Ausgezeichnet Ökologisch, regional, fair - und sozial

Der Alpenbiomarkt in Bad Tölz bietet das genaue Gegenteil der industrialisierten Lebensmittelwelt. Die Mitarbeiter lernen auf Kosten des Unternehmens Deutsch und werden bei Problemen betreut. Dafür gibt es den Wirtschaftspreis des Landkreises

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Als Uli Wissel noch ein Mädchen war, lebte sie im Gebirge. Ihr Vater hatte sich auf einem Bergbauernhof angesiedelt, wo seine Tochter mit Tieren und Pflanzen zu einer Zeit aufwuchs, als noch niemand wusste, was ein Smartphone ist. Aber selbst für damalige Verhältnisse war das Leben auf dem Hof rustikal, manchmal auch mühsam, denn der Weg zur Schule war weit. "Eine schöne Kindheit", sagt Uli Wissel. "Wie Heidi." Diese Nähe zur Natur hat sie nie mehr losgelassen, auch wenn sie als Erwachsene vom Berg herunterkam und als Visagistin arbeitete. Sie heiratete Andreas Wegler, der im Marketing tätig war und in seinem Beruf um den Globus reiste. Das hätte so weitergehen können, aber 2011 vollzogen beide eine strikte Kehrtwende: Das Ehepaar, heute Anfang 50, gründete im Februar 2011 den Alpenbiomarkt an der Sachsenkamer Straße in Bad Tölz, den der Landkreis mit einem Anerkennungspreis des Wirtschaftspreises ausgezeichnet hat. Die Ehrung sollte am Donnerstagabend überreicht werden.

Ein Supermarkt, der Bio-Produkte anbietet, ist längst gang und gäbe, jede Filiale eines Lebensmittelkonzerns hat solche Waren im Sortiment. Ein Supermarkt, der nur Bio-Produkte anbietet, ist auch nichts Ungewöhnliches. Der Alpenbiomarkt aber hat ein besonderes Charakteristikum: Seine Zulieferer sind mehr als 50 lokale und regionale Erzeuger, allesamt Bauern, Imker, Fischzüchter und Gärtner, die meist einen zu kleinen Betrieb haben, um die Billigpreise der Discounter bedienen zu können. Man könnte sagen, er ist eine Art großer Dorfladen. "Wir sind gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft", sagt Uli Wissel. Das klingt auch durch, als sie das Motiv beschreibt, den Biomarkt vor fünf Jahren auf einer Fläche von 500 Quadratmetern zu gründen: "Wir hatten beide in der Mitte unseres Lebens das Gefühl, dass wir etwas für Natur und Tiere tun sollten, dass wir das Bewusstsein in der Bevölkerung für hochwertige Lebensmittel stärken, und auch, die Landwirtschaft und die Landschaft zu erhalten."

Uli Wissel und Andreas Wegler wollten zur Mitte ihres Lebens etwas für die Natur tun.

(Foto: Manfred Neubauer)

In seinem Büro zieht Wegler mit der Hand kleine Kreise in der Luft. Der erste Radius umfasst 20 Kilometer: Aus diesem Umkreis kommen Gemüse, Milchprodukte, Honig und Kräuter von lokalen Erzeugern. Der zweite schließt 50 Kilometer ein: Backwaren, Fische, Aufstriche oder auch Kräutertees stammen aus dieser Distanz. Mit der Vinothek in einer Ecke des Markts sieht es etwas anders aus, in der Region gibt es schließlich keine Winzer. Die Weine, die zwischen zehn und 130 Euro kosten, werden aus ökologischem Anbau in Franken, Österreich, Südtirol oder Südfrankreich geliefert. Aus der Alpenregion mithin. "Wir heißen ja Alpen-Biomarkt", so Wegler. Naturtrüb und ohne Chemikalien angebaut, haben die Weine einen eigenen Geschmack, den Kunden zu schätzen wissen. Kaffee und Tee beziehen Wegler und Wissel aus fairem Handel; sie beteiligen sich an der Fair Trade Town, zu der Bad Tölz ernannt wurde. Für Wegler ist das "nicht nur ein Siegel, das man draufklebt". Vom Produzenten bis in seinen Laden - "die faire Kette wird nicht unterbrochen". Bio und regional - das ist allerdings nur ein Grund, weshalb der Markt den Preis erhält, wofür er von Kreisrätin Barbara Schwendner (Grüne) vorgeschlagen wurde. Der andere ist das soziale Engagement.

