Von Monika Maier-Albang

Laute Sprechchöre und lange Schlangen: Wie 60.000 Menschen im Fan-Park und im Olympiastadion den Sieg der deutschen Mannschaft feiern.

In einem soll Åsa Hörvallius Recht behalten: "Es werden nicht viele Tore fallen in diesem Spiel", prophezeit die Frau aus Stockholm kurz vor dem Anpfiff, als sie und ihr Mann Arne noch fröhlich in den Rängen des Olympiastadions sitzen, mit einer riesigen Schwedenflagge auf dem Rücken, blau-gelben Hüten auf dem Kopf, blau-gelber Farbe auf der Backe. Sie tippe auf ein 2:1 für Schweden, sagt Åsa. Sechs Minuten später ist die Stimmung dahin. "Großer Gott", stöhnt Arne, sein sechsjähriger Sohn Petrus schmiegt sich an ihn und fragt: "Pappi, was ist passiert?" Das erste Tor für Deutschland!

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35.000 Menschen haben es am Samstag ins Olympiastadion geschafft, wo eine Atmosphäre herrscht, die besser nicht sein könnte. Ein Jubelgesang löst den nächsten ab, sogar bei der deutschen Nationalhymne versuchen alle mitzukommen. München hat an diesem Tag zwei Arenen: die neue in Fröttmaning und die alte, in der die deutsche Mannschaft 1974 Weltmeister wurde, die aber inzwischen fußballtechnisch brach liegt, was man schon am Rasen erkennen kann, der von braunen Streifen überzogen ist. Weil der Fan-Park an der Seebühne nebenan bei den letzten Spielen aus allen Nähten platzte, hatte die Stadt am Sonntag zum ersten Mal zusätzlich das Stadion für die Übertragung geöffnet. Das heißt, nur die überdachte Seite des Stadions wurde zugänglich gemacht - mehr Leute hätten auch keine Sicht gehabt auf die einzige Leinwand. Auf die Schnelle hatte die Olympiapark GmbH diese in England organisiert. 45 Quadratmeter misst sie und wirkt verloren im großen Rund. Wer nicht direkt vor der Leinwand sitzt, sondern seitlich Platz gefunden hat, kann das Spiel nur erahnen.

Seit Mittag ausgeharrt

Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass es in der Pause praktisch unmöglich, ein Bier oder was zum Essen zu bekommen, weil die Schlangen vor den wenigen Ständen zu lang sind. Zurück auf ihrem Platz versuchen die Fans sich in La Ola, aber wo keine Stadionumrundung möglich ist, verebbt die Welle eben. Dafür wogt ein Meer aus schwarz-rot-goldenen Fahnen. Vereinzelt sind auch die schwedischen Nationalfarben darunter; eine der Flaggen gehört Arne und Åsa Hörvallius. Die Familie mit zwei Kindern ist zehn Minuten vor drei gerade noch reingekommen. Ab drei Uhr ist kein Einlass mehr, obwohl Tausende noch vor dem Stadion warten. Um den Druck auf die Absperrungen nicht noch größer werden zu lassen, stoppen die U-Bahnen am Scheidplatz. Und die verhinderten Fan-Park-Besucher müssen zusehen, wo sie noch einen Platz vor dem Fernseher finden können.

Seit Mittag hatten viele schon ausgeharrt, um ins Theatron oder ins Stadion zu gelangen. Wer auf der Wiese vor der Seebühne Platz findet, brät in der Sonne. Die Gäste im Stadion sind durch das Zeltdach geschützt. Familien sind vor allem hierher gekommen, weil sie das Gedränge nebenan abschreckt. Vor der Seebühne spritzt die Feuerwehr immer wieder Wasser auf die dampfende Menge, die sich für die Abkühlung mit Gejohle bedankt. "Wir sind voll", ruft der Moderator in die Menge. Er meint den Andrang. Auf viele Gäste trifft der Satz aber auch zu. Immer wieder kippen Jugendliche mit glasigem Blick um, die Sanitäter brauchen die Hilfe schwarz gekleideter und ebenfalls heftig schwitzender Zwei-Meter-Polizisten, um sich mit der Trage eine Schneise durch sich zuprostende Menschen zu bahnen. Wer es über die Absperrung schafft, sucht Erfrischung im trüben See. Frisches Wasser gibt es am Stand der Stadtwerke, die für einen Euro Spende "all you can drink" anbieten. 10 000 Liter sind seit WM-Auftakt schon im Stadion getrunken worden; am Samstag stehen sie zu viert an den Zapfhähnen, und die Kühlung kommt nicht hinterher, so groß ist der Andrang vor dem Wasserhäuschen.

Ein Häuflein Mann

Familie Hörvallius ist Selbstversorger, hat Capri-Sonne dabei und auch hier wieder Glück. Denn am Eingang werden sogar Plastikflaschen konfisziert, wenn sie mehr als einen halben Liter fassen. Angeblich, weil sie als Wurfgeschosse dienen können. Selbstbewusst hat die schwedische Familie zu Beginn des Spiels, als ihre Nationalhymne angestimmt wurde, noch die Buh-Rufe aus der Menge ertragen. Auch die Sprechchöre lassen das Paar zumindest nach außen hin kalt. "Wir sind Deutschland, Ihr seid nur ein Möbellieferant", schallt es durchs Stadion. "Zieht den Schweden die Schrauben aus dem Schrank", hatten die Fans zuvor gedichtet. Arne lächelt tapfer. Aber das zweite Tor ist ein Schlag in die Magengrube. Die Menge zitiert sich selbst: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!". Tausende schwenken stehend Fahnen.

Dazwischen sitzt ein Häuflein Mann, den Kopf in den Händen. Na ja, wird Arne in der Halbzeitpause sagen, "wir waren wirklich nicht gut". Aber die gelb-rote Karte, die sei ungerecht. Siegmund Huber, der mit der Familie Hörvallius befreundet ist, nimmt unterdessen Sohn Petrus in den Arm, Ehefrau Petra verteilt rote Trostbonbons und heitert die Truppe mit der Aussicht aufs abendliche Grillen im Garten auf. Tochter Simona klammert sich, den schwedischen Freunden zuliebe, an die blau-gelbe Flagge. Ein amerikanischer Fan in deutschem Trikot, der eine Reihe über der Familie sitzt, klopft dem Mann aus Schweden mitfühlend auf die Schulter. Arne rutscht noch tiefer in den grünen Plastiksessel. Willkommen bei Freunden!

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(SZ vom 26.6.2006)