Brot und Spiele "Man kann Thoma nicht naiv feiern"

Norbert Göttler

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler plädiert für kritische Distanz.

Von Stephanie Schwaderer

Dutzende Male ist in den vergangenen Wochen wieder Ludwig Thomas "Heilige Nacht" zitiert worden; anlässlich seines 150. Geburtstags stehen an diesem Wochenende im Landkreis gleich vier - überwiegend heitere - Lesungen auf dem Programm. Dabei ist bekannt, dass sich der linksliberale Satiriker am Ende seines Lebens in einen faschistischen Hetzer verwandelt hat. Wie geht man mit einem solchen Erbe um? Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler (Foto: Harry Wolfsbauer) hat darauf eine klare Antwort.

SZ: Ludwig Thoma hat im "Miesbacher Anzeiger" rechtsradikale Hetztiraden veröffentlicht und zu Mordanschlägen aufgerufen. Soll man einen solchen Menschen feiern?

Norbert Göttler: Wer sich mit seiner Biografie beschäftigt, kann ihn gar nicht naiv feiern; er muss kritisch an ihn herangehen. Das macht die seriöse Forschung auch seit Jahren. Tatsächlich hatte Thoma ja nicht nur in seinen letzten beiden Lebensjahren antisemitische und reaktionäre Ausfälle. Entsprechende Passagen finden sich auch schon früher in seinem Werk - wenn auch nicht in dieser massiven Ausprägung.

Dennoch gibt es Veranstalter, die zu vergnüglichen Abenden einladen, um den "großartigen Schriftsteller" zu würdigen.

Die Frage dabei ist, ob man sich Teilen seines Werks nähern kann, ohne seine Biografie mitzudenken. Ob man also so tun kann, als wüsste man von nichts. Ich kann das nicht. Aber diese Frage muss wohl letztlich jeder für sich entscheiden. Alle Veranstalter, die ich kenne, setzen sich kritisch mit Thoma auseinander. Am Tegernsee wird es heuer zum Beispiel ein großes Symposium geben, in Benediktbeuern planen wir eine Ausstellung. Ich selbst habe ein Theaterstück geschrieben, das im Sommer in Dachau uraufgeführt wird. Es heißt: "Thoma - eine Selbstzerstörung".

Michael Skasa setzt sich in seinem Programm dezidiert kritisch mit Thoma auseinander. Sein Fazit lautet: "Unser größter bayerischer Dichter war ein armer Hund und am Ende ein entfesselter Spießer." Viele Leute wollen das womöglich gar nicht hören. Dann lieber doch noch einmal die Lausbubengeschichten oder die "Heilige Nacht".

Dass Schriftsteller moralische Vorbilder des Volkes zu sein haben, ist eine naive Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert. Ob aber Entgleisungen wie Aufrufe zum Mord in einen tolerierbaren Rahmen passen? Thoma ist ohne Miesbach nicht denkbar. Deshalb müsste es meiner Ansicht nach bei jedem Thoma-Abend zumindest eine kritische Einführung oder ein Begleitheft geben, das biografisch auf dem neuesten Stand der Forschung ist.

Klaus Wittmann liest die besten Kurzgeschichten Ludwig Thomas zum bayerischen Drei-Gänge-Menü und Musik des Trios Ossiander-Darchinger, Freitag, 20. Januar, Gasthof Zantl, Bad Tölz, Infos unter www.gasthof-zantl.de

Michael Lerchenberg: Ludwig Thoma - ein schwieriger Bayer, Ausschnitte aus Prosa, Lyrik und Satiren, Komödien, Tragödien und Briefwechseln, Freitag, 20. Januar, 20 Uhr, Kurhaus, Bad Tölz, musikalische Umrahmung durch das Ensemble Eberwein, www.brotzeitundspiele.de

Michael Skasa: Ludwig Thoma und die große Welt, Samstag, 21. Januar, Amtsgericht Wolfratshausen, Beginn 19 Uhr, Einlass 18.30 Uhr, Begrüßung mit Sekt, Bier und kleinem Imbiss, info@hinterhalt.de

Claus Obalski liest Lieblingsgeschichten von Ludwig Thoma; Sonntag, 2. Januar, 19 Uhr, Hollerhaus, Irschenhausen, Anmeldung unter Tel. 08178 /4408