Bad Tölz "Eine Schule eröffnet den Kindern eine Zukunft"

Mit Hilfe des Vereins "Gemeinsam für Afrika" wurden in Burkina Faso sieben Grundschulen gebaut. Tasséré Derra ist derzeit zu Besuch in Bad Tölz und erklärt, wie die deutsche Unterstützung in dem afrikanischen Land wirkt.

Interview: Suse Bucher-Pinell

Sieben Grundschulen sind in Burkina Faso mit Hilfe des Vereins "Gemeinsam für Afrika", der seit 17 Jahren am Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasium aktiv ist, gebaut worden. Tasséré Derra ist Kontaktperson vor Ort und in dieser Woche zu Besuch in Bad Tölz. Im Unterricht erzählt er den Schülern, die den Verein jeweils mit 50 Cent im Monat unterstützen und einmal im Jahr beim großen Basar mitwirken, was Bildung in seiner Heimat mit Gleichberechtigung und dem Kampf gegen den Klimawandel zu tun hat.

Tasséré Derra nimmt aus Bad Tölz zahlreiche Anregungen mit nach Hause. Er ist der Verbindungsmann für den Verein "Gemeinsam für Afrika", der seit 17 Jahre4n am Gabriel-von-Seidl-Gymnasium aktiv ist.

(Foto: Manfred Neubauer)

Monsieur Derra, was haben die sieben Schulen, die in ihrer Heimat entstanden sind, verändern können?

Der Verein gibt Geld, damit wir vor Ort mit einheimischen Firmen und einheimischen Mitteln und immer unter Beteiligung der Bevölkerung Schulen bauen können. So eine Schule verändert einen Ort sehr, sie eröffnet den Kindern eine Zukunft. Wo heute über 350 Kinder zur Schule gehen, da waren es vorher vielleicht zehn, weil es für sie unmöglich war, überhaupt eine Schule zu erreichen. Das Gute ist, dass auch die Mädchen die Schule besuchen. Fast die Hälfte der Schüler sind Mädchen, das ist extrem wichtig für das Land, denn es verändert die Mentalität dort.

Wie gewinnen Sie das Interesse der Mädchen?

Wir geben ein Vorbild. In der Organisation, in der ich arbeite, eine staatlich anerkannte private Entwicklungshilfeorganisation, achten wir darauf, dass die Positionen immer parallel mit einem Mann und einer Frau besetzt sind. Gleichberechtigung ist uns sehr wichtig, das versuchen wir auch in den Schulen zu vermitteln. Dort ist das Kollegium auch immer zur Hälfte mit Frauen und Männern besetzt. Frauen sind in unserer Gesellschaft Multiplikatoren, durch sie und die Schulbildung verändert sich langsam die Einstellung, dass man Mädchen nicht einfach zu Hause behält und acht bis zwölf Kinder kriegen lässt.

Burkina Faso zählt zu den Ländern, in denen Mädchen beschnitten werden.

Durch die Bildung in der Schule und Aufklärung bewirken wir, dass die Beschneidung, ein Verbrechen an Mädchen, zurück geht. Wir erreichen also auch gesellschaftlich etwas. Es ist aber ein langsamer Prozess.

Die Schulen können also so etwas wie eine Keimzelle sein?

Ja, auch in anderer Hinsicht. Manchmal folgen Organisationen an die Orte der Schulen. Zum Beispiel hat Unicef bei den beiden zuletzt gebauten Schulen einen Brunnen bohren lassen, mit dem Bewässerung möglich wird. Mein Land leidet unter Trockenheit, es regnet zu selten und dann kommt es wieder zu Überschwemmungen. Das Land versteppt zusehends, so dass vielerorts nicht einmal mehr Hirse, unser Grundnahrungsmittel, angebaut werden kann. Wenn die Bauern ihre Felder aber bewässern, können sie Tomaten, Bohnen, Hirse, Reis ernten und auf dem Markt verkaufen, kann so eine Handelsstruktur entstehen. All das spielt sich zwar noch in sehr kleinen Dimensionen ab, aber es profitieren immerhin ein paar hundert Leute davon. Es ist wie eine Art Kettenreaktion, die da ausgelöst wird.

Wie viele Schulen brauchen Sie noch?

Der Bedarf ist riesig, weil in weiten Gebieten immer noch gar keine Schulbildung vorhanden ist. Lesen und Schreiben werden aber immer wichtiger. Mit dem Einzug des Computers, der auch in Afrika Verbreitung findet, werden Analphabeten noch mehr abgehängt.

Was wird aus Ihren Absolventen?

Wenn es sich die Eltern leisten können, gehen die Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium. Wer eine Schulbildung hat, hat die Basis, einen Beruf zu lernen. Manche werden Schreiner, Mechaniker, Krankenschwester. Auch wenn sie Bauer werden, haben sie mit Kenntnissen in Rechnen, Schreiben, Lesen ganz andere Möglichkeiten und müssen nicht ausschließlich von der traditionellen Subsistenzwirtschaft leben. Mit einer guten Ausbildung können sie moderne Bewirtschaftungsformen einführen, bei denen Wasser sparsam eingesetzt wird. Sie können auf die Veränderungen durch den Klimawandel reagieren.

Sie sind ein gutes Vorbild dafür, was man aus seinem Leben machen kann.

Ich kann wohl für meine Landsleute als Modell dafür stehen, dass man sich ein erfolgreiches Leben aufbauen kann, auch wenn man in diesem Land geboren ist. Ich will ihnen zeigen, dass man etwas erreichen kann, wenn man lernt und arbeitet. Das Gymnasium konnte ich dank eines Stipendiums besuchen. Danach habe ich Erziehungswesen und Entwicklungshilfe studiert, das konnte ich aber nur, weil mich eine schweizer Familie unterstützt hat. Ich sage den Kindern, hier in Tölz wie in Burkina: Arbeitet gut und denkt auch an eure Gesundheit.

Wofür interessieren sich die Schüler, wenn Sie die Klassen hier besuchen?

Sie sind sehr neugierig, interessieren sich für alles. Sie staunen, wenn ich erzähle, dass in Burkina schon die Grundschule von acht bis zwölf Uhr geht, es dann in der Schule Essen gibt, Reis und Bohnen, und von 15 bis 17 Uhr der Unterricht weiter geht. Dass auch der Samstag ein Schultag ist und jeder Tag mit einer halben Stunde Sport beginnt. Es überrascht sie, dass wir in der Grundschule schon Französisch lernen und auf dem Gymnasium wählen zwischen Deutsch, Englisch, Spanisch und Arabisch. Meine Muttersprache ist Mòoré.

Was nehmen Sie von Ihrem Besuch mit nach Hause?

Viele, viele Eindrücke. Ich besuche nicht nur die Schule, ich schaue mir auch einen Bauernhof an, einen Kindergarten, einen Wertstoffhof und versuche so viel wie möglich von dem, was ich hier gesehen habe, zu Hause umzusetzen.

Interview: Suse Bucher-Pinell; französische Übersetzung: Ulrike Frenkel