Bad Tölz Sieben Töne braucht die Welt ...

Wenig Emotion bot Andreas Martin Hofmeir, aber geerdete Komik, die größtes Vergnügen bereitete.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

... und einen wie Martin Hofmeir, der Erstaunliches aus seiner Tuba herausholt. Ein ebenso witziges wie virtuoses Konzert im Tölzer Kurhaus

Von Sabine Näher, Bad Tölz

Im klassischen Sinfonieorchester sind Bläser die Underdogs. Besonders blasierte (hohe) Streicher gehen so weit, den Kontrabass zu den Bläsern zu zählen. Wird schon das tiefste Streichinstrument derart abgekanzelt, was steht's da erst um die arme Tuba - die bekanntlich das tiefste Blechblasinstrument ist? Andreas Martin Hofmeir, Professor für Tuba am Salzburger Mozarteum und Gründungsmitglied der Kultband LaBrassBanda, nimmt es am Freitag im gut besuchten Tölzer Kurhaus mit Selbstironie: "Sind Trompeter da heute Abend? Posaunisten? Tubisten? Und sind Musiker da...?" Rein äußerlich entspricht Hofmeir dem Typus Bläser, über den sich gut gekleidete Geiger und Cellisten gerne mokieren: Jeans, Kapuzenpullover, Pferdeschwanz - und dann geht er auch noch barfuß. Doch das alles hat System, lautet sein Motto doch "Kein Aufwand". Und das zieht er durch. So sitzt er den ganzen Abend auf dem Stuhl: keine unnötigen Bewegungen. Bei der Publikumsansprache wie der Lesung aus seinem Buch gibt er sich unaufgeregt: keine unnötigen Emotionen. Sein Sprachstil ist schnörkellos: keine unnötigen Umwege.

Aber in dieser trockenen, lakonischen Art entfaltet er eine herrlich geerdete Komik, die dem Publikum größtes Vergnügen bereitet. Etwa wenn er vom "Pro-Ton-Einkommen" im Sinfonieorchester erzählt: "So ein Geiger spielt um die 20 000 Töne in einer Dvořák-Sinfonie. Und die Tuba? Sieben! Und wir bekommen dafür das gleiche Geld!" Und dass er für diese sieben Töne nicht groß üben brauche, verstehe sich ja von selbst: kein Aufwand!

Auch die Musikauswahl des Abends hält sich an dieses vorgegebene Motto: "Wir spielen jetzt ein brasilianisches Liebeslied. Ich erzähle Ihnen einmal, worum es geht, das trifft dann auch auf alle weiteren Lieder zu: Geht eine Frau die Straße herunter, an einem Café entlang, dort sitzt ein Mann, er verliebt sich in sie. Und er folgt ihr - und folgt ihr - bis die nächste Frau daher kommt..." Doch als der aufwandslose Hofmeir dann zur Tuba greift, geschieht das Wunder: Es kommt Bewegung in den Mann. Und was für eine! Und welche Töne er seiner Tuba entlockt: zarte, subtile, gefühlvolle Weisen. Begeisterter Applaus. Der Künstler lakonisch: "Wer's mog, sog i immer..." Die Tuba führe ja ein Schattendasein; Tuba lerne nur, wer sich nicht in den Vordergrund drängen wolle. Oder wer, wie in seinem Falle, auf die Autoscooterchips scharf war, die als Honorar beim Volksfest winkten. Und die Tuba war das einzige unbesetzte Instrument in der Blaskapelle.

Naturalienhandel scheint in der Holledau, wo Hofmeir aufgewachsen ist, noch weit verbreitet: Beim Bund Naturschutz bastelte er zwölf Jahre lang Krötenzäune, bloß weil es in der Pause die weltbesten Wurstsemmeln von der Metzgerei Bauer für die fleißigen Helfer gab. Der Umzug nach Berlin zum Musikstudium katapultierte den Naturburschen dann in eine neue Welt ("Und die Neugier eines Holledauers ist schon überfordert, wenn eine Artischocke auf der Pizza liegt"): WG-Leben am Prenzlauer Berg, Pizza beim Döner-Mann, Nachbarn mit ungewöhnlichen Berufen. "Der Jürgen war Einbrecher. Aber er versicherte, seiner Arbeit niemals im eigenen Haus nachzugehen." Bis der schusselige Musiker sich aus seiner Wohnung aussperrt - und gemeinsam mit Jürgen, der ihm Zutritt verschafft, über die "Ganoven vom Schlüsseldienst" herzieht.

Nach gefühlten zwölf bis zwanzig weiteren "brasilianischen Liebesliedern", gefühlvoll begleitet von Guto Brinholi an der Gitarre, folgt dann die musikalische Offenbarung: Hofmeir spielt eine Telemannsche Flötensonate auf der Tuba. Und offenbart schlicht unfassbare Virtuosität. Man ist versucht, den Orchestermanagern dieser Welt zuzurufen: Betreibt doch einfach keinen Aufwand - und engagiert Andreas Martin Hofmeir für alle Bläserpartien! Der ist mit seinen sieben Tubatönen sowieso nicht ausgelastet... Und, als wäre man noch nicht genug verblüfft von den Fähigkeiten dieses Mannes aus der Holledau, schreibt der zu guter Letzt auch noch Gedichte. Die er, nun ja, vielleicht nicht unbedingt öffentlich vortragen müsste. Aber das sieht er selbst auch so und lässt das Publikum abstimmen: "Also gut, ihr habt's nicht anders gewollt..."