Bad Tölz Die Opfer der NS-Mordmaschinerie

Der Arbeitskreis "Ge(h)denksteine" erforscht die Lebenswege von psychisch Kranken und Behinderten, die von den Nazis ermordert wurden - eine mühsame Suche.

Von Suse Bucher-Pinell

Sechs kleine Bronzesteine im Pflaster vor dem Stadtmuseum in der Marktstraße erinnern an jüdische Tölzer Bürger, die von den Nazis ermordet wurden. Bald sollen es einige Steine mehr sein. Denn der städtische Arbeitskreis Ge(h)denksteine, der sich 2003 gegründet hat und auf dessen Initiative die Erinnerungssteine verlegt wurden, fand nun heraus, dass nicht nur jüdische Bürger in der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht wurden, sondern auch psychisch Kranke und Behinderte der "Euthanasie" zum Opfer fielen.

Mit weiteren Gedenksteinen soll an jene Tölzer erinnert werden, die als psychisch Kranke oder Behinderte von den Nazis ermordet wurden.

(Foto: Manfred Neubauer)

Elf Tölzer, darunter ein Kind, kamen demnach in verschiedenen Anstalten ums Leben. Laut Arbeitskreismitglied Christoph Schnitzer ist es die in Bad Tölz mit Abstand größte Opfergruppe. Der Journalist stellte die jüngsten Rechercheergebnisse des Arbeitskreises am Mittwoch erstmals der Öffentlichkeit vor im Rahmen des Studienjahrs "Kultur, Geschichte, Heimat" des Katholischen Kreisbildungswerks.

Diesen Tölzer Schicksalen soll im Juni eine Ausstellung im Stadtmuseum gewidmet werden, und es sollen weitere Gedenksteine verlegt werden. Es war eine mühsame Arbeit, der sich Arbeitskreismitglied Marieluise Wittreich unterzog. Doch trotz aller Akribie konnten nicht alle Tölzer Schicksale schlüssig geklärt werden, was auch für NS-Opfer aus umliegenden Gemeinden wie Bad Heilbrunn, Dietramszell, Reichersbeuern, Kirchbichl oder Oberfischbach gelte. Die Kunst- und Gestalttherapeutin fing bei null an.

"Man wusste vorher überhaupt nichts", erinnert sie sich. Bisher sei in der Tölzer Geschichtsschreibung immer nur die Rede gewesen von Mitbürgern, die von den Nazis ermordet wurden. Psychisch Kranke oder Behinderte seien dabei nie explizit erwähnt worden. Wittreich durchforstete deshalb zunächst die Eingangsbücher der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die heute im Archiv des Bezirks Oberbayern lagern.

Zeile für Zeile suchte sie nach dem Geburts- oder Wohnort Bad Tölz. Ergänzend beantragte sie im Staatsarchiv Einsicht in die Unterlagen des damaligen Bezirksamts, vergleichbar dem heutigen Landratsamt, und fahndete dort nach dem Stichwort. Elf Namen fand sie auf diese Weise. Doch anders als bei jüdischen Bürgern verbieten es Datenschutz und die Rechte von Angehörigen, dass die Namen öffentlich gemacht werden.

Bürgermeister Josef Janker (CSU) entschied schließlich, dass wenigstens der Vorname und der Anfangsbuchstabe des Nachnamens genannt werden. Dass die Toten dennoch nicht vergessen bleiben und ihnen zumindest ein Stück Menschenwürde zurückgegeben werde, das versucht der Arbeitskreis mit der Schilderung der einzelnen Lebenswege.

Die meisten Tölzer Frauen und Männer wurden nach den Recherchen in der Reichsanstalt Hartheim, einem Schloss in der Nähe der österreichischen Stadt Linz, mit Kohlenmonoxid vergast, wo allein zwischen Mai 1940 und September 1941 insgesamt mehr als 18 000 Menschen ermordet worden sein sollen. Aber auch in den Heil- und Pflegeanstalten Eglfing-Haar und Kaufbeuren sowie in der NS-Tötungsanstalt Grafeneck bei Reutlingen seien Tölzer gestorben. Um die Häufung von Todesfällen an einem Tag und die auffällige Konzentration auf einen Todesort zu verschleiern, seien oftmals Datum und Sterbeort auf den Geburtsurkunden gefälscht worden.

Zwei Schicksale von Tölzer Opfern schilderte Schnitzer exemplarisch. Demnach wurde Elisabeth Kreszenz S. nur 13 Jahre alt. Nachdem sie sieben Jahre im Kinderhaus in Haar verbracht hatte, kam sie nach Kaufbeuren, wo an Kindern mit Medikamenten und Hungerkuren experimentiert wurde. Woran das Mädchen litt, wurde nicht herausgefunden, ihre Spur verliert sich schließlich in Kaufbeuren.

Maria Theresia K. dagegen war laut ihrem Krankheitsbericht schwachsinnig und Epileptikerin. Sie war 30 Jahre alt, ehe sie in Hartheim vergast wurde. Der Leidensweg der Frau beginnt in der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee bei Wasserburg, wohin sie 1938 in einem offenbar guten Gesundheitszustand eingewiesen wurde, der sich alsbald verschlechterte. Wenige Tage nach der Verlegung nach Niedernhart und weiter nach Hartheim war sie tot.