Bad Tölz Helden des Alltags und des Lebens

Ehrenamtliche, die sich um Asylbewerber, Behinderte, Menschen in der Dritten Welt, Bergsteiger oder die Geschichte kümmern, erhalten den Bürgerpreis

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Klaus Barthel (SPD) und Alexander Radwan (CSU) sollten eine "große Koalition" bilden. Damit bat Walter Obinger, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Tölz-Wolfratshausen, die beiden Bundestagsabgeordneten bei der Vergabe des Bürgerpreises für Ehrenamtliche am Donnerstagabend ans Rednerpult. Beide hoben hervor, um wie viel ärmer eine Gesellschaft wäre, gäbe es nicht Menschen, die sich ohne Lohn für andere einsetzen. Barthel mahnte an, Schülern und Arbeitnehmern wieder mehr Freiräume zu geben, verzeichne man doch inzwischen "eine alarmierende Zahl beim Rückgang der Ehrenamtlichen". Zudem dürfe der Einsatz unentgeltlich Engagierter nicht hauptamtliche Professionalität ersetzen, etwa in der Betreuung von Asylbewerbern. Der Bürgerpreis, den die Sparkasse übergibt, stand diesmal unter dem Motto "Vielfalt fördern - Gemeinschaft leben". 21 Vorschläge wurden eingereicht, neun auszeichnet. Die meisten Preisträger kümmern sich um Asylbewerber, helfen im Ausland oder betreuen behinderte Menschen. "Es waren lauter hochkarätige Bewerbungen", sagte Obinger.

Die Helferkreise für Asylbewerber aus Geretsried und Bad Tölz wurden mit dem Bürgerpreis ausgezeichnet.

(Foto: Manfred Neubauer)

Sonderpreis

Die Jury mit Obinger, Landrat Josef Niedermaier und Daniel Waidelich, Sozialamtsleiter im Landratsamt, hatte es schwer mit den Bewerbungen für den Preis, der 1999 von einer Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages initiiert wurde. Die Auszeichnung wird in den Kategorien U21, Alltagshelden und Lebenswerk verliehen, aber das genügte diesmal nicht. Die Helferkreise für Asylbewerber in Geretsried und Bad Tölz erhielten einen Sonderpreis. Bei ihrer Sitzung sei die Jury auf den Gedanken gekommen, die zwei Gruppen nicht als Alltagshelden, sondern eigens zu ehren, sagte Niedermaier. Statt des Preisgeldes, das zwischen 500 und 1000 Euro liegt, bekommen die Helfer einen gemeinsamen Besuch des Theaterstücks "Flucht" spendiert, das dieses Jahr beim Kulturherbst in Geretsried aufgeführt wird. Ohne die Helferkreise würde die Betreuung von Asylbewerbern im Landkreis nicht funktionieren, sagte Niedermaier. Dabei dürfe man die ehrenamtlichen Kräfte jedoch nicht alleine lassen. "Wir im Landratsamt sind uns bewusst, dass es Unterstützung braucht."

Für seinen ehrenamtlichen Dienst überreichte Landrat Niedermaier Eduard Singer den Bürgerpreis.

(Foto: Manfred Neubauer)

Alltagshelden

Unter der Rubrik "Alltagshelden" ging der Preis an das "Deutschteam für Mütter und Väter in Wolfratshausen". Das entwickelte sich aus einem Sprachkurs für Migrantenkinder im Vorschulalter, den die damalige Dritte Bürgermeisterin Christine Noisser vor sechs Jahren angeregt hatte. Schon bald wurde klar, dass auch manche Eltern über geringe Deutschkenntnisse verfügen. Zunächst kamen die Mütter, später auch die anfangs zweifelnden Väter in den Unterricht, der inzwischen an vier Wochentagen stattfindet und auch Hilfen im Alltag umfasst. Die Teilnehmer stammen aus 18 Nationen. Durch das Deutschteam werde ihnen "ein guter Start bei uns ermöglicht", sagte Sozialamtsleiter Waidelich und dankte dafür "auch aus Sicht der Jugendhilfe" im Landratsamt.

Reinhard Bredtmann ehrte Arthur Zimprich aus Königsdorf für sein Lebenswerk.

(Foto: Manfred Neubauer)

"Es ist ja eine spannende Geschichte, die sich da in Münsing vollzieht", sagte Barthel. Mit dem Schuljahr 2011/2012 beschritt die Grundschule dort einen ganz neuen Weg: Sie bekam als eine der ersten neun Schulen in Oberbayern das Profil Inklusion. Sie wird seither auch von Kindern besucht, die einen höheren Förderbedarf haben. Dies funktioniere nur mit besonderen Engagement der Lehrer und Verwaltungsangestellten, sagte Barthel. "Gefordert waren viele Stunden der Fortbildung, Einfühlung und Umstellung." Das Klima an der Schule sei geprägt von Offenheit, Kreativität und Zusammenhalt. Jedes Kind lerne dort, dass Vielfalt normal sei. Eine Alltagsheldin ist nach Ansicht der Jury auch Renate Höß. Seit Jahrzehnten betreut sie Aussiedler in Geretsried und fährt dazu vier Mal pro Woche von Starnberg herüber. Sie hilft ihnen, eine Arbeit zu suchen oder sich eine berufliche Existenz aufzubauen, Formulare auszufüllen und Probleme bei der Erziehung zu bewältigen. Renate Höß sei eine "Institution" in Geretsried, sagte Obinger: "Viele sind ihr noch heute dankbar für die ersten Hilfestellungen."

