Wirtshaus zum Grünen Baum Traditionalist mit Ausrutschern

Das "Wirtshaus zum Grünen Baum" in Obermenzing hat seit Jahren die Speisekarte nicht geändert - dabei wäre das bei einigen Gerichten nötig.

Von Gertrude Fein

Vor etlichen Jahren hat sich in die Wetterberichte der Begriff der gefühlten Temperaturen eingeschlichen. Nicht die wirkliche Messung entscheidet über Frieren oder Schwitzen, sondern das Gefühl von mehr Kälte oder Hitze, weil durch Wind oder Feuchtigkeit die jeweilige Temperatur ganz anders empfunden wird.

Dunkles Holz bestimmt das Ambiente im Grünen Baum.

(Foto: Foto: Catherina Hess)

Diese nicht messbaren Gefühle können auch auf andere Bereiche übertragen werden, zum Beispiel auf Gasthäuser. Die gefühlte Güte der Küche eines Lieblingslokals liegt meist über deren tatsächlicher Qualität. Wenn dann ein Tester der SZ-Kostprobe kommt und ganz realistisch urteilt, sind manche Stammgäste beleidigt. Sollten sie aber gar nicht sein, denn den Kostprobenmitarbeitern geht es mit ihren Stammkneipen ebenso.

So bodenständig wie die Gäste

Das Wirtshaus zum Grünen Baum, seit einiger Zeit auch Augustiner in Obermenzing genannt, war schon von 1912 an bei den Bürgern Obermenzings beliebt, in guten wie in schlechten Zeiten, außer ein Wirt wagte es, Änderungen einzuführen. Dann wurde protestiert, mit Boykott gedroht, bei der Kostproben-Redaktion angerufen, man solle sich "die" doch einmal gründlich vornehmen. In den letzten Jahren war solches nicht zu vernehmen, also war wohl alles wieder so, wie die Gäste es in dieser traditionