Kann man Medien trauen? Verstand einschalten

Gut besuchte Diskussion in der Tölzer Franzmühle

Von Julian Erbersdobler, Bad Tölz

Wer das Cover des Magazins Mirko das erste Mal sieht, fühlt sich an die Bravo erinnert. Große, kreischende Buchstaben neben jungen, halb nackten Frauen. Das Prinzip ist einfach: Wen die lasziven Blicke noch nicht überzeugen konnten, den sollen die Bildchen mit den bunten Überschriften ins Heft locken. Schaufenster in eine scheinbar perfekte Welt.

Der Politikwissenschaftler Jörg Becker hat es sich zur Aufgabe gemacht, hinter solche Fassaden zu schauen. In Innsbruck ließ er einen seiner Studenten eine Doktorarbeit über das Magazin schreiben. Das Ergebnis: Die Zeitschrift Mirko wurde über zehn Jahre gratis in Bosnien-Herzegowina verteilt, von der deutschen Bundeswehr. Becker geht davon aus, dass zehn festangestellte Redakteure für das Blatt geschrieben haben. Ihr Auftrag bestand darin, den jungen bosnischen Lesern die westliche Welt schmackhaft zu machen. In Beckers Worten: Propaganda.

Schon diese kleine Episode aus dem mehr als zwei Stunden langen Vortrag "Können wir den Medien vertrauen?" lässt erahnen, warum etwa 60 Menschen in die Tölzer Franzmühle gekommen sind. Eingeladen hatte das Katholische Kreisbildungswerk und die Friedensinitiative Bad Tölz-Wolfratshausen. Der Referent Jörg Becker sitzt, wie er selbst sagt, gerne zwischen den Stühlen, in seinem Fall sind es zwei Disziplinen: die Politik- und Kommunikationswissenschaft. Der 71-Jährige Solinger erzählt, dass dieser Spagat nicht jedem seiner Akademikerkollegen gefällt. Was man sonst noch über den Mann wissen muss? Becker trat erst aus der Kirche aus, um sich vor 20 Jahren erneut taufen zu lassen. In Solingen ist er Fraktionsvorsitzender der Linkspartei, unter der Bedingung parteilos zu sein. "Ja, so bin ich", sagt der emeritierte Professor über sich selbst.

Becker scheut nicht davor zurück, unbequeme Thesen auszusprechen. Sein Themenschwerpunkt: Wie berichten Medien über Kriege? Und so geht es zu Beginn seines Vortrags um Kriegseintrittslügen. Beckers Appell: "Nutzt euren gesunden Menschenverstand!" Jeder Bürger solle Aussagen in Frage stellen, in denen Politiker für kriegerische Einsätze werben. Ein anderes Feld, das dem Wissenschaftler sehr am Herzen liegt, sind sogenannte Blackouts in der Außenpolitik: also Inhalte, über die in Medien gar nicht oder nur vereinzelt berichtet wird. "Eines der typischen Schwarzen Löcher unserer gesamten Medienlandschaft sind die Länder in Zentralasien."

Mit dem neumodischen Begriff Fake News kann Becker allerdings wenig anfangen. Dieses Phänomen gebe es schon sehr viel länger, sagt er. Das Gute ist: Jörg Becker betreibt nicht einfach nur Medien-Bashing, wie es Pegida oder auch die AfD gerne tut. Er macht an einzelnen Beispielen klar, was falsch läuft, und liefert die Begründungen oft gleich mit, zum Beispiel die knappen Ressourcen.

Besonders eindringlich sind seine Erzählungen über die Macht von PR-Agenturen. Ganz vorne mit dabei: Amerika. Die Agentur Hill & Knowlton wurde 2008 für die Olympischen Spiele in Peking angeheuert. Dass dann ausgerechnet der Chef dieses Unternehmens mit der Fackel ins Stadion einläuft, sagt Jörg Becker, darf nicht unterschätzt werden. "Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Diese Geschichten sind wahr." Er wird nicht müde, diesen Satz zu wiederholen. Wie sehr die Zuschauer an seinen Geschichten interessiert sind, zeigt auch die lebhafte Diskussion nach dem Vortrag. Erst gegen 22 Uhr ist ein Ende in Sicht.