Tagung in Bad Tölz So kann der Landkreis die Energiewende bis 2035 schaffen

Wissenschaftler haben untersucht, wer wo wie viel Strom und Wärme verbraucht - und ob sich der Bedarf auch aus sauberen Quellen decken ließe.

Von Ingrid Hügenell, Bad Tölz-Wolfratshausen

Kann der Landkreis das selbst gesteckte Ziel erreichen und bis 2035 unabhängig werden von fossilen Energieträgern? Wie geht das zusammen mit den Anforderungen, die eine voraussichtlich wachsende Bevölkerung mit sich bringt? Wie sieht es im Landkreis in Zukunft aus? Mit diesen Fragen befasst sich das Projekt Inola - Innovationen für ein nachhaltiges Land‐ und Energiemanagement auf regionaler Ebene. Inola soll die Energiewende in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach und Weilheim-Schongau gestalten.

Mit dabei sind Bürgerstiftung Energiewende Oberland (EWO), Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Hochschule für angewandte Wissenschaft Kempten, Stadtwerke Bad Tölz sowie ifo-Zentrum für Energie, Klima und erschöpfbare Ressourcen. Im ersten Schritt haben die Wissenschaftler untersucht, ob und mit welchen erneuerbaren Energien der Landkreis zu hundert Prozent mit Strom und Wärme versorgt werden könnte.

Die erhobenen Daten sind äußerst präzise, "sie suchen deutschlandweit ihresgleichen", sagte Elisabeth Freundl, die Projektkoordinatorin der EWO. Die entstandenen Diagramme seien "sehr viel hochwertiger, als alles, was wir bisher hatten". Sie zeigen beispielsweise, wo im Landkreis der Stromverbrauch der Haushalte am höchsten ist: In den Gemeinden Münsing und Icking, dort liegt er über dem bayerischen Durchschnitt. Den wenigsten Strom verbrauchen derzeit die Menschen in den Städten Geretsried, Bad Tölz und Wolfratshausen.

Wie entwickelt sich der Landkreis, lässt sich die Energiewende verwirklichen? Damit beschäftigt sich das Projekt Inola.

(Foto: Falk Heller)

Ermittelt wurde auch, wie viel Strom und Wärme momentan schon aus erneuerbaren Energien erzeugt wird: Beim Strom sind es gut über 80 Prozent, das meiste davon, nämlich 67 Prozent, aus Wasserkraft. Die Fotovoltaik steuert elf Prozent bei, Biomasse und Biogas zusammen vier Prozent. Windkraftanlagen gibt es im Landkreis nicht. Bei der Wärmeerzeugung kehrt sich das Bild um: Gut 80 Prozent des Bedarfs werden noch nicht aus regenerativen Quellen gedeckt. Der größte Anteil, 14 Prozent, kommt aus der Biomasse, vier Prozent, aus der Geothermie.

Untersucht wurde auch, wo im Landkreis welche erneuerbaren Energieträger ausgebaut werden könnten und ob sie den gesamten Bedarf an Strom und Wärme decken könnten. Berücksichtigt wurden sowohl das wahrscheinliche Bevölkerungswachstum als auch mögliche Energieeinsparungen. Der Energieverbrauch im Verkehr wurde nicht untersucht.

Das Ergebnis: Strom- und Wärmebedarf können aus regenerativen Quellen gedeckt werden, recht leicht sogar. Das größte Potenzial steckt in Fotovoltaik und Biomasse. Zwar trägt die Wasserkraft derzeit den größten Anteil bei, doch ausbauen lässt sie sich kaum noch. Denn nur noch an vorhandenen Querbauwerken in künstlichen Gewässern dürfen neue Wasserkraftwerke errichtet werden. Das ist an genau fünf Stellen im Landkreis möglich. Eine liegt am Walchensee, die vier anderen an der Loisach beziehungsweise am Isar-Loisach-Kanal zwischen Beuerberg und Wolfratshausen. In Wolfratshausen wird gerade ein Laufwasserkraftwerk geplant.

Das weitaus größte Potenzial hat die Fotovoltaik. Die Geografen der LMU haben alle Dachflächen und Hausfassaden nach Exposition und Neigung analysiert. Das Ergebnis: Schon wenn man alle Dachflächen mit Fotovoltaik-Modulen bestücken würde, könnten diese weit mehr als den voraussichtlich benötigten Strom von 384 Gigawattstunden pro Jahr erzeugen.

