Wilhelm war, und Hohltöner haben ja heute Konjunktur."