Erster Weltkrieg Plötzlich ganz nah

Im Tölzer Stadtmuseum ist derzeit eine Wanderausstellung zum Ersten Weltkrieg zu Gast. Auf Initiative des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ergänzen Jugendliche der Montessorischule diese mit den persönlichen Schicksalen von Gefallenen, um die Geschichte greifbarer zu machen.

Von Thomas Kubina

Eine Europakarte, die die Schrecken des Krieges mit Bad Tölz in Verbindung setzt: Schüler der Tölzer Montessorischule haben die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in einem Projekt eindrucksvoll ergänzt.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Es war der 24. September 1914, als die beiden Brüder Josef und Benedikt Keller in Péronne, einer kleinen Gemeinde im französischen Département Somme, auf dem Schlachtfeld standen: Staubwolken, Schüsse und laute Schreie verwandelten die einstige Idylle in ein wildes Kriegsgebiet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das zwölfte Königlich Bayerische Infanterie-Regiment "Prinz Arnulf", dem beide Brüder seit dem 6. August dienten, bereits 227 Gefallene, 1108 Verwundete und 156 Vermisste zu vermelden. Seite an Seite kämpften sie in den blutigen Schlachten. Bis zu jenem 26. Oktober, als beide auf qualvolle Weise zu Tode kamen: Die Kellers gehörten zu den 173 Tölzern, die auf den zahlreichen Schlachtfeldern Europas im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Im Krieg gemeinsam, im Tod getrennt, so ruhen heute beide auf den französischen Kriegsgräberstätten Vermandovillers und Rancourt.

Die Geschichte der beiden Brüder blieb, wie die vieler weiterer Tölzer Gefallener im Ersten Weltkrieg, lange in den Archiven verborgen. Bis sich die Schüler der Montessorischule Bad Tölz in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge der einzelnen Schicksale annahmen. In einem gemeinsamen Projekt erarbeiteten die 16 Schüler zwischen zehn und 16 Jahren zu der Wanderausstellung "14-18 Mitten in Europa" eine eigene, ergänzende und vor allem lokal bezogene Ausstellung, die derzeit ebenfalls im Tölzer Stadtmuseum zu sehen ist. "Bei so viel Krieg und Nationalismus vergessen wir den Preis der Demokratie und des Friedens," sagt Florian Völler, Mitglied des Volksbunds und Kreisbeauftragter Bad Tölz-Wolfratshausen.

Die Ausstellung zeigt unter anderem eine große, schwarze Holztafel, auf der sich die Konturen Europas in weißer Farbe abheben. Rote Wollfäden verbinden Stecknadeln und Informationskarten, die dem Zentrum, also der Stadt Bad Tölz, anhaften. Einer der Schüler erklärt, was auf den Karten zu sehen ist: "Alter, Beruf, Dienstgrad, Tod und heutige Gedenkstätte des Soldaten." Es sei aufgrund der prekären Quellenlage schwer, alle biografischen Daten zu rekonstruieren, betont Völler. Diese Tatsache bremste die Schüler in keiner Weise, wie Anja Lento, Lehrerin an der Montessorischule, beobachten konnte: Sie hätten bis ins Detail recherchiert, auch wenn sich mancherlei Biografie nicht mehr ganz zurückführen ließe. Als Betreuerin der Projektklasse lobt sie die Schüler für ihren tatkräftigen Einsatz. Eines ging ihr sehr ans Herz: "Besonders beeindruckt hat mich, dass die Schüler so ergriffen waren". Diese Ergriffenheit aus dem persönlichen Bezug heraus bestärkte die Schüler, sich weiter mit der Geschichte zu befassen. So zum Beispiel eines der Mädchen, wenn sie an den Soldaten Anton Gistel denkt, der mit gerade einmal 18 Jahren sein Leben lassen musste.

Wanderausstellung '14-18 Mitten in Europa': Eine gemeinsame Ausstellung mit Schülern der Montessori Schule Bad Tölz und des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Der Kreisbeauftragte Völler ist mit 34 Jahren ein relativ junges Gesicht im Verein. Er selbst diente zwölfeinhalb Jahre als Soldat und beschäftigte sich intensiv mit den Themen Krieg und Frieden. Sein Engagement stehe auch mit dem Tod eines Kameraden in Zusammenhang, wie Völler erzählt. "Man entwickelt ein Gespür und eine Sensibilität dafür." Er initiierte das Projekt und schlug der Schule die Kooperation vor. Nach Gesprächen mit Bürgermeister Josef Janker (CSU) und den Eltern nahm die Idee Formen an: "Wir wollen die Thematik der Jugend näherbringen und sie vor allem plastisch darstellen. Greifbare Geschichte ist viel mehr wert." Immer freitags setzten sich Kinder und Jugendlichen zusammen, sogar in den Pfingstferien. In der Ausstellung gibt es nicht nur optische Eindrücke, etwa Auszüge aus Feldpostbriefen, sondern auch akustische: Ein gut zehnminütiges Hörspiel, das die Schüler selbst aufnahmen. "Wir verzichteten absichtlich auf Kriegswaffen in der Aufstellung," sagt Völler. Das Stadtarchiv habe den Projektteilnehmern stattdessen Quellenmaterial und historische Gegenstände zur Verfügung gestellt.

Das Engagement der Schüler zeigt sich auch darin, dass sie bereit sind, weiter an neuen - insbesondere historischen - Projekten teilzunehmen. Eines steht auch schon in den Startlöchern: In Geretsried und Bad Tölz soll die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ortsbezogen aufgearbeitet werden, unter anderem auch mit Zeitzeugengesprächen.

Beide Ausstellungen sind noch bis Freitag, 15. Juni, im Tölzer Stadtmuseum zu sehen. Eintritt frei

Wanderausstellung '14-18 Mitten in Europa' im Stadtmuseum Tölz

(Foto: Manfred_Neubauer)