Die Not wächst Obdachlosigkeit nimmt stark zu

In der Wolfratshauser Notunterkunft an der Münchner Straße sind derzeit 13 Wohnungslose untergebracht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ines Lobenstein sieht einen der Gründe im eklatanten Mangel bezahlbarer Wohnungen in Wolfratshausen.

Von Konstantin Kaip

Die Zahl der Zwangsräumungen sozial schwacher Mieter in Wolfratshausen hat stark zugenommen. Ines Lobenstein, Leiterin der Caritas-Obdachlosenhilfe, sprach am Dienstag bei der Vorstellung ihres Jahresberichts im Ausschuss für Kultur, Jugend, Sport und Soziales von einem "enormen Anstieg". Habe es 2016 insgesamt zwölf Räumungsklagen im Stadtgebiet gegeben, die zu sechs Zwangsräumungen führten, seien es von Januar bis August dieses Jahres bereits 15 Klagen und zehn Zwangsräumungen. Fünf betroffene Personen konnten in der Notunterkunft untergebracht werden, im vergangenen Jahr waren es zwei.

Den Anstieg begründete Lobenstein mit der Situation der Vermieter: Die reagierten inzwischen schneller als früher, sagte sie. Zum einen seien die Erfahrungswerte besser, die Wohnungseigentümer wüssten, dass die Kosten steigen, je länger sie mit den Klagen warteten. "Und zum anderen kann man inzwischen jede Wohnung vermieten." Bei dem knappen Wohnungsmarkt müsse kein Vermieter mehr Leerstand befürchten. Dass es zu so vielen Zwangsräumungen komme, liege auch daran, dass die Obdachlosenhilfe häufig zu spät von der drohenden Kündigung erfahre. "Oft werden wir erst gerufen, wenn schon die Polizei vor der Tür steht oder der Schlüsseldienst", sagte Lobenstein. Die Caritas-Stelle, die auch für Sozial- und Schuldnerberatung zuständig ist, habe im vergangenen Jahr sechs Zwangsräumungen verhindern können, 2017 bislang fünf.

Laut Lobenstein sind in Wolfratshausen derzeit 30 Wohnungslose in Notunterkünften untergebracht: 13 in den Häusern an der Münchner Straße, die anderen in zwei von der Stadt angemieteten Immobilien an der Sauerlacher Straße und am Steghiaslweg. Das Klientel habe sich im Vergleich zum Beginn ihrer Tätigkeit, als sie noch viele durchreisende Obdachlose betreute und sich hauptsächlich um Männer kümmerte, deutlich geändert, erklärte Lobenstein: Frauen machten heute fast die Hälfte der Wohnungslosen aus. In den Wolfratshauser Notunterkünften leben auch Familien und alleinerziehende Frauen mit kleinen Kindern.

Auch die Gründe der Obdachlosigkeit hätten sich geändert. Sei es früher eher der typischen Alkoholismusproblematik geschuldet gewesen, dass die Menschen ihre Wohnung verloren, seien heute viele "einfach überfordert", erklärte Lobenstein. Sie hätten Schwierigkeiten, mit den Behörden zurechtzukommen. Die Anträge für Sozialleistungen wie Hartz IV seien sehr kompliziert und würden zudem regelmäßig geändert. "Und dann kommt auch noch die Scham dazu." Die Betroffenen verpassten Termine, was zu Kürzungen der Leistungen führe. Irgendwann könne die Miete nicht mehr bezahlt werden - "und dann ist der Strudel da".

Auf der anderen Seite ist laut Lobenstein in den Notunterkünften auch der Anteil der Personen gestiegen, die psychische Schwierigkeiten haben. "Es gibt viele Laute, die schwer psychisch auffällig sind", sagte sie. Insbesondere der so genannte "Querulantenwahn", eine paranoide Persönlichkeitsstörung mit mangelnder Einsichtsfähigkeit, sei unter den Obdachlosen verbreitet. Manche seien daher auf dem normalen Wohnungsmarkt nicht zu vermitteln.

Von Obdachlosigkeit bedroht sind auch die anerkannten Asylbewerber, die in den Gemeinschaftsunterkünften zwar derzeit zum Teil noch als so genannte "Fehlbeleger" vorübergehend geduldet werden, jedoch auf dem freien Wohnungsmarkt unterkommen müssen. Für 66 anerkannte Flüchtlinge in Wolfratshausen habe die Caritas bereits eine Wohnung finden können, sagte Lobenstein. Hinzu kämen 68 "Fehlbeleger", für die man eine Bleibe suche. "Durch die anerkannten Asylbewerber stehen wir vor großen Herausforderungen", sagte Lobenstein mit Blick auf die Zukunft. Allerdings glaube sie nicht, dass die Zahl neuer Flüchtlinge im kommenden Jahr "explodiert". Schwierig abzuschätzen sei allerdings der Familiennachzug. Im Notfall aber funktioniere die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt gut, das eine vorübergehende Unterbringung in großen Unterkünften rasch ermögliche.

Im Rückblick stellte Lobenstein auch fest, dass die Politik 2017 viel getan habe: So habe der Stadtrat auf ihre Forderung hin die Preise für die Notunterkünfte erhöht und anderen Kommunen angeglichen. Zudem habe der Kreistag im Sommer die Obergrenze für Mieten bei Sozialhilfeempfängern angehoben. Die Caritas-Leiterin ließ jedoch auch die Gelegenheit nicht aus, auf den eklatanten Mangel an bezahlbaren Wohnungen in Wolfratshausen hinzuweisen, der das größte Problem für ihre Arbeit darstellt. "Die Mietobergrenze wurde zwar angehoben", sagte sie. "Aber trotzdem finden viele einfach keine Wohnung."