Wohnprojekt in München Flüchtlinge und Studenten unter einem Dach

Der Künstler Wolfgang Flatz will das Wohnprojekt unterstützen.

(Foto: Robert Haas)
  • Der Verein Condrobs plant in München ein Wohnprojekt für junge Flüchtlinge und Studenten.
  • Das neue Haus soll ein Ort der Integration und gleichzeitig ein hippes Studentenwohnheim sein.
Von Martin Bernstein

Ahmad ist 17 Jahre alt, aus Syrien geflohen und macht in München eine Bäckerlehre. Andreas ist 19, stammt aus Niederbayern und studiert in München Pädagogik. Was die beiden gemeinsam haben? Sie wohnen unter einem Dach - zumindest dann, wenn das Projekt, das Condrobs in der Kistlerhofstraße vorgestellt hat, im kommenden Jahr angelaufen ist.

Ahmad und Andreas sind fiktive Gestalten, das gemeinsame Dach gibt es aber schon. Es ist die ehemalige Münchner Tunnelbau-Zentrale von Bilfinger und Berger in der Kistlerhofstraße 144 in Obersendling. Künftig sollen dort Brücken gebaut werden, so stellt Condrobs-Geschäftsführer Frederik Kronthaler sich das vor: Brücken zwischen jungen Flüchtlingen und jungen Deutschen, Brücken zwischen Asylsuchenden und Münchner Firmen, Brücken hinein in den Alltag hierzulande.

Günstige Miete für engagierte Studenten

Gäbe es Ahmad, dann würde er zusammen mit 65 weiteren Flüchtlingen über 16 Jahre in einer von sechs Wohngruppen in dem Haus leben. Gäbe es Andreas, würde er in einem der 44 Studenten-Apartments wohnen. Andreas könnte Ahmad Deutsch beibringen oder Dienst an der Pforte machen. Damit könnte Andreas seine Miete reduzieren. Er könnte aber auch nur dort wohnen wollen.

Dann könnte er bei Viva Clara zum Mittagstisch gehen - einem anderen Condrobs-Projekt, das aus Unterhaching in die Kistlerhofstraße einziehen soll und das langzeitarbeitslosen und psychisch angeschlagenen jungen Frauen wieder eine Perspektive geben soll. Ahmad würde er auf dem Flur treffen, in der Gemeinschaftsküche, abends im Viva-Clara-Café, das tagsüber auch für die Obersendlinger geöffnet sein wird und am Abend von Studenten und Flüchtlingen selbstverwaltet geführt werden soll. Vielleicht werden Ahmad und Andreas auch einfach mal zusammen um die Häuser ziehen.

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Lifestyle- und Integrationsprojekt zugleich

"Unser Konzept sieht vor, dass hier Pädagogik- oder Psychologie-Studenten leben oder solche, die sich schon immer sozial engagiert haben und aus diesem Grund Interesse an der Unterstützung der Grundidee unseres Wohnprojekts haben", sagt Frederik Kronthaler. Im April soll gemeinsam mit dem Studentenwerk die Auswahl der Bewerber beginnen. Bei Condrobs hofft man auf "einen guten Mix", denn die Studentinnen und Studenten sollen im Idealfall für die gleichaltrigen Flüchtlinge so etwas wie Pfadfinder in den deutschen Alltag hinein sein. Beide, sagt Kronthaler, hätten schließlich etwas gemeinsam: "Sie wollen etwas erreichen in ihrem Leben."

Auch Jens Kraatz, der sich bei Condrobs um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert, kann aus den Erfahrungen des Wohnprojekts an der Moosacher Straße berichten: "Die jungen Leute haben ein unglaubliches Potenzial." Integration entstehe dann, wenn man sich öffne - und dafür brauche man Orte der Begegnung wie das Projekt an der Kistlerhofstraße. Dass das Haus dann auch ein "kulturell spannender Ort, ein hippes Studentenwohnheim" wird, hofft Frederik Kronthaler.

Künstler will Räume gestalten

Kreative Studenten und junge Flüchtlinge werden dazu beitragen - aber auch die Unterstützer des Projekts. Der Künstler Wolfgang Flatz hat sein Dach-Atelier in unmittelbarer Nachbarschaft. Er will die Räume gestalten, will Vorschläge für ein "lebenswertes Mit- und Zueinander" machen. Das sei, sagt er, auch eine Lehre aus der deutschen Geschichte. Die Deutschen wüssten, was es bedeute, auf der Flucht gewesen zu sein und andere zu Flüchtlingen gemacht zu haben. Mit im Boot ist auch der Kabarettist Hannes Ringlstetter. Er will laut Kronthaler Kleinkunstabende in dem Haus veranstalten.

"Das Projekt Kistlerhofstraße ist das elfte Wohnprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, das wir in Bayern verantworten", sagt Kronthaler. Und es ist das größte, eines, für das es keine Vorbilder gibt. Condrobs ist nach eigenen Angaben einer der größten überkonfessionellen Träger für soziale Hilfsangebote in Bayern. Entstanden ist Condrobs 1971 als Selbsthilfe-Initiative von Eltern drogenabhängiger Kinder. Heute arbeiten rund 550 Mitarbeiter in mehr als 40 Einrichtungen des Vereins. Schon jetzt betreut Condrobs bayernweit mehr als 200 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im kommenden Jahr werden in Obersendling 66 dazukommen. Ahmad könnte einer von ihnen sein. Und der Student Andreas, sein späterer Freund, gleich schräg gegenüber im selben Haus wohnen.