Wohnprojekt in München Gemischtes Doppel unter einem Dach

Ursula Jetter und Ann Karungari Wangui trennt auf den ersten Blick ziemlich viel. Die eine lebt im eigenen Haus bei München, die andere kommt aus Kenia und will noch studieren. Doch die beiden Frauen verbindet eine Partnerschaft, von der beide profitieren.

Von Gudrun Passarge

Nicht nur 60 Jahre trennen die beiden Frauen. Ursula Jetter, 84, wuchs in Berlin auf, bevor sie 1949 nach München kam. Ann Karungari Wangui, 24, ist in Nairobi aufgewachsen, sie kam als 19-Jährige nach München. Mittlerweile leben beide unter einem Dach, in einem schmucken Einfamilienhaus in Solln, und sind sehr zufrieden, wie sie sagen. "Wohnen für Hilfe" heißt das Projekt, das sie zusammengebracht hat. Diese "alternative Wohnform für Jung und Alt" hat der Verein "Seniorentreff Neuhausen" 1996 initiiert. Aktuell gibt es 40 solcher Wohnpartnerschaften wie die von Jetter und Wangui in München. Seit dem Frühjahr läuft das Projekt auch im Landkreis München.

Die Idee hinter dem Projekt ist einfach. Viele ältere Menschen wohnen allein in großen Häusern oder Wohnungen. Viele junge Menschen, meist Studenten, suchen verzweifelt eine Unterkunft. Viele ältere Menschen brauchen Hilfe im Alltag, für viele junge Menschen ist es kein Problem, mal im Haushalt mit anzupacken oder einkaufen zu gehen. Bei Ursula Jetter haben ihre Kinder den Anstoß gegeben, sie sagten, "du musst dir jemanden ins Haus nehmen", erzählt sie und fügt hinzu, "es kann ja immer etwas sein".

Die 84-Jährige ging zur Sozialstation im Viertel und bekam dort die Adresse von "Wohnen für Hilfe". Bevor jemand einziehen konnte, musste sie die Wohnverhältnisse noch ein wenig umgestalten. Da sie ein Rückenleiden hat und nicht mehr so gut Treppen steigen kann, zog sie selbst nach unten und hatte damit zwei Zimmer plus Bad im ersten Stock frei. Als Wangui im November vorbeischaute sagte sie nur "Whow, whow!", erzählt Jetter schmunzelnd.

Die Kenianerin wohnte sehr beengt mit einer Freundin in einem Zimmer, für sie passte die kleine Wohnung in Solln perfekt. Im November war sie noch in Ausbildung zur Altenpflegerin, seit drei Wochen ist sie fertig. Die Zimmer liegen für sie günstig, weil sie sowohl mit der S-Bahn als auch mit dem Bus in die Stadt und zu ihrem Arbeitsplatz fahren kann. Und die Umgebung gefällt ihr auch.

Eine Stunde Arbeit pro Quadratmeter

Die beiden Frauen sitzen auf der Terrasse mit Blick in den herrlichen Garten, in dem nach neuen Münchner Maßstäben mindestens noch ein Dreispänner Platz hätte. Hohe alte Bäume säumen das Grundstück. "Das war mal alles Wald", erzählt Ursula Jetter. Sie liebt ihren Garten, die Blumenrabatten pflegt sie noch selbst. Aber den Rasen mähen und das Laub harken, das ist jetzt die Aufgabe der neuen Mitbewohnerin. "Da kommt einiges zusammen", sagt die Hausbesitzerin.

Im Herbst und auch im Winter mit Schneeschaufeln, habe Ann Wangui viel zu tun, doch im Normalfall schätzt Jetter, komme sie auf nicht mehr als vier bis fünf Stunden Hilfsleistungen im Monat, "28 wären es eigentlich", für jeden Quadratmeter eine Stunde. Aber darum geht es der 84-Jährigen gar nicht, die selbst noch so viel macht, wie es irgend geht. Viel wichtiger ist ihr etwas anderes: "Ich wollte eben, dass jemand bei mir ist." Deswegen möchte sie auch wissen, wann ungefähr Ann aus dem Haus geht und vor allem, wann sie wiederkommt. "Ich will sie nicht kontrollieren, ich will nur wissen, wann sie da ist."

Am Anfang hat sie oft gar nicht bemerkt, dass die junge Frau da war. "Ann hat ein ganz großes Plus, sie ist sehr leise und sie hat selten Besuch." Manchmal kommen Freundinnen, manchmal ihr Freund. "Er ist Inder. Aber der ist selten da." Die junge Frau ist auch beim Gespräch eher schüchtern und zurückhaltend. "Ich bin so leise. Ich lese gerne, und ich musste noch viel lernen für die Prüfungen." Für Ursula Jetter jedenfalls passt es gut. "Ich bin zufrieden. Sie muss sich an mich anpassen, und ich muss mich an sie anpassen, was in meinem Alter gar nicht mehr so leicht ist." Also gab es doch Reibungspunkte?

Jede kocht für sich

Da fallen der 84-Jährigen als erstes die Kochgewohnheiten der Kenianerin ein. "Sie hat im Winter oft mit ziemlich viel Zwiebeln gekocht. Das riecht man im ganzen Haus. Das habe ich ihr auch gesagt." Deshalb kommen jetzt weniger Zwiebeln in den Topf. Die Kenianerin kocht traditionell afrikanisches Essen, viel mit Kichererbsen oder das bekannte "Mokimo", ein Gericht aus Kartoffeln, Bohnen, Mais und Spinat. Das ist nicht unbedingt der Geschmack der alten Dame, vor allem, weil ihre Untermieterin meist alles in einen Topf schmeißt.

Da kocht die Rentnerin lieber ihre eigenen Gerichte. Fleisch, Kartoffeln, Gemüse, alles extra. Doch manchmal setzt sie sich auch zu den Besuchern dazu. Einmal hatte Ann Freundinnen zu Gast und eine junge Frau aus Madagaskar habe einen besonders guten Schokoladenkuchen gebacken. Da konnte die 84-Jährige nicht widerstehen.

Und dann war da noch die Sache mit dem langen Duschen, sodass Jetter am Abend kein warmes Wasser mehr hatte. "Sie hat kein Gefühl für Sparen zugunsten der Umwelt", sagt die Rentnerin, wobei sie einräumt, dass sie als Angehörige der Kriegsgeneration ganz anders mit diesem Thema umgeht, "das steckt extrem in mir drin."

Autofahren? "Das müssen wir mal üben"

Doch das ist alles Schnee von gestern. Die beiden machen mittlerweile den Eindruck eines eingespielten Teams. "Beim Einkaufen hilft sie mir auch, wenn ich etwas Schweres zu besorgen habe", erzählt Jetter, die immer noch selbst mit dem Auto zum Lebensmittelmarkt fährt. "Aber nicht mehr lange", kündigt sie an, weil sie nicht mehr ganz so sicher unterwegs sei wie früher. "Nein, du fährst doch sicher", widerspricht Ann.

"Sie hat ihren Führerschein in Deutschland gemacht", sagt Jetter über Ann und fügt an, dass sie aber noch nie mit ihrem Auto gefahren ist. "Das müssen wir mal üben", sagt Jetter mit entschlossener Miene. Denn die Garage steht oben am Hügel und der Weg führt erst einmal rückwärts das Grundstück herunter. Da Wangui, die gerne noch Medizin studieren möchte, sicherlich noch eine Weile in der kleinen Dachwohnung bleiben wird, dürfte die Gelegenheit zum Üben noch kommen.