Die Gymnasiasten Christopher Smuda (v.l.), Benjamin Klauber, Jakob Kiebler und Robert Barbier diskutieren Szenarien für die Energiewende.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nicht ganz so aussichtsreich ist das Bild bei der Biomasse. Die Experten haben untersucht, wo etwa Plantagen von Energieholz angelegt werden könnten, Maisanbau für die Strom- und Wärmeerzeugung möglich wäre und wie viel Holzzuwachs die Privat- und Staatswälder liefern könnten. Vor allem entlang der Isar zwischen Lenggries und Geretsried könnte Biomasse für die Erzeugung von Wärme produziert werden.

Die Frage ist: Will man das? Denn Flächen, die dafür genutzt werden, gehen der Landwirtschaft verloren und sind auch nicht mehr naturnah oder ökologisch wertvoll. In den drei EWO-Landkreisen müssen deshalb die Weichen richtig gestellt werden, die Untersuchungsergebnisse liefern dafür die Basis. Auf ihrer Grundlage wurden vier mögliche Szenarien entwickelt, wie der Landkreis 2045 aussehen könnte. Daran waren Experten aus Wissenschaft und Praxis, auch aus der Region beteiligt, zudem zahlreiche Bürger, wie etwa zehn Schüler der Gymnasien Geretsried und Icking. Sie stimmten am Donnerstag auch darüber ab, welches der Szenarien sie gerne verwirklicht sehen würden.

Das Szenario 1 "Nachhaltigkeit schafft Werte" erhielt mit Abstand die meisten Stimmen: Die Energiewende im Landkreis wäre diesen Zukunftsbild zufolge geschafft. Das Handwerk boomt, die regionale Wertschöpfung floriert. Doch es gibt auch Probleme: Die Anlagen, die dezentral Strom und Wärme erzeugen, brauchen Flächen, die für andere Nutzungen wie Wohnen und Gewerbe verloren sind.

136 200 Menschen

werden nach Berechnungen des Bayerischen Landesamts für Statistik im Jahr 2034 im Landkreis leben. Derzeit sind es etwa 126 000. Vor allem die Zahl der über 60-Jährigen wird stark steigen: Von derzeit gut 34 000 auf fast 47 000 in 18 Jahren. Die Inola-Forscher rechnen in drei von vier Szenarien ebenfalls mit einer wachsenden Bevölkerung, auch durch Zuzug junger Familien.

Die meisten Teilnehmer hielten am Donnerstag jedoch Szenario 2 "Das Wachstum geht weiter" für realistisch, wenn auch nicht für wünschenswert: Die Wirtschaft funktioniert demnach weiter nach der Wachstumslogik, weltweit wie auch in Europa gibt es ein starkes Wohlstandsgefälle, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Erneuerbare Energien sind im Landkreis da ausgebaut, wo es sich wirtschaftlich lohnt, es sind aber weiterhin Energieimporte nötig.

Von einer schweren Wirtschafts- und Immobilienkrise in den 2020er Jahren geht Szenario 3 "Kein Land in Sicht" aus, die gravierende Auswirkungen auch im Landkreis hat. Das Wachstum stagniert demnach seit Jahren, die Bevölkerung schrumpft, die Innovationskraft schwindet. Themen wie Energiewende, Umwelt- und Ressourcenschutz sind in den Hintergrund geraten.

Auch Szenario 4 "Krise motiviert regionale Kräfte" ist ein Krisenszenario, das jedoch eine Handvoll der Anwesenden für wünschenswert hielt: Die Wirtschaftskrise hat das Wachstum gebremst, die Bevölkerung musste hohe Wohlstandseinbußen hinnehmen. Doch auf regionaler Ebene geht ein Innovationsschub von kleinen und mittleren Unternehmen aus, vor allem von Handwerk und Energiebranche.

Im nächsten Schritt des Projekts werden nun Strategien entwickelt, mit denen sich das Ziel - Szenario 1 - erreichen lassen soll. Daraus sollen ein Energiekonzept für die Region ebenso wie ein Handlungskonzept abgeleitet werden. Dann ist die Politik gefordert, die Konzepte umzusetzen.

Im Internet unter www.inola-region.de