Geothermie Vor dem Drill

Die Maschine steht, die Arbeiter sind eingeteilt: In diesen Tagen soll bei Gut Breitenbach die lange erwartete Geothermie-Bohrung beginnen.

Matthias Köpf

Daniel Mölk lässt sich von einem Arbeiter den Akkubohrer geben. "Ist das der neue?", fragt er und bringt das Gerät probeweise auf Touren. Etwas ganz ähnliches machen Mölk und seine zwölf Männer in diesen Tagen im größeren Stil. Sie testen den Bohrturm, der im Wald zwischen Gelting und Herrnhausen 54 Meter hoch in den Himmel ragt. Statt eines Akkus braucht der Koloss allerdings ein halbes Kraftwerk und eine eigene Stromtrasse vom Umspannwerk Waldram. Über die soll in die andere Richtung später der Strom fließen, den die "Enex Power Germany" hier bei Gut Breitenbach mit heißem Wasser aus fast 5000 Metern Tiefe erzeugen will. Damit dieses Wasser irgendwann an die Oberfläche kommt, muss erst ein Rohr ganz hinunter. Und genau das wird die Aufgabe von Daniel Mölk und seinen Leuten für die nächsten Monate sein.

Eigentlich sollte sich schon ab diesem Montag der Bohrkopf in den Untergrund nagen, doch bisher ist das schwere Gerät zwar vorbereitet und getestet, doch das zuständige Bergamt Süd hat es vor den Ferien nicht mehr geschafft, die ganze Anlage auch amtlich zu inspizieren und freizugeben. Für Enex-Geschäftsführer Robert Straubinger kommt es auf diese Verzögerung auch nicht mehr an, denn das Geothermie-Projekt bei Gelting liegt mittlerweile schon einige Jahre hinter der einstigen Planung. Dafür gibt es inzwischen gründliche seismische Untersuchungen des Untergrunds und mit dem Mannheimer Daniel Hopp, dem Sohn des SAP-Gründers Dietmar Hopp, auch einen äußert solventen Geldgeber, der bereit ist, erst einmal sehr viele Millionen Euro in ein sehr tiefes Loch zu stecken, ehe vielleicht irgendwann Wasser und Erträge sprudeln.

Oder eben auch nicht, denn bei aller geologischen Gründlichkeit bleibt ein großes Risiko. Die Bohrung wird in eine im Süddeutschen Molassebecken bisher ungekannte Tiefe vorstoßen und dort unten auch noch abknicken, um länger durch die poröse Kalkschicht zu führen, durch die das von der Erdwärme auf vermutlich mehr als 140 Grad Celsius erhitzte Wasser strömt. Dass dabei sonst nichts schiefgeht, ist die Aufgabe von Daniel Mölk, der bei diesem Projekt mit seiner Maschine wesentlich genauer zielen muss als bei den vielen Geothermie-Projekten auf Island, die er auch schon betreut hat. Dort müssen die Löcher nur halb so tief sein und führen außerdem durch recht formstabiles vulkanisches Gestein, während bei Gelting der Bohrer in den kommende drei Monaten möglichst nicht für längere Zeit stillstehen sollte, damit der Bohrkanal nicht zu bröseln beginnt, ehe er verrohrt und dieses Rohr mit Zement umgossen ist.

Solange gebohrt wird, hält die Spülflüssigkeit den Bohrkanal offen, die von oben in die Tiefe gepresst wird und dort unten dem Bohrkopf noch ein zusätzliches Drehmoment mitgibt sowie das zermalmte Gestein an die Oberfläche schwemmt. Dort wird die laut Mölk mit verschiedenen organischen Substanzen versetzte Spülflüssigkeit gesiebt, filtriert und zentrifugiert, um dann aufs neue in das Loch gepresst zu werden. Dazu dienen die Tanks und Becken, die eine beträchtlichen Teil des 8000 Quadratmeter großen befestigten Bohrplatzes einnehmen. Die drei Pumpen mit ihren jeweils 160 Pferdestärken beanspruchen einen erklecklichen Anteil der insgesamt 4,5 Megawatt elektrischer Leistung, welche die ganze Anlage im Vollbetrieb verbrauchen wird. Dann werden in zwei Schichten rund um die Uhr 20 Arbeiter auf dem Gelände sein, die im Zwei-Wochen-Rhythmus arbeiten und Urlaub haben und teils im Geltinger Alten Wirth, teils in Privatzimmern und Ferienwohnungen in der Umgebung wohnen werden. Die arbeiten für das Bohrunternehmen Daldrup, das wegen des aktuellen Geothermiebooms in Südbayern 2012 seinen Hauptsitz vom Münsterland nach Grünwald verlegt hat. Zusammen mit seinem tschechischen Partner MD Drilling hat Daldrup für rund 20 Millionen Euro das Bohrgerät angeschafft, das Baustellenleiter Mölk gerade ausprobiert.

Die Enex wird ein einziger Bohrtag mehr als 30 000 Euro kosten, weshalb deren Geschäftsführer Straubinger Wert auf ausführliche Tests legt und genau diese neue Bohrmaschine bestellt hat, die der anvisierten Tiefe kräftemäßig gewachsen sein soll. Denn gleich nach dem Albtraum, überhaupt kein Wasser zu finden, kommt für Straubinger eine Havarie des Bohrgeräts ein paar Tausend Meter unter Grund. Dorthin wird sich Daniel Mölk vorarbeiten, um nach bestenfalls drei Monaten mit seinem Gerät ans nahe Tierheim umzuziehen und dort das nötige zweite Loch zu bohren.