Jubiläum in der AWO-Einrichtung Kraftort für den Neuanfang

Im Ickinger Haus Buchenwinkel werden psychisch kranke Menschen mit zum Teil schweren Traumata behutsam auf eine Rückkehr in der Mitte der Gesellschaft vorbereitet. Seit zehn Jahren gibt es das Wohnprojekt in dem geschichtsträchtigen Gebäude

Von Claudia Koestler, Icking

Sie sind psychisch erkrankt, wurden als Kinder missbraucht, leiden unter Diagnosen wie "Jugendschizophrenie" oder "Asperger-Syndrom", und manche haben obendrein mit Suchtproblemen zu tun. Doch sie alle wollen sich zurück ins Leben kämpfen, zurück in die Mitte der Gesellschaft. Dabei hilft ihnen eine besondere Einrichtung am Ortsrand von Icking: Im Haus Buchenwinkel wird seit genau zehn Jahren psychisch kranken Menschen mit einem Wohnprojekt geholfen, das ihnen in einem geschützten Rahmen Unterkunft, Hilfe und Perspektiven bietet. Das Gebäude gehört dem Kreisverband München Stadt der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Träger des Wohnprojekts ist die gemeinnützige GmbH des Projektvereins "Projekte für Jugend- und Sozialarbeit", die wiederum Mitglied der AWO ist. Die Kosten trägt der Bezirk Oberbayern. Das zehnjährige Bestehen des Wohnprojekts im Haus Buchenwinkel wurde am Freitag gemeinsam mit hochrangigen Gästen und mit einem großen Fest gefeiert.

Im Haus Buchenwinkel leben derzeit Menschen in einer Wohngruppe und kleinen Apartments.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Blumen, Luftballons und viel Freude erwarteten die Gäste, die ihrerseits großes Lob und großen Dank für die Einrichtung mitbrachten. Der Trägerverein kümmert sich mit besonderem Augenmerk um Betroffene, die zusätzlich zu ihrer Erkrankung obdachlos sind oder aufgrund ihrer Erkrankung von Obdachlosigkeit bedroht sind. Nachdem sie in der Regel 18 Monate lang therapiert und betreut wurden, stünden sie meist vor dem großen Problem, eine Wohnung zu finden, erklärte der Vorsitzende des Projektvereins, Jürgen Salzhuber. Mietwohnungen sind bekanntlich in und um München herum knapp, der Markt ist heiß umkämpft. Damit Betroffene dennoch nicht in ein Loch fallen, bevor die Wiedereingliederung in die Gesellschaft auch zeitlich gelingen kann, hält der Verein Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten vor. 24 Plätze gibt es im Ickinger Haus, von denen 18 auf ein Wohnprojekt und sechs weitere auf betreutes Wohnen in kleinen Appartements entfallen. Die Bewohner sollen sich selbst in ihrem Privatbereich kleine, erreichbare Ziele setzen, die sie auch erfüllen können, und so langsam wieder in ein normales Leben finden. Alle 24 Bewohner, die derzeit im Haus leben, sind freiwillig in Arbeits- und Beschäftigungsprojekten tätig. "Diese Zahl wird bedeutsamer, wenn klar wird, dass wir viele Bewohner haben, die von Tagesstrukturanforderungen früher überfordert waren und daher teilweise vorherige Einrichtungen verlassen mussten", sagte Salzhuber. In den vergangenen Jahren konnte das Haus insgesamt 73 Menschen aufnehmen.

Im Haus sollen die Bewohner zur Ruhe kommen, ohne Angst, Druck und Zwang.

(Foto: Hartmut Pöstges)

"Hochspannend" sei es, was in den vergangenen zehn Jahren im Haus Buchenwinkel passiert sei, freute sich der Bezirkstagspräsident Josef Mederer. Gerade im Hinblick auf die Humanität sei es notwendig, dass Betroffene von psychischen Erkrankungen sich in einem angstfreien Lebensraum entwickeln können mit dem Ziel, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ohne Druck und Zwang können sie in dieser Einrichtung lernen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Gerade die Abgeschiedenheit im Haus Buchenwinkel gebe ihnen den Halt und den Mut dazu. "Und was gibt es Schöneres, als Menschen wieder in die Gesellschaft zu führen?", fragte er rhetorisch.

