Geothermie in Gelting "Abwarten, was da rauskommt"

Das enttäuschende Ergebnis der Enex-Bohrung lässt andere Unternehmen im Umfeld vorsichtig werden. Das Unternehmen startet derweil einen neuen Versuch.

Von Isabel Meixner

Die Enex Power Germany GmbH versucht, mit einer Querbohrung das Geothermie-Projekt in Gelting zu retten. Man werde im alten Bohrloch ab 3000 Metern seitlich bis auf 5500 Meter graben, in der Hoffnung, an dieser Stelle auf ausreichend heißes Wasser zu stoßen, sagte Geschäftsleiter Robert Straubinger. Die Firma A.I.R. Geokraft, die Erdwärme in Königsdorf nutzen möchte, zieht aus den vergeblichen Bohrungen dagegen erste Konsequenzen: Sie will ihre Planungen überarbeiten, nachdem Enex bei den Bohrungen auf Gut Breitenbach auf deutlich weniger heißes Wasser als gedacht gestoßen war. "Wir sind durch die Erkenntnisse vorsichtig geworden", sagte Geschäftsführer Michael Riedl. Experten untersuchen derzeit, ob die für Erdwärmeförderung relevante Gesteinsschicht nur auf Höhe von Gelting kein Wasser führt oder generell im Oberland.

Bei den Stadtwerken Geretsried, die außer dem Strom auch die thermische Wärme nutzen wollen, versucht man, "einen kühlen Kopf zu bewahren", wie Chef Jan Dühring sagt: "Enex hat den Draht zu den entscheidenden Stellen. Wir können nur abwarten und Tee trinken." Erdwärme Bayern hält dagegen nach eigenen Angaben an seinen Plänen fest, rund um Icking Strom aus Erdwärme zu gewinnen.

Die Geothermie-Bohrung in Gelting war mit 6036 Meter die tiefste in Europa und die erste im Landkreis. Ein Projekt "mit Leuchtturm-Charakter", wie Wolfgang Seiler, Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Energiewende Oberland es bezeichnete. Das geplante Kraftwerk sollte in der 25 000-Einwohner-Stadt Geretsried 5000 Haushalte mit Strom versorgen. Doch anstelle der erhofften 100 bis 120 Liter Wasser pro Sekunde hatten erste Pumpversuche weniger als zehn Liter zu Tage gefördert - zu wenig für eine wirtschaftliche Nutzung. Das Ende der Erdwärme-Träume der Stadt Geretsried? So weit will Jan Dühring nicht gehen: "Wir haben im Klimaschutzkonzept verschiedene Varianten festgehalten. Wenn ein Weg nicht durchführbar ist, gibt es andere Varianten." Gleichwohl sagt der Stadtwerke-Chef: "Die Geothermie war und ist ein riesiger Baustein."

Die Hoffnungen von Enex ruhen auf der Ablenkbohrung. Laut Geschäftsführer Straubinger wird sich bis Ende September entscheiden, ob und wann sie zu realisieren ist. Unter dem Breitenbach soll in derselben Schicht wie beim ersten Versuch erneut nach heißem Wasser gesucht werden. Laut den Untergrunddaten, welche die Firma im Vorfeld der Bohrung mit Hilfe so genannter Rüttelfahrzeuge gesammelt hatte, ist das Gestein an dieser Stelle besonders zerrüttet. Die Geologen hoffen darauf, dass sich dort Hohlräume gebildet und diese sich mit Wasser gefüllt haben.

Enttäuscht von den Bohrergebnissen zeigte sich Wolfgang Seiler. Für ihn handelt es sich bei Geothermie um "ideale Energie": Sie ist fast unerschöpflich vorhanden, ganzjährig verfügbar, unabhängig von Sonne und Wind, sicher, und sie liefert neben Strom auch Wärme. Seiler befürchtet, dass der Misserfolg der Bohrung Auswirkungen auf andere Projekte im Oberland haben werde. Auf das in Königsdorf etwa, und A.I.R.-Geokraft-Geschäftsführer Michael Riedl bestätigt, dass sich seine Firma "natürlich Gedanken" mache: "Wir werden abwarten, was da rauskommt." Denn die Tiefenbohrungen kommen die Firmen teuer zu stehen: 35 Millionen kostete etwa die in Gelting. A.I.R. Geokraft hatte zuletzt Grundstücksverhandlungen für ein Geothermie-Kraftwerk geführt und befindet sich laut Riedl derzeit in der Genehmigungsphase.

So weit sind die Experten von Erdwärme Bayern noch nicht. Sie werten derzeit die Daten aus, die sie im vergangenen Herbst rund um Icking, Münsing, Berg, Wolfratshausen und Egling gewonnen hatte. Solange die Auswertung noch nicht abgeschlossen ist, werde man an den Geothermie-Plänen festhalten, teilt das Unternehmen mit.