Ausstellung Fragile Magie

Das Museum Penzberg hat einen vergessenen Schatz gehoben: Die Schau "Tiefenlicht - Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter" vereint Bilder aus ganz Europa und setzt einen funkelnden Akzent in der Kulturlandschaft

Von Stephanie Schwaderer, Penzberg

Ins Meer tauchen, den Blick in einem gleißenden Himmel verlieren oder in zwei funkelnden Katzenaugen: All das kann man derzeit im Museum Penzberg - Sammlung Campendonk. Das alte Bergarbeiterhaus und sein moderner Zwillingsbau sind vorübergehend mit einem Schatz erfüllt, der ebenso leuchtend wie fragil ist: 76 Hinterglasbilder von 39 modernen und zeitgenössischen Künstlern haben die Ausstellungsmacherinnen zusammengetragen, vielschichtige Arbeiten, die den Titel "Tiefenlicht" auf unterschiedlichste Weise reflektieren.

Das kleine Museum, das im vergangenen Jahr 24 500 zahlende Besucher anlockte, dürfte damit einmal mehr überregionale Aufmerksamkeit auf sich ziehen: "Tiefenlicht" ist die weltweit erste umfassende Schau von Hinterglasbildern des 20. und 21. Jahrhunderts, wie Museumsleiterin Gisela Geiger bei einem Presserundgang am Dienstag erläuterte. Die Ausstellung, die neben 13 hauseigenen Werken Campendonks Arbeiten von August Macke bis Gerhard Richter umfasst, ist Teil eines interdisziplinären Forschungsprojekts zur Hinterglasmalerei, das die Volkswagen Stiftung dem Penzberger Museum ermöglicht. "Vor zwei Jahren, als wir den Antrag dazu gestellt haben, ahnten wir nicht, wie erfolgreich wir sein würden", sagt Geiger. Jahrzehnte lang sei Hinterglasmalerei als Technik der Klassischen Moderne marginalisiert worden. "Mittlerweile ist ein großes Interesse daran erwacht." Dazu dürften nicht zuletzt die Nachforschungen ihres Hauses beigetragen haben.

Neben Geiger haben sich ihre Stellvertreterin Diana Oesterle und die Restauratorin Simone Bretz mit Leidenschaft in das Projekt gestürzt. Oesterle und Bretz reisten quer durch Europa, betrieben Detektivarbeit, um vergessene Werke aufzuspüren, sprachen mit Sammlern und Kuratoren, warben um Vertrauen, überzeugten. "Einige Leute haben sich die Augen gerieben", berichtet Bretz, "sie ahnten gar nicht, welche Kostbarkeiten in ihren Beständen lagerten."

Mittlerweile weiß die Restauratorin so gut wie keine zweite über das Innenleben der Exponate Bescheid. Drei Wochen lang war in Penzberg ein Labor aufgebaut, in dem ein Chemiker die Leihgaben analysierte. Bretz bekam die Gelegenheit, die Bilder von ihrer ansonsten verborgenen Rückseite zu betrachten - und kam aus dem Staunen kaum mehr heraus (ein Prozess, den Besucher an einem Multimedia-Tisch nachvollziehen können). Nun weiß sie genau, welcher Künstler seine Platte feinsäuberlich radiert und dann akkurat bemalt hat (Hanns Lamers) und wer impulsiv mit den blanken Fingern in die Farbe gegangen ist, etwa Willi Dirx in einer mit wenigen Strichen hingeworfenen, aber ungemein starken "Pietà".

So unterschiedlich die individuellen Techniken sind, so breit ist das thematische Spektrum. Neben abstrakten Arbeiten, die von der puren Lust an der leuchtenden Farbe leben (Erich Buchholz), gibt es Preziosen wie Reinhard Nägeles "Schöpfung", in die man sich "wie in einen Comic" (Geiger) versenken kann: In einer brodelnde Ursuppe tummeln sich nicht nur allerlei fischige Wesen und barbusige Schönheiten, auch der Künstler selbst hat sich verewigt - eingeschlossen in einem Ei.

Bei der Hängung haben sich die Kuratorinnen immer wieder Abweichungen von der strengen Chronologie erlaubt. So wird im zentralen Ausstellungsraum des Neubaus ein Campendonk ("Gralsburg") von zwei abstrakten Arbeiten Richters und dem Werk "Die Augen waschen" der Berger Künstlerin Juschi Bannaski umrahmt: Ein Um-die-Wette-Leuchten in Rot, an dem man sich kaum satt sehen kann.

Die beiden Räume im Obergeschoss des Altbaus sind zeitgenössischen Künstlern vorbehalten. Neben faszinierenden grafischen Arbeiten von Jochem Poensgen finden sich asiatisch anmutende Blumenstillleben von Thilo Westermann - in unfassbarer Akribie Pünktchen für Pünktchen mit der Radiernadel gestochen - aber auch Lichtkästen von Herbert Nauderer und eine stumme Videoinstallation, die das Verwelken einer Blume dokumentiert.

Juschi Bannaskis Bild „Die Augen waschen“

(Foto: Manfred Neubauer)

In ganz neuem Licht zeigt sich schließlich auch das Dachgeschoss des Neubaus: Dort hat die renommierte Fotokünstlerin Marina Herrmann aus meterlangen Fotostreifen und bemalten Farbbahnen eine Installation geschaffen, die im Zusammenspiel mit der Lichtdecke und einer Klanginstallation schnell vergessen lässt, dass man sich in Penzberg befindet. "From Dawn till Dust" heißt die Arbeit, in die man nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper eintauchen kann.

Tiefenlicht - Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter, Museum Penzberg - Sammlung Campendonk, 23. September bis 1. Januar, nähere Informationen auf der Homepage unter www.museum-penzberg.de