Im Pfarrheim statt im Zelt Zum Jubiläum wird ein Fass aufgemacht

Der Historische Verein Wolfratshausen feiert heuer sein 20-jähriges Bestehen und holt in zwei Wochen seine Bierrevue nach. Das Jahresprogramm gestaltet die Initiative vielfältig - unter anderem gibt es wieder das Gedenken an die Bücherverbrennung.

Von Petra Schneider

Seinen zwanzigsten Geburtstag feiert der Historische Verein am 20. Januar, dem Gründungsdatum, angemessen bierselig. "Frisch eigschenkt!" heißt die historische Revue - Freibier und Brotzeit inklusive. Da macht es auch gar nicht viel aus, dass die Veranstaltung ein bisschen verspätet über die Bühne geht: Eigentlich war sie im vergangenen Juli geplant, anlässlich des 500-jährigen Jubiläums des Reinheitsgebots. Wegen verschärfter Brandschutzauflagen und langwieriger Genehmigungsverfahren musste die Revue, die ursprünglich in einem 400-Mann-Zelt im Hof des Humplbräu geplant war, kurzfristig abgesagt werden. Auch ein zweiter Anlauf im September mit kleinerem Zelt gelang nicht. "Aber jetzt ist was ganz Neues rausgekommen", freute sich die Vorsitzende Sybille Krafft.

Das Programm, das nun im Katholischen Pfarrheim Sankt Andreas gezeigt wird, sei runder und besser, weil für die Revue aus Filmen, Fotos, Kurzvorträgen, Lesungen und Musik der Kabarettist und Schauspieler Claus Steigenberger gewonnen werden konnte. Er führt Regie und hat die einzelnen Programmpunkte mit einer kabarettistischen Rahmenhandlung verknüpft.

Grund zum Feiern hat der Historische Verein allemal: 1997 wurde er "von zehn Leuten gegründet, die noch keine richtige Vision hatten", wie der stellvertretende Vorsitzende Bernhard Reisner am Dienstag im Humplbräu sagte. Inzwischen ist der Verein aus dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Stadt nicht mehr wegzudenken. Auch im Jubiläumsjahr wurde wieder ein vielfältiges und vielversprechendes Programm zusammengestellt - ausschließlich von ehrenamtlichen Mitgliedern und mit "mittelgroßem Aufwand", wie Reisner sagte.

Einblicke in eine vergangene Zeit: Bierfässer im Haderbräukeller und Brauknechte.

(Foto: oh)

So gibt es am 3. April einen Lichtbildervortrag der Architekturhistorikerin Kaija Voss: "Baudenkmale im Landkreis" - ein Streifzug durch die Region und ihre architektonischen Kleinode; Barockkirchen und Bauernhäuser ebenso wie Bauten des 20. Jahrhunderts, die von der jeweiligen Zeitgeschichte zeugen.

Auch im Badehaus Waldram, dem wohl bemerkenswertesten Projekt des Historischen Vereins, gibt es eine Veranstaltung: Am 7. Mai wird dort eine Dauerausstellung im Hof eröffnet, die seit drei Jahren als Wanderausstellung, zuletzt in Frankfurt, unterwegs ist: "Die Kinder vom Lager Föhrenwald", die ergänzt wird um "Die Kinder von Waldram". Mitte der 50er-Jahre wurde das Areal des Lagers Föhrenwald für jüdische Displaced Persons vom katholischen Siedlungswerk gekauft. "Wir wollen in der zweiteiligen Ausstellung zeigen, wie sich die Kindheiten unterschieden haben", sagte Krafft.

Zu den aufwendigsten Veranstaltungen des Historischen Vereins gehört das "Gedenken an die Bücherverbrennung", die stets am 10. Mai stattfindet - wegen des großen organisatorischen Aufwands künftig allerdings nur noch alle zwei Jahre, wie Krafft sagte. Heuer findet sie in Kooperation mit dem Kulturverein Isar-Loisach wieder in der Loisachhalle statt. Für die fünfminütigen Lesungen von Texten verfemter Autoren haben die Organisatoren prominente Gäste wie Helmut Schleich und Christian Springer, den Autor Gerd Holzheimer sowie den Zeitzeugen Leibl Rosenberg gewinnen können. Musik gibt es von den Wellküren und der Volksmusikantin Traudi Siferlinger.

