Klimawandel im Oberland Das Auto einfach mal stehen lassen

An der Spitze des Energieverbrauchs im Kreis steht der Verkehr - vor allem die Privatfahrten.

(Foto: Jan Woitas / dpa)

Die Grünen hoffen auf ein Umdenken und sehen in der Energiewende auch Chancen für den Tourismus: Berghütten etwa könnten frische Akkus für E-Bikes anbieten.

Von Thekla Krausseneck

Das Oberland gilt vielen Menschen als die Urlaubsregion schlechthin: Im Sommer lässt es sich im Grünen wandern, im Winter stellen sich Tausende Besucher auf die Ski. Das Klima war bislang ideal. Im Tegernseer Tal etwa gab es zwischen den Jahren 1970 und 2000 höchstens zwei Hitzetage jährlich, im Winter hielt eine Schneedecke im Schnitt bis zu 120 Tage. Erfüllen sich aktuelle Prognosen, steht die Region durch den Klimawandel vor radikalen Veränderungen. Zwischen den Jahren 2030 und 2060 könnte die Zahl der Hitzetage auf acht bis zehn pro Jahr ansteigen; eine befahrbare Schneedecke würde nur noch höchstens 50 Tage halten. Ein Desaster für Oberbayern.

Was tun? "Global denken, lokal handeln", lautet das Motto auch vieler Städte und Gemeinden. Die Grünen haben am Freitagabend zum Energiedialog in den Gasthof Geiger eingeladen, das Grußwort sprach der Geretsrieder Bürgermeister Michael Müller (CSU), Vorträge hielten der Wolfratshauser Stadtrat Hans Schmidt, der Dritte Landrat Klaus Koch (beide Grüne), Jan Dühring von den Stadtwerken Geretsried und Stefan Drexlmeier von der Energiewende Oberland (EWO).

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Der Wolfratshauser Schmidt zeichnete in seinem Vortrag ein düsteres Bild von der Zukunft. Mit einem Diagramm verdeutlichte er den drastischen Anstieg des CO₂-Ausstoßes seit Beginn der Industrialisierung: Die Erde erwärmt sich, der Meeresspiegel steigt, in einigen Jahrzehnten könnte von den meisten Atollen und Inseln nichts mehr zu sehen sein, ganz zu schweigen von den klimatischen Veränderungen in den verschiedenen Regionen der Erde. Um das zu verhindern, soll die Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius begrenzt werden. Deutschland müsste bis 2035 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestiegen sein. Von diesem Ziel sei man aber weit entfernt, sagte Schmidt: Derzeit strebe man eher 45 Prozent bis 2040 an. In anderen Bereichen sehe es ähnlich aus. "Das tut weh, das zu sehen und zu hören", sagte der Kreis-Grünen-Sprecher Alexander Müllejans. "Es bringt aber nichts, das zu verdrängen." Auch Koch reagierte betroffen: "Mir schnürt es die Kehle zu, wenn ich daran denke, dass ich da draußen mit meinem Auto stehe." Der Individualverkehr müsse eigentlich deutlich reduziert werden: Von den 3300 Gigawattstunden Energie, die im Landkreis jährlich verbraucht würden, entfielen 36 Prozent auf den Verkehr, und davon machte der Bürger mit seinem Privatauto 66 Prozent aus.

Um daran etwas zu ändern, müsste sich das Verkehrsverhalten komplett ändern, sagte Koch. Er sehe darin aber auch eine Chance für den Tourismus. Etwa könne man E-Bikes und einen Akkutausch auf Berghütten anbieten. "Damit zieht man die Leute an." Diese würden die Region dann als besonders modern wahrnehmen. "Das darf man nicht unterschätzen."

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Die Stadt Geretsried gelte mit ihren vielen Projekten und Maßnahmen als Vorbild, sagte Koch. "Es ist gut, einen Motor im Norden zu haben." Stadtwerke-Chef Dühring stellte die städtischen Maßnahmen vor: So wurden alle Straßenlaternen mit LED ausgestattet und die energetische Sanierung aller städtischen Gebäuden in Angriff genommen, im Rathaus gibt es eine Energieberatung und im Internet ist ein Solarkataster abrufbar, außerdem forciert die Stadt den Aufbau eines Fern- und Nahwärmenetzes. Um ihr Ziel zu erreichen, von den jährlich von der Stadt emittierten 220 000 Tonnen CO₂ knapp 60 000 Tonnen einzusparen, ist Geretsried aber von der Geothermie in Gelting abhängig. Sollte die nicht bald kommen, würde es schwierig werden, sagte Dühring.

Schon jetzt nutze der Landkreis fünf erneuerbare Energien, um seinen Strom zu produzieren, sagte der Penzberger EWO-Geschäftsstellenleiter Drexlmeier. Der Strom komme zu 67 Prozent aus Wasserkraft, zu elf Prozent aus Fotovoltaik und zu kleinen Teilen aus Windkraft, Biomasse und Biogas. Am wenigsten Strom verbrauchten im Jahr 2014 die Geretsrieder Haushalte, am meisten die Münsinger.

Wenn es um Wärme geht, sieht die Lage düsterer aus: Nur 14 Prozent kommen aus regenerativen Quellen. Zumindest die Bevölkerung steht einem Ausbau aber nicht im Weg: Bei einer Umfrage äußerten sich 98 Prozent der Befragten dazu positiv. Bürgermeister Müller forderte, die energetische Grundversorgung in kommunale Hand zu bringen: Derzeit stünden der Stadt durch die rechtlichen Rahmenbedingungen oft "bürokratische Hemmnisse" im Weg.

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