Ein Ort für Gut und Böse Reihenhäuser, in denen sich deutsche Geschichte verdichtet

Waldram tanzt: Schon früh gab es die ersten Feste in dem Wolfratshauser Stadtteil - am Wochenende wird das 60-jährige Bestehen gefeiert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)
  • Vor 60 Jahren wurde die Reihenhaussiedlung im Wolfratshauser Stadtteil Waldram gegründet.
  • An kaum einem Ort verdichtet sich deutsche Geschichte so wie hier: Die Nazis bauten hier Munitionsfabriken, später kamen Holocaust-Überlebende unter.
  • Das Jubiläum wird ein ganzes Wochenende gefeiert. Mehr Informationen zum Ablauf gibt es unter www.st-josef-waldram.de.
Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

1956 liest der damals 19-jährige Hans Buder im Münchner Kolpingshaus einen Anschlag am Schwarzen Brett. Das katholische Siedlungs- und Wohnungsbauwerk der Erzdiözese München und Freising sucht Kinderreiche, Kriegsopfer und Heimatvertriebene, die in Wolfratshausen siedeln wollen. "Ich bin mit einem Freund von mir rausgefahren und habe mir das angeschaut", erinnert sich der heute 80-jährige Mann. Obwohl ihm die vor 60 Jahren zum Großteil unrenovierten Reihenhäuser anfangs wenig einladend erscheinen, fasst er einen Entschluss: "Ich habe mich beworben", sagt Buder. Noch im Herbst ziehen er, seine Eltern und die beiden älteren Brüder in das Haus in der Bettingerstraße in Waldram.

Damit zählt Hans Buder zu den ersten Bewohnern im neuen Wolfratshauser Stadtteil Waldram, dessen 60-jähriges Bestehen mit einem Festwochenende gefeiert wird. Doch im Gegensatz zu mancher nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampften Neubausiedlung hatte der jüngste Stadtteil von Wolfratshausen Mitte der 1950er-Jahre schon eine wechselvolle Vorgeschichte. 1939 errichtete das nationalsozialistische Regime eine Siedlung mit Einfamilien- und Reihenhäusern für die Bediensteten der Sprengstoff- und Munitionsfabriken im Forst südlich von Wolfratshausen.

Für Deutsche Sprengchemie GmbH und Dynamit-Actien-Gesellschaft schufteten auch viele Zwangsarbeiter unter entwürdigenden Umständen. Unmittelbar nach Kriegsende brachte die US-Armee befreite Zwangsarbeiter im sogenannten Lager Föhrenwald unter. Später entstand ein Camp für Displaced Persons (DP), jüdische Holocaust-Überlebende. Die DPs sollten auf die Auswanderung nach Palästina oder andere Staaten vorbereitet werden. Erst 1957 verließen die letzten von ihnen das Areal.

1955 hatte das katholische Siedlungs- und Wohnungsbauwerk das Lager Föhrenwald mit den immer noch existierenden Häusern der früheren NS-Mustersiedlung gekauft und ließ die Häuser Stück für Stück renovieren. Als Hans Buder mit seiner Familie am 1. Oktober 1956 im heutigen Stadtteil Waldram in eines davon einzog, lebten dort noch immer jüdische DPs. Erst im März 1957 war das Lager Föhrenwald aufgelöst. Am 7. November desselben Jahres verlieh die Regierung von Oberbayern der Siedlung den Namen Waldram, benannt nach einem der Gründer und späteren Abt des Klosters Benediktbeuern im 8. Jahrhundert.

Als ersten Seelsorger hatte die Erzdiözese München und Freising Andreas Gruber, Direktor des Spätberufenenseminars in München-Fürstenried, beauftragt. Das Seminar wurde schließlich nach Waldram verlegt. Hans Buder erinnert sich noch gut an die wöchentlichen Jugendgottesdienste im ersten Kirchenraum, dem umgestalteten früheren Speisesaal der Munitionsarbeiterinnen zur NS-Zeit und der Synagoge zur DP-Zeit. "Das war eine Möglichkeit Mädchen kennenzulernen", erzählt er. "So habe ich auch meine Frau kennengelernt."

In der Turnhalle des Spätberufenenseminars hatte Buder Tanzkurs. Abschlussball feierten sie im damals ausgebauten Obergeschoss des Gasthofs "Zur Post". Buder fühlte sich schnell heimisch. Heimatvertriebene Familien wie seine - die Eltern von Buder hatten eine Landwirtschaft in Georgswalde in Nordböhmen an der deutsch-tschechischen Grenze - habe es viele gegeben. Sie hätten sich zu den monatlichen Pfarrfamilienabenden getroffen. Es habe die Siedlungsgemeinschaft Waldram gegeben. "Das war unser gesellschaftlicher Lebensmittelpunkt."

Das heutige Waldram beherbergte einst Holocaust-Überlebende, Kriegsopfer und andere Heimatvertriebene.

(Foto: oh)

Die neue Siedlung wuchs schnell. Im April 1956 hatten sich die ersten Bewohner an der Steichelestraße niedergelassen. Bis Juli 1960 hatte Waldram rund 1500 Einwohner in den Häusern, die sie nach strengen Richtlinien zu günstigen Konditionen erwerben konnten. Erste neue Bauten entstanden im Frühjahr 1960 an der Straße "Unter den Föhren". 1962 erfolgte der Spatenstich für das Großprojekt der gemeinnützigen Baugenossenschaft für den Landkreis Wolfratshausen. Am Isar-Loisach-Kanal entstanden 300 Wohnungen in Blocks und Reihenhäusern unter dem Programmnamen "Waldram Nord-West". Zwischen 1965 und 1970 erstellte die Bau- und Siedlergemeinschaft "Eigener Herd" Gebäudeblöcke mit 224 Eigentumswohnungen, 22 Einfamilienhäuser und 47 Reihenhäusern im Dreieck zwischen der Bundesstraße 11 und dem Isar-Loisach-Kanal.

Der begeisterte Hobby-Fotograf Buder hat die Entwicklung des Stadtteils in Bildern festgehalten. Als langjähriger Kirchenpfleger erinnert er sich noch gut an den Kirchenneubau der Pfarrei "St. Josef der Arbeiter". "Die Bevölkerung war damals gespalten", sagt der gelernte Bankkaufmann. Zur 60-Jahr-Feier zeigt der Wolfratshauser Kulturpreisträger von 2007 seine vor zehn Jahren selbst zusammengestellte etwa 90-minütige Multimedia-Schau zur Waldramer Historie. Der Stadtteil ist für ihn längst zur neuen Heimat geworden. Hier hat er drei Viertel seines Lebens verbracht, ist Vater von zwei Kindern geworden und hat heute vier Enkelkinder. Mit seiner inzwischen verstorbenen Frau bereiste er die Welt, war schon in rund 50 Ländern und hielt immer wieder Vorträge über seine Reisen. Erst im März war Buder mit seinem Sohn in Nepal.

Blickt Hans Buder aus seinem Haus in den Garten, sieht er den von seiner Familie gepflanzten Apfelbaum. In Waldram ist er selbst inzwischen genauso fest verwurzelt. "Ich fühle mich hier zu Hause", sagt er.