Klaus Barthel bedankt sich bei dem Münsinger Inklusionsteam für sein ehrenamtliches Engagement.

(Foto: Manfred Neubauer)

Lebenswerk

Um Menschen aus anderen Ländern geht es auch dem Münsinger Aktionskreis "Eine Welt" um Monika Danner und Elisabeth Reiser. Seit mehr als 35 Jahren sammelt er Geld mit Weihnachtsbasaren, Fastenessen, Ostermärkten, Pflanzenbörsen, um damit Hilfe zur Selbsthilfe in Entwicklungsländern zu leisten. So wurden in Indien eine High School aufgebaut und dort auch eine Solaranlage installiert, 680 Nähmaschinen angeschafft, ein Immunisierungsprojekt gestemmt und ein Waisenhaus gerettet. Auch in Afghanistan ist der Aktionskreis aktiv. "Das Beste, was man gegen Flucht machen kann, ist, die Lebensverhältnisse vor Ort zu verbessern", sagte Radwan. Das gilt auch für das Ehepaar Irmgard und Josef Hurnaus vom 30 Mitglieder kleinen Verein "Freunde Djibos" aus Gelting. Seit 1985 sammelten sie mehr als 400 000 Euro und investierten das Geld in Burkina Faso, vor allem in Ausbildung, Wasserversorgung und Existenzgründung. Dies zeige, wie "durch regionales Engagement international geholfen werden kann", hob Radwan hervor.

Helden des Alltags: Das "Deutschteam" für Mütter und Väter aus Wolfratshausen erhielt den Bürgerpreis von Daniel Waidelich.

(Foto: Manfred Neubauer)

Als der Begriff Inklusion allenfalls im Fremdwörterlexikon zu finden war, widmete sich Elfriede Wilfling schon gehandicapten Menschen. Bereits 1983 initiierte sie Treffen für Mütter mit behinderten Kindern. Sie war Vorsitzende des 1986 gegründeten "Vereins zu gemeinsamen Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder" in Geretsried und auch der Schülerfirma "Aktiv & Sozial". Was Inklusion anbelangt, gelte sie als Expertin in diversen Gremien, auch bei Anhörungen im Landtag, erklärte Obinger. Mit den Begriffen Bosseln (Stockschießen im Reha-Sport), Busseln und Boßeln hantierte Landtagsabgeordneter Martin Bachhuber (CSU) in seiner Laudatio auf Franz Blecha von den Reha-Sport-Freunden Geretsried. Anfangs kümmerte sich Blecha um Kriegsversehrte, später um Menschen, die durch Krankheit oder Unfall zu Behinderten wurden. Er habe sich zum Ziel gesetzt, dass alle, ob mit oder ohne Handicap, zusammen Sport treiben könnten, sagte Bachhuber: "Heute nennt man das wohl Inklusionssport."

Fürs Lebenswerk wurde auch Arthur Zimprich aus Königsdorf ausgezeichnet. Der ehemalige Gymnasiallehrer widmet sich der Geschichte Geretsrieds. Er gründete 2003 den Arbeitskreis Historisches Geretsried und hatte die Idee zum "Weg der Geschichte". In Königsdorf gründete er das Heimatmuseum. Zimprich sei "eine Art wandelndes Lexikon", sagte Reinhard Bredtmann, stellvertretender Vorsitzender der Sparkasse. Würde er alle Anekdoten über Eduard Singer erzählen, bräuchte er dazu mehrere Abende, sagte Landrat Niedermaier. "Zeitzeugen berichten von aus heutiger Sicht nahezu unglaublichen Bergungen im Karwendel." Seit 60 Jahren gehört Singer der Bergwacht Bad Tölz an, er führte sie mehrere Wahlperioden lang als Bereitschaftsleiter. Niedermaier attestierte ihm "ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein" und "motivierendes Führungsverhalten".

U 21

Sie besuchen die Bahnhofsmission in München, ein Behandlungszentrum für behinderte Kinder in Aschau oder das Sonderpädagogische Förderzentrum in Bad Tölz. Was sie dort sehen und lernen, geben die 13 bis 16 Jahre alten Schülerinnen in der AG Mensch am St.-Ursula-Gymnasium Hohenburg an ihre Eltern, Geschwister und Freunde weiter, unter anderem bei einem Tag der offenen Tür in ihrer Schule. Dieses Projekt, das seit zehn Jahren existiert, bekam den Bürgerpreis in der Kategorie für unter 21-Jährige. Die AG habe "eine große Bandbreite und eine hohe Intensität", sagte Renate Waßmer von der Sparkasse.

Anerkennungspreis

Sie gehören nicht zu den offiziellen Preisträgern, wurden aber doch gewürdigt: die Demenzgruppe der Tölzer Pfarrei Hl. Familie und Harald Schöffmann aus Geretsried, der seit mehr als ein halbes Jahrhundert unter anderem bei der Wasserwacht und dem Fischereiverein tätig war. Unter der Rubrik "Engagierte Unternehmer" bewirbt sich die Ausbildungsmesse der Realschule Hohenburg um den Bürgerpreis. Der wird aber nur bundesweit vergeben.