Im Haus Buchenwinkel sind alle in Arbeitsprojekten tätig und sollen sich kleine Ziele setzen. In der Regel bleiben sie 18 Monate.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Haus Buchenwinkel selbst, ursprünglich ein Gutshof, hat eine so spannende wie wechselvolle Geschichte hinter sich: "Wussten Sie, dass hier nach dem Krieg eine Hadschara untergebracht war?", fragte Ickings Bürgermeisterin Margit Menrad die Gäste der Jubiläumsfeier. Eine Hadschara war ihr zufolge eine soziale berufspraktische und kulturelle Einrichtung zur Vorbereitung auf ein Leben in Palästina. Mehr als 300 jüdische Kinder und Jugendliche fanden in Buchenwinkel eine Stätte zur Vorbereitung der Aussiedlung. Sie lernten Englisch und Hebräisch, Palästinakunde und jüdische Geschichte, obendrein erhielten sie eine praktische Ausbildung für die Kibbuz-Wirtschaft. 1951 übernahm der AWO-Landesverband Bayern das Haus Buchenwinkel und änderte die Nutzung zu einem Kindererholungsheim, dass sich zu einer Einrichtung für erziehungsschwierige Kinder entwickelte. Nachdem sich das Landratsamt jedoch über die veraltete Einrichtung beschwert hatte, wurde es zu einer für damalige Verhältnisse modernen Einrichtung umgebaut, in der bereits das Prinzip von Wohngruppen statt Bettsälen eingeführt wurde. Von 1961 bis 1983 diente das Haus als Müttergenesungsheim, und 1983 war darin die Therapieeinrichtung "Daytop" untergebracht, eine Suchthilfeeinrichtung des Deutschen Ordens - bis ein Tierschutzverein die Immobilie erwarb. Von diesem kaufte es schließlich die AWO München Stadt vor etwa elf Jahren für rund 1,1 Millionen Euro und sanierte das Haus grundlegend für weitere 2,5 Millionen Euro, ehe 2007 darin das Wohnprojekt eröffnet wurde.

Esel als Brückenbauer

Am Ickinger Haus Buchenwinkel sollen demnächst zwei Esel einziehen: Ein entsprechendes Vorkonzept stellten die Verantwortlichen im Rahmen der Jubiläumsfeiern vor. Das Streicheln, das Beobachten oder auch das Sprechen mit Tieren vermittle Menschen ein Gefühl von Sicherheit, Kameradschaft und Beständigkeit und wirke sich positiv auf das Wohlbefinden und die Gesundheit aus, heißt es im Konzeptentwurf.

Seit sechs Jahren leben im Haus Buchenwinkel bereits zwei Katzen, und die Betreiber konnten damit "sehr positive Erfahrungen machen". Zum einen, was den alltäglichen Umgang mit den Tieren betreffe, zum anderen aber auch hinsichtlich der regelmäßigen Versorgung, die die Bewohner selbständig und mit großem Verantwortungsgefühl übernommen hätten. Aufgrund dieser Erfahrung sei die Idee entstanden, weitere Tiere aufzunehmen. Nach reiflicher Überlegung fiel die Entscheidung auf zwei Esel. Denn diese eigneten sich besonders gut als Stall- und Begleittiere oder sogar als Therapietiere. Esel verfügten über besondere Eigenschaften wie Sanftmut, Zugänglichkeit, Kontaktfreudigkeit und Treue. In der Arbeit mit den Eseln könnten sich die Bewohner des Hauses Buchenwinkel, die teils sehr komplexe und intensive Hilfe benötigten, als handlungsfähig erleben und Erfolgserlebnisse sammeln. Ein Besuch bei den Eseln könnte eine Auszeit bedeuten, neuen Lebensmut geben und Abwechslung und Aktivierung bieten. Zudem könnte die Eselhaltung auch eine Öffnung nach Außen werden: "Für Menschen, die bislang Vorbehalte oder Berührungsängste psychisch kranken Menschen gegenüber hatten, kann der gemeinsame Umgang mit den Tieren eine Brücke bauen." cjk

Menrad betonte ihrerseits die Parallelen zwischen dem Haus Buchenwinkel und einem weiteren Gebäude in Icking, dem Hollerhaus: Beide prägten das Gesicht der Gemeinde mit, sagte sie. Das Hollerhaus blicke gerade auf seine 100-jährige Geschichte zurück und sei "ein magischer Ort für alle, die Kraft tanken wollen für den Alltag." Diese Beschreibung passe aber in gleichem Maße auch auf das Haus Buchenwinkel. "Beide Häuser sind hier im Ort angesehen und beide werden geschätzt", erklärte Menrad. Dass es eine Zeit lang "kritische, voreingenommene Stimmen" gab, wie die Bürgermeisterin zugab, gehöre ihrer Ansicht nach "zu einem solchen Lebenslauf dazu". So hätten Bürger beispielsweise noch in den 1950er Jahren "Obstdiebstähle" befürchtet, weil in dem Haus damals sogenannte milieugeschädigte Kinder pädagogisch betreut wurden.

Wie die Ickinger hingegen tatsächlich zu "ihrem Haus Buchenwinkel" stehen, habe sich eindrucksvoll im Jahr 2005 gezeigt, als die Vorgängereinrichtung zur Suchthilfe umziehen sollte. "Bei uns bedauerte die Bevölkerung den Wegzug", betonte die Rathauschefin, während die Einrichtung am neuen Standort zunächst nicht mit offenen Armen empfangen worden sei. Dass daraufhin als Nachfolgeeinrichtung ein stationäres Wohnprojekt für psychisch kranke Menschen einzog, "wurde bei uns von vorneherein begrüßt und einfach als Teil des örtlichen Lebens genommen", schloss Menrad. Dort könnten Betroffene nun "Kraft tanken für den Alltag an einem Ort, der dazu beste Voraussetzungen bietet".