Konzertkritik Eine Rose ohne Dornen

Eine absolut ungewöhnliche Besetzung: "Singer Pur", das sind eine Sängerin und fünf Sänger - die freilich mühelos die Register wechseln können.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das einzigartige Vokalsextett "Singer Pur" gibt im Kloster Beuerberg ein absolut makelloses Konzert

Von Reinhard Szyszka, Eurasburg

Ein Klang dringt von draußen herein, undefinierbar zunächst, leise, wie aus weiter Ferne, wird allmählich lauter. Langsam erkennt man, dass es sich um menschliche Stimmen handelt. Dann treten fünf Herren auf, jeder nur einen Ton singend, und postieren sich an den Rändern der Kapelle. Und ganz zuletzt kommt noch eine Frau hinzu und singt zu den Tönen der Männer eine altertümliche Weise von ganz eigener, ergreifender Schönheit. Nach dem Ende des Lieds versammeln sich die sechs Künstler in der Mitte und stellen sich hinter ihre Notenpulte. Das beeindruckte Publikum tut keinen Mucks. Einen wirkungsvolleren Auftritt hätte Singer Pur am Sonntagnachmittag in der Schwesternkapelle von Kloster Beuerberg gar nicht hinlegen können.

Singer Pur - das ist das wohl einzige Vokalensemble weltweit, das aus einer Sängerin und fünf Sängern besteht. Reine Männer- oder Frauengruppierungen gibt es einige, ebenso solche, bei denen sich die Geschlechter die Waage halten. Bei Singer Pur hingegen steht eine Sopranistin drei Tenören, einem Bariton und einem Bass gegenüber. Aber was besagen die Stimmlagen schon? Zwei der Tenöre können mühe- und bruchlos ins Kopfregister wechseln und so die Alt-Lage abdecken, während der dritte zusätzlich das Bariton-Register beherrscht. Wer am Sonntag aufpasste, konnte bemerken, dass die Herren an den drei rechten Pulten manchmal zwischen zwei Liedern die Position wechselten. Das war natürlich Absicht und veranschaulichte die Flexibilität der Sänger.

Mit einer solchen stimmlichen Bandbreite ist Singer Pur nicht auf Arrangements angewiesen, auch nicht auf die mittlerweile beachtliche Reihe von Stücken, die unmittelbar für das Ensemble geschrieben worden sind, sondern kann sich fast bei der gesamten A-cappella-Literatur bedienen.

Beim Konzert in Beuerberg erstreckte sich das Programm von der komponierenden Nonne Hildegard von Bingen aus dem Mittelalter bis hin zur Pop-Größe Sting, mit Schwerpunkten bei der Renaissance und bei der Romantik.

Vor Konzertbeginn glaubte man sich in eine andere Zeit versetzt: Nonnen, viele Nonnen in Beuerberg, alle im traditionellen Habit! Dabei leben doch seit 2014 keine Schwestern mehr im Kloster. Des Rätsels Lösung: Am Wochenende feierte der Salesianerinnen-Orden das 350. Jubiläum seiner ersten Niederlassung in Bayern. Aus diesem Anlass waren Salesianerinnen aus anderen Klöstern angereist, um gemeinsam den Gedenktag zu begehen. Dazu gehörte natürlich auch der Konzertbesuch. Und so war nicht nur das Kirchenschiff in der Schwesternkapelle gut besucht, sondern auch der anschließende Nonnenchor, von wo man Singer Pur nur von der Seite sah, aber ebenso gut hörte.

Die eine Dame und die fünf Herren sangen mit müheloser Beherrschung aller vokalen Mittel, perfekter Verschmelzung der Stimmen, makelloser Homogenität und Klangreinheit. Bariton Reiner Schneider-Waterberg führte zwischen den Liedgruppen mit kurze Ansagen durch das Programm. Einen musikalischen Leiter, der die anderen durch Taktschlagen und sonstige Gesten bei der Stange hält, brauchen die Sechs bei ihrer Professionalität nicht. Sie machen vokale Kammermusik und sind so vollkommen aufeinander eingestimmt, dass jede Temporückung, jede dynamische Verschiebung in allen Stimmen absolut synchron kommt.

Wer sich am Sonntag fragte, wie die sechs zu Beginn eines Stücks den Anfangston finden, musste wieder genau hinsehen. Einer der Tenöre, Markus Zapp, holt in solchen Fällen unauffällig eine Stimmgabel aus seiner Jackentasche, schlägt sie an und stellt sie auf das Notenpult. Dieser leise Ton, im Publikum fast unhörbar, genügt den Künstlern, die kompliziertesten Anfangsakkorde binnen Sekunden zu finden und tadellos sicher zu treffen. Und manchmal reicht das einmalige Anstimmen für eine ganze Reihe von Liedern, die pausenlos hintereinander gesungen werden; nur gelegentlich wird die Prozedur zur Sicherheit zwischendrin wiederholt.

Der Auftritt von Singer Pur in Beuerberg war rundum gelungen. Welchem Stück soll man den Preis reichen? Dem "Traumlicht" von Richard Strauss mit seinen leuchtenden Harmonien? Oder dem Volkslied "Rosenstock, Holderblüh", dessen tänzerischer Schwung das Publikum zum einzigen Zwischenapplaus des Konzerts hinriss? Oder waren doch die komplexen Klänge von Morten Lauridsens "O nata lux" im ersten Teil die Krönung des Ganzen? Man wusste es nicht.

"Rose ohne Dornen" stand als Motto über der Veranstaltung, was sich natürlich auf Maria bezieht. Im übertragenen Sinne aber war auch dieser Nachmittag eine "Rose ohne Dornen": ein Konzert ohne Schwachpunkte.