Denkmalschutz Kampf um das historische Gesicht der Stadt

Ein Privathaus im geschützten Ensemble an der Wolfratshauser Alpenstraße soll abgerissen werden - der Historische Verein protestiert dagegen

Von Felicitas Amler, Wolfratshausen

Die Kreisheimatpfleger haben es mit der Stadt Wolfratshausen nicht ganz leicht. Vor genau zwanzig Jahren konstatierte der damalige Inhaber dieses Ehrenamts, Klaus-Peter Koller: "Denkmalschutz bedeutet in Wolfratshausen nichts." Seinerzeit ging es um das Vierjahreszeitenhaus, ein ehemaliges Arbeitergebäude, das ein beliebtes Wolfratshauser Postkartenmotiv war. Das 1858/9 am Loisachufer erbaute Anwesen war ein Zeugnis für das frühere Leben von Tagelöhnern in dieser Stadt. Nach viel politischem Hin und Her wurde es im Jahr 2003 abgerissen. Heute fürchtet Kreisheimatpflegerin Maria Mannes um ein steinernes Dokument der Zeitgeschichte Wolfratshausens: ein Privathaus im geschützten Ensemble zwischen Alpen- und Schießstättstraße. Über den hier beantragten Abriss will das Landratsamt diese Woche befinden.

Die Kreisheimatpfleger und der Historische Verein Wolfratshausen haben in den vergangenen Jahren schon um manches Denkmal in der Stadt gekämpft. Oft ohne, gelegentlich mit Erfolg. So gelang es zwar, das Alte Krankenhaus an der Sauerlacher Straße zu bewahren. Jedoch konnten der alte Bauhof an der Königsdorfer Straße - ein 1847 entstandenes Maurermeisteranwesen - oder das Hauptquartier der Isar-Amperwerke - eine Jugendstilvilla - nicht gerettet werden. Auch das markante "Haus Alpenblick" an der Beuerberger Straße musste einem Neubau weichen.

Formal lässt sich den Stadträten oft kein Vorwurf machen, denn die Entscheidung über einen Abriss obliegt letztlich dem Landratsamt. So sei auch der Abbruchantrag für die Alpenstraße 14 im Bauausschuss des Wolfratshauser Stadtrats nur durchgewinkt worden, sagt Sybille Krafft, Vorsitzende des Historischen Vereins. Sie wäre allerdings froh, wenn mancher in diesem Gremium bei einem solchen Antrag hellhörig würde und sich nach Details erkundigte. Er könnte dann erfahren, welche über das Architektonische hinausgehende Bedeutung ein Gebäude hat. Im Fall Alpenstraße betrifft sie die NS-Geschichte der Stadt.

Das Wohnquartier wurde laut Denkmalliste in den Jahren 1936 bis 39 errichtet. Es steht im Zusammenhang mit dem Lager Föhrenwald, heute Waldram. Denn hier wie dort schufen die Nazis Wohnraum für Beschäftigte der Rüstungswerke Geretsried-Gartenberg; in Föhrenwald für die Arbeiter und kleineren Angestellten, zwischen der heutigen Schießstätt- und der Alpenstraße für leitende Angestellte, Ingenieure, Direktoren. Krafft, die mit dem Verein "Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald" diesen Teil der Wolfratshauser Geschichte erforscht, sagt, sie wolle sich auch der Historie des Karrees annehmen. Es gehöre nicht nur - "mit einem neuen Geist beseelt" - zum Stadtbild, sondern sei eben auch ein Kapitel der Wolfratshauser Zeitgeschichte.

Architektur mit Ideologie

Das Ensemble Wohnsiedlung Alpenstraße/Schießstättstraße umfasst laut bayerischer Denkmalliste die in den Jahren 1936 bis 39 nach dem Entwurf von Theo Lechner für Angestellte der Sprengstoffwerke Geretsried/Gartenberg errichtete Wohnsiedlung. "Dabei wurden zwei Grundtypen von zweigeschossigen Wohnhäusern verwendet: Die einzeilige Bebauung an der Nordseite der Schießstättstraße und im westlichen Abschnitt der Alpenstraße besteht aus aneinandergereihten giebelständigen Doppelhäusern; der östliche Teil der Alpenstraße wurde in größeren Abständen mit langgestreckten, traufständigen Satteldachbauten (mit jeweils bis zu vier Wohneinheiten) bebaut. In gestalterischer Hinsicht, so heißt es dazu weiter, sei die Adaption regionaler historischer Bauformen im Sinne eines "alpenländischen Heimatstils" charakteristisch. "Zu den einheitlichen Flachsatteldächern mit weitem Dachüberstand treten einzelne Fassadenmotive wie asymmetrisch gesetzte Erker, barockisierende Tür- und Fensterdetails oder Imitationen von Giebelbundwerk. (. . . ) Die gestalterische Orientierung an traditionellen landschaftstypischen Formen, die nicht zuletzt den in der Rüstungsindustrie tätigen ursprünglichen Bewohnern eine ländlich-kleinstädtische 'Heimatlichkeit' suggerieren sollte, lässt den ideologischen Hintergrund solcher Architekturen erkennen." SZ

Um diese "wichtigen Zeitzeugnisse" bangt auch Maria Mannes. "Ich hoffe sehr, dass der Abbruch unterbleibt, das Gebäude saniert wird und damit kein irreparabler Schaden für das Ensemble Alpenstraße/Schießstättstraße entsteht", sagt sie. Die Kreisheimatpflegerin ist überzeugt davon, dass es nicht möglich sei, ohne Schaden für das Gesamtbild ein Glied aus der Reihe herauszubrechen. "Ein wie auch immer gestalteter Neubau kann das Original nicht ersetzen." Sie geht zudem auf bauliche Argumente ein, die den Privateigentümer womöglich motivieren, es abreißen zu wollen: Die Behauptung, der Bau sei nicht sanierungsfähig, greife nicht. Es seien bereits viele dieser Häuser auf einen modernen Stand gebracht worden und hätten einen zeitgemäßen Wohnkomfort. "Der Ensembleschutz betrifft ohnehin nur die Außenmauern, Fenster, Türen und das Dach." Die Mauerstärke von etwa 40 Zentimetern mache eine Dämmung überflüssig, und die Innensanierung unterliege keinen Beschränkungen.

Der Historische Verein hat am Sonntag mit etwa fünf Dutzend Teilnehmern eine Protestaktion in der Alpenstraße veranstaltet und am Montag per E-Mail mit 76 Unterzeichnern an Landrat Josef Niedermaier (FW) geschrieben. Sie bitten ihn, den Abriss nicht zu genehmigen. Landratsamtssprecherin Marlis Peischer teilte am Montagnachmittag auf SZ-Anfrage mit, die Entscheidung werde noch diese Woche fallen. Damit wäre eine stille Hoffnung der Protestierenden hinfällig. Nach aktuellem Stand lässt sich nämlich ein Gebäude innerhalb eines geschützten Ensembles nur dann retten, wenn in dem Ensemble mindestens ein prägendes Einzeldenkmal steht - was an der Alpenstraße nicht der Fall ist. Dem soll aber mit einer Gesetzesänderung abgeholfen werden, das Verfahren im Landtag läuft noch - und wird gewiss nicht diese Woche abgeschlossen.