Neu ist heuer eine inhaltliche Schwerpunktsetzung in Richtung Kunst. Schüler aus dem Landkreis, "nicht nur Gymnasiasten, sondern auch Mittel-, Real- und Grundschüler", wie Krafft betonte, werden in fünfminütigen Kurzbeiträgen Künstler und Künstlerinnen vorstellen, deren Werke von den Nazis als entartet gebrandmarkt wurden. Der Verein freue sich sehr über diese Kooperation mit den Schülern, die in den Vorjahren mit vielen kreativen Ideen beeindruckt hätten.

Zu neuen Ufern entführt Bernhard Reisner zusammen mit Ursula Scriba vom Ostuferschutzverband im Spätsommer. "Am 9. September legen wir in Berg ab", sagte Reisner. Mit der "MS Bayern" führt die historische Schifffahrt in rund dreieinhalb Stunden entlang des Ostufers: Vorbei etwa an der Gedenkstätte König Ludwigs, dem Pocci-Schloss in Ammerland und Villen bedeutender Persönlichkeiten. Dazu gibt es Musik und einen Vortrag mit historischen Aufnahmen vom Ostufer und der Geschichte der Königlich-Bayerischen Dampfschifffahrt auf dem Starnberger See.

Die ersten Einblicke in die bierseligen Proben

Ein Pfarrheim ist nun mal kein Bierzelt. Aber weil es bei einer Bierrevue eine griabige Atmosphäre braucht, ist bei der Probe am Dienstag schon mal das passende Ambiente aufgebaut: Biertisch und Stühle, bunte Lichterkette, Bierfass und grün umrankte Holzpalisaden. Eigentlich sei geplant gewesen, das Freibier in der Pause direkt vom Fassl auf der Bühne auszuschenken. "Das ist aber leider nicht machbar", sagt Regisseur und Schauspieler Claus Steigenberger. "Frisch Eigschenkt", so der Name des Programms, wird deshalb im Foyer. Steigenberger lässt die Schlussszene proben: Der Hausmeister (Wiggerl Gollwitzer) schläft seinen Rausch am Tisch aus, die Bedienung Lisl (Christine Noisser) grantelt. Steigenberger wechselt geschmeidig vom sachlichen Regieanweisungston in den schwer angeschickerten Betrunkenenmodus. Es ist die zweite Probe und der Regisseur ist streng: Lässt den Auftritt der Lisl immer und immer wiederholen, feilt an den Gesten, am Ausdruck seiner Schauspieler. Viel Zeit haben sie nicht, nur drei Proben sind geplant, weil das Pfarrheim sonst anderweitig genutzt wird. Dass die Bierrevue eine ebenso vergnügliche wie informative Sache wird, lässt sich freilich schnell erkennen. Das Konzept aus Filmen, Fotos, kurzen Lesungen und Vorträgen, Interviews und Musik von Heini Zapf stammt vom Historischen Verein. Dazugekommen sind die kabarettistischen Szenen von Steigenberger. Verbindende Figur sei die Bedienung Lisl: "Die stellt dem jeweiligen Menschen auf der Bühne ein Bier hin, und der beginnt zu erzählen", erklärt er. Warum er bei der Bierrevue eingesprungen ist? "Weil ich dem Historischen Verein schon lange freundschaftlich verbunden bin, und die gemeinsamen Projekte immer Spaß machen." Das gilt offensichtlich auch für die Mitwirkenden. "Mit einem Profi zu arbeiten, ist eine tolle Sache", sagt Sybille Krafft. "Die meisten von uns sind ja weniger als Laiendarsteller." schp

Das Veranstaltungsjahr schließt am 11. November mit einem Besuch des Penzberger Museums. Mit der Neugestaltung sei eine reizvolle Verknüpfung von Kunst- und Heimatmuseum gelungen, sagte Krafft: Im Neubau, der im Juni eröffnet wurde, seien mehr als 200 Werke des Expressionisten Heinrich Campendonk zu sehen, im Altbau eine Dauerausstellung zur Zeit- und Kulturgeschichte der ehemaligen Bergarbeiterstadt. Museumsleiterin Gisela Geiger werde durch die Ausstellungen führen.

Infos zum Programm unter www.histvereinwor.de