Klimawandel Wer rettet den Wald?

Eine Baumart alleine wird dem Klimawandel nicht widerstehen, sagen Förster. Sie setzen auf eine Mischung aus wichtigen Arten wie Fichte, Buche und Tanne. Dazu kommen Lärche und Douglasie. In Geretsried wird eine neue Baumart getestet.

Von Ingrid Hügenell

Kann die Douglasie den Wald retten? Oder die Lärche? Oder wird es die Baumhasel sein, die in bayerischen Wäldern wachsen kann, wenn es den heutigen Baumarten im Wald durch den Klimawandel zu stürmisch und zu trocken wird? "Nein", sagt Förster Robert Nörr, "den Wunderbaum gibt es nicht." Eine Baumart alleine werde es nicht richten können. Die Förster setzen deshalb auf eine vielfältige Mischung mit einigen Hauptbaumarten: Fichte, Buche, Tanne, Bergahorn, Schwarzerle, Kiefer. Dazu kommen Wildkirsche und Spitzahorn sowie, je nach Standort, Eiche, Lärche und auch die viel gelobte Douglasie.

Baumhaseln können 32 Meter groß werden.

(Foto: oh)

Und die Förster probieren aus - neue Arten wie die Baumhasel zum Beispiel. "Wir wissen ja nicht, was kommt", sagt Nörr zum Klimawandel. Bleibe es bei einer Erwärmung um etwa zwei Grad, könnten die heutigen Wälder stabil bleiben. Werde es aber vier Grad wärmer und dann wohl auch viel trockener, schaue es für die Wälder, wie sie heute in Bayern wachsen, schlecht aus. "Der Wald leidet jetzt schon, vor allem die Fichte", sagt Sebastian Schlenz. Als Revierleiter ist er unter anderem für den Geretsrieder Wald zuständig, der zu einem guten Teil auf einer Schotterplatte steht. Wenn es regnet, fließt auf diesen Kiesböden das Wasser schnell ab. Wenn es lange nicht regnet, wird der Boden sehr trocken. Das verträgt die Fichte schlecht, die dort häufig angepflanzt wurde. Denn ihre flachen Wurzeln reichen nicht in tiefere Schichten, in denen sich noch Wasser finden ließe. "Wenn es noch wärmer wird, brauchen wir Baumarten, die lange Trockenphasen überstehen, gerade auf Kiesstandorten", sagt Muhidin Šeho. Auf 75 Prozent der Waldflächen in Bayern bestehe ein Risiko für die Fichte.

Muhidin Šeho hält einen Setzling in der Hand.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Baumhasel ist mit dem Haselnussstrauch eng verwandt, kann aber ein stattlicher Baum werden - bis 32 Meter hoch. Vor allem stammt sie, wie Šeho erklärt, aus Regionen, in denen die Verhältnisse schon so sind, wie sie in einigen Jahrzehnten für Bayern befürchtet werden - vom Balkan, aus dem Norden der Türkei und aus dem Kaukasus. Das mache sie zu einer wichtigen Ersatzbaumart.

Der Forstwissenschaftler ist beim Amt für forstliche Saat- und Pflanzenzucht in Teisendorf für Versuche mit der Baumhasel zuständig. Sie sollen zeigen, ob die Förster den bayerischen Waldbesitzern tatsächlich die Baumhasel als Art anbieten können, mit denen sie arbeiten können. An zehn Standorten in Bayern testen die Wissenschaftler die Baumhasel. Einer davon liegt nördlich von Geretsried. Der Borkenkäfer hat dort mehrere große Fichten erledigt. So ist Platz entstanden für den Pflanzversuch mit 150 Setzlingen. Die werden in den kommenden Jahren engmaschig kontrolliert um zu sehen, wie gut sie wachsen, erklärt Revierleiter Schlenz. Bei ihren Versuchen legen die Teisendorfer Forstwissenschaftler großen Wert darauf, Setzlinge zu verwenden, die sich gut an die hiesigen Verhältnisse anpassen können. Die Auswahl des richtigen Saatguts sei sehr wichtig, sagt Šeho.

Wie wichtig, erklärt Förster Nörr am Beispiel der Douglasie. Sie stammt aus Nordamerika, aber nicht alle Douglasien-Sorten wachsen auch in Bayern gut. Solche, die an das kontinentale Klima im Inneren Nordamerikas gewöhnt sind, kommen hier nicht zurecht. In Helfersried in der Gemeinde Dietramszell habe man Douglasien aus dem atlantischen Osten gepflanzt - "ein großer Glücksgriff", sagt Nörr. Kürzlich hat er mehr als 50 Waldbesitzer aus dem Landkreis dort hingeführt - das Thema Wald und Klimawandel treibe die Leute um, sagt er. Die Vorzüge der Douglasie: Sie bleibt bei Stürmen eher stabil als die Fichte, verträgt Trockenheit und wächst sehr schnell. Andererseits braucht sie viel Platz und verträgt feuchte Böden schlecht. "Wir haben wenige Böden, die nach der Douglasie schreien", sagt Nörr. Auch die Lärche wurde schon als "Wunderbaum" gehandelt, hat aber ebenfalls Probleme: Sie wächst eigentlich in den Bergen, kann also Trockenheit recht gut vertragen. Feuchte Standorte dagegen nicht, dort erkrankt sie leicht an Lärchenkrebs, einer Bakterieninfektion. "Die Lärche will Wind um die Ohren." Und sie braucht viel Licht. Für Nörr ist der Nadelbaum deshalb zwar eine "Bereicherung der Baumartenpalette", aber nicht die alleinige Lösung. Er setzt noch am ehesten auf die Weißtanne, eine heimische Baumart, deren Bestand aber stark abgenommen hat, unter anderem durch starken Wildverbiss: Rehe, Hirsche und Gämsen fressen bevorzugt junge Weißtannen. Dabei sei sie an sich stabiler als die Douglasie. Für die Förster, die private Waldbesitzer beraten, zählt auch noch etwas anderes: "Entscheidend ist, was der Waldbesitzer möchte." Das seien in der Regel Nadelbäume, die höhere Erträge versprechen als Laubbäume und noch immer als Bauholz viel gefragter sind. Denn der Wald, stellt Nörr klar, sichert vielen Waldbauern die Existenz - und das, so hofft er, auch noch in 100 Jahren.