Die etwa 25 Mitarbeiter kommen nicht bloß aus Tölz und Lenggries, sie stammen auch aus den USA, dem Kosovo, Sri Lanka, Italien, Afghanistan und Usbekistan. Überdies fanden Menschen, die nach einer psychischen Krankheit im Arbeitsalltag wieder Fuß fassen möchten, im Alpenbiomarkt eine Anstellung, betreut von einem der Mitarbeiter. "Da geht es wirklich darum, dass jene, die sonst nicht so viele Chancen erhalten, eine Möglichkeit haben, weiterzukommen", sagt Wegler. Zusammen mit seiner Frau finanziert er Sprachkurse für die Beschäftigten, die kaum Deutsch können, teils über die Agentur für Arbeit, teils helfen dabei auch Kunden. Oftmals kommt es dann vor, dass einer dieser Angestellten wieder geht, weil er die Sprache gelernt hat und seinen eigenen Beruf ausüben möchte. Aber "das ist ja nicht so tragisch", sagt Wegler. Die sozialen Aktivitäten reichen noch weiter: Der Alpenbiomarkt arbeitet mit der Tölzer Tafel zusammen, bei Königsdorf kauften Wegler und Wissel ein Moorgrundstück, das der Landesbund für Vogelschutz (LBV) renaturieren kann, beide unterstützen auch das Tölzer Tierheim mit Sachspenden.

Rund 7000 Bio-Waren hat der Alpenbiomarkt in Bad Tölz im Angebot.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der Supermarkt an der Sachsenkamer Straße hat nichts vom nüchternen Kühltruhencharme etlicher Discounter-Ketten. Die Holzregale sind hell und freundlich, die Fleischtheke sieht einladend aus, das Bistro wirkt mit seinen Möbeln wie ein kleines Café, im Biergarten sitzen die Gäste zwischen Blumen und unter Sonnenschirmen. Die Gastronomiezone hat sich zu einem sozialen Treffpunkt entwickelt, wo Senioren, Bauern, Handwerker und Familien zusammenkommen. Die Speisen, die von Chefkoch Carsten Büchner und seinen Mitarbeitern zubereitet werden, sind vegetarisch oder vegan - was auch deshalb nicht verwundert, da Büchner selbst ein überzeugter Veganer ist. Nur dienstags gibt es auch Fleisch, donnerstags Fisch. Und noch etwas ist anders als in einem gewöhnlichen Supermarkt: In einem Studio bietet eine medizinisch ausgebildete Fachkosmetikerin sowohl eine Beratung wie auch eine Behandlung mit Naturkosmetika an.

Brot, Gemüse, Obst, Fisch, Feinkost, Käse, Wurst oder Fleisch: Mehr als 7000 Produkte sind im Alpenbiomarkt im Angebot. Weit mehr als 500 habe man auf besonderen Wunsch der Gäste ins Sortiment aufgenommen, sagt Wissel: "Die Kunden haben den Laden mitgestaltet." Der Kontakt zu ihnen mache "total Spaß". Allerdings gibt es auch Situationen, die nicht eben einfach sind: Der Preis für Bio-Dinkel schnellte zum Beispiel unlängst in die Höhe, weshalb die Semmeln teurer wurden. Das akzeptieren nicht alle Besucher ohne Debatte, man muss es ihnen erklären. Eine Aufgabe auch für die Angestellten, die außer Verkäufern mitunter Vermittler sind. Die Zahl der Kunden ist an der Sachsenkamer Straße stetig gestiegen, aber an eine Filiale denkt das Ehepaar nicht. "Wir haben in Tölz einen Mono-Standort mit vielen Möglichkeiten", sagt Wegler. Seine Frau ergänzt: "Wir haben hier noch viele Ideen."

Den Anerkennungspreis münzen beide nicht bloß auf sich. Für sie ist er ein Gesamterfolg der Betreiber, der Kunden, der Lieferanten und nicht zuletzt der Mitarbeiter, die deshalb bei der Vergabe am Donnerstagabend im Saal des Landratsamtes dabei sein sollten. Wegler war in den Tagen zuvor mit der Kamera unterwegs und filmte einige Zulieferer für einen Videoclip, den er dem Publikum beim Festakt vorführen wollte. Ein Road-Trip in seine Vergangenheit als Marketing-Experte in München. Mit der Kamera für einen Imagefilm loszuziehen, "das war ein Zurück in meinen alten Beruf", sagt er und lächelt.