Wohnungsnot der Studenten "Seit Wochen auf dem Fußboden"

Die Mieten in Großstädten steigen dramatisch, besonders Studenten leiden darunter. In München sind zu Semesterbeginn noch immer mindestens 6000 junge Menschen ohne Unterkunft. Sigrid Meyer vom Maßmann-Wohnheim erlebt die Verzweiflung der Studenten täglich mit.

Interview: Deniz Aykanat

Die Pinnwand im Mensagebäude der LMU ist gespickt mit Wohnungsgesuchen.

(Foto: lok)

Die Mieten in deutschen Großstädten werden immer teurer. Besonders Studenten leiden unter der Situation. Etwa 12.000 neue Studenten haben sich an der LMU und der TU in München für dieses Wintersemester eingeschrieben. 5900 junge Menschen ohne Unterkunft stehen allein auf der Warteliste des Studentenwerks. Sigrid Meyer, 64, ist seit mehr als 20 Jahren zuständig für die Verwaltung des Studentenwohnheims am Maßmannpark in der bayerischen Landeshauptstadt. 125 Studenten wohnen dort, das teuerste Zimmer kostet nur 227 Euro im Monat warm. Mit Süddeutsche.de sprach sie über die prekäre Lage derjenigen Studenten, die sie täglich abweisen muss.

SZ.de: Wie stehen die Chancen für Studenten, die derzeit eine Wohnung in München suchen?

Sigrid Meyer: Der private Wohnungsmarkt ist mittlerweile für Studenten unbezahlbar. Bei den wenigsten ist im Elternhaus so viel Geld da, dass den Kindern ein Zimmer in München bezahlt werden kann. Da heißt es für die Studenten: Arbeiten gehen. Das geht auf Kosten des Studiums, die Abschlüsse verzögern sich.

Wie ist die Situation bei Ihnen im Maßmann-Wohnheim?

Ich war eine Woche im Urlaub und habe in der Zeit 200 Anfragen bekommen. Durchschnittlich sind es dieses Jahr 30 Anfragen pro Woche mehr als noch im Vorjahr. Ich habe aber kein einziges Zimmer mehr frei. Die Münchner Unis boomen. Dadurch bekommen die Hochschulen natürlich auch mehr Studiengebühren. Dann müssten sie sich aber auch darum kümmern, dass die jungen Leute untergebracht werden. Ich weiß wirklich nicht, was die sich dabei denken.

Was hat sich im Vergleich zum Vorjahr verändert?

Nicht einmal letztes Jahr, als es den doppelten Abitur-Jahrgang gab, war die Situation so schlimm wie jetzt. Die Universitäten in München holen immer mehr Erasmus-Studenten beispielsweise aus Portugal, aus der Türkei oder aus Spanien und die bekommen oft erst auf den letzten Drücker ihre Zusagen. Dann gibt es hier natürlich keine freien Zimmer mehr. Oft kommen die Studenten direkt ins Maßmann-Wohnheim und es bricht mir fast das Herz, weil die völlig fassungslos sind. Die bekommen dann ganz feuchte Augen. Ich finde das fürchterlich.

Welchen Marathon haben die Studenten hinter sich?

Viele wohnen seit Wochen bei Freunden oder Bekannten auf dem Fußboden. Es gibt ja nicht einmal mehr freie Notunterkünfte. Die Studenten, die bisher persönlich ins Maßmann-Wohnheim gekommen sind, haben wirklich alles Erdenkliche probiert. Wir sind oft ihre letzte Hoffnung - und müssen sie leider enttäuschen.

Welche Studenten haben es besonders schwer?

Die ausländischen Studenten, vor allem die aus muslimischen Ländern. Sie werden bei der Vermietung von Privatzimmern schon gleich gar nicht genommen, sie kämpfen mit Vorurteilen. Deren Familien haben außerdem nicht die finanziellen Möglichkeiten wie deutsche Eltern. Wenn sie in München im Hotel wohnen müssen, dann ist das Geld, das sie von Zuhause mitbekommen, ganz schnell aufgebraucht. Wenn sie dann immer noch nichts finden, dann müssen sie wieder nach Hause fahren.

Was raten Sie den Studenten, die zu Ihnen kommen?

Das Studentenwerk hat ja überhaupt keine Unterkünfte mehr, ich schicke die deshalb schon zu den evangelischen und katholischen Hochschulgemeinden und hoffe, dass sie da Hilfe bekommen. Aber ich fürchte, dass das auch nichts bringt. Ich weiß gar nicht mehr, was ich den Studenten sagen soll. Ich habe selbst schon Informationen gesammelt und Stellen ausfindig gemacht, an denen sie es noch versuchen können, beispielsweise Privatadressen. Aber auch das nützt jetzt nichts mehr. Es ist alles belegt.

Was müssten die Stadt und die Universitäten tun, um die Situation der Studenten zu entschärfen?

Mehr private Wohnungseigentümer sollen ihre Wohnungen zu vernünftigen Preisen auch an Studenten vermieten. Und dann sollten die Zusagen der Unis an ausländische Studenten viel früher verschickt werden. Das wirft doch sonst ein ganz schlechtes Licht auf München. Stadt und Uni müssen kreativ sein und Studenten beispielsweise in ehemaligen Kasernen unterbringen - wenigstens vorübergehend.