Geretsried Werte aus der Geschichte

Bei der Eröffnung der Ausstellung "Die Kinder vom Lager Föhrenwald" in Geretsried ziehen die Redner Parallelen zwischen der Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg und heute. Bürgermeister Michael Müller ruft zu Toleranz auf

Von Felicitas Amler, Geretsried

Die Parallelen sind allfällig, und fast jeder Redner kommt darauf zu sprechen. Geretsried nach dem Zweiten Weltkrieg - Geretsried heute: Wohnraum für enorme Zahlen von Flüchtlingen ist notwendig; Integration ist zu leisten. Nein, sagt Bürgermeister Michael Müller (CSU) am Donnerstagabend im Ratsstubensaal bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung "Die Kinder vom Lager Föhrenwald", er setze die beiden Situationen - Heimatvertriebene seinerzeit, Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte heute - keineswegs gleich. Aber damals wie heute gehörten zu einer gelingenden Integration "der gute Wille von beiden Seiten" und die Bereitschaft, das zunächst Fremde kennenzulernen. Ausdrücklich appelliert Müller an die Toleranz aller. Er sei überzeugt, "dass das, was wir zu meistern haben, auch möglich ist". Seine eigene Stadt mit ihrer Nachkriegsgeschichte habe da eine besondere Verantwortung. Landrat Josef Niedermaier (FW) sagt, Geretsried habe "das Wissen, den Vorsprung und auch die Werte", mit der Flüchtlingskrise umzugehen.

Weidacher Grundschüler sangen zur Ausstellungseröffnung "Die Kinder vom Lager Föhrenwald", begleitet von den Lehrern Cornelia Schubert und Eva Greif.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Ausstellung des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald über die Kinder in dem einstigen Lager für jüdische Displaced Persons - also jene, die von den Nazis verfolgt und entwurzelt worden waren - hat in Geretsried ihre siebte Station. Die Vorsitzende Sybille Krafft ist spürbar berührt von den offenen Armen, mit denen sie und ihr Verein in der Wolfratshauser Nachbarstadt aufgenommen werden. Geretsried ist Mitglied im Badehausverein. Der Bürgermeister habe dies ungefragt von sich aus angeboten, sagt Krafft: "Und das werden wir ihm nicht vergessen." Auch Penzberg, Pullach und Berg haben sich angeschlossen; Wolfratshausen nicht. Der rein ehrenamtlich arbeitende Verein gestaltet das Badehaus zu einer Dokumentations- und Begegnungsstätte um. Die Kosten dafür betragen rund 1,6 Millionen Euro.

Sybille Krafft und Robbi Waks. Der Ehrengast aus Tel Aviv trug sich ins Goldene Buch der Stadt Geretsried ein.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wie eine Kindheit im Lager Föhrenwald aussah, davon berichtet ein Zeitzeuge, der eigens zur Ausstellungseröffnung aus Israel angereist ist: Robbi Waks hat neun Jahre lang in "Fehrenwald", wie er es bewusst mit jiddischem Akzent ausspricht, gelebt. 1968 ist er nach Israel ausgewandert, viermal sei er nach der Umwandlung des Lagers in einen Stadtteil in Waldram gewesen, zuletzt vor 25 Jahren. Wie das jetzt auf ihn gewirkt habe, fragt Krafft ihn, nachdem sie tagsüber gemeinsam dort waren. "Ich war nicht in Waldram", sagt Robbi Waks, "ich war wieder in Föhrenwald." Just am Kolpingplatz, dem Standort des historischen Badehauses, hatte die Familie Waks seinerzeit gelebt - als er noch Independence Place hieß. Waks liest auf Jiddisch aus den Erinnerungen an die Föhrenwald-Zeit mit seiner "Mischpoche" vor, die deutsche Übersetzung wird an die Wand gebeamt. Schöne Erinnerungen sind es, heitere. Denn die Kinder im Lager Föhrenwald bedeuteten den Erwachsenen alles. Sie waren ihre Zukunft, ihre Hoffnung nach der Shoah. "Dem Hitler haben wir's gezeigt", so soll Robbis Mutter Lea Waks über dieses Weiter-Leben gesagt haben.

Ausstellung "Die Kinder vom Lager Föhrenwald", Stadtmuseum Geretsried, Graslitzer Straße 1; bis 31. Oktober. Museumsleiterin Anita Zwicknagl vermittelt Führungen, Telefon 08171/62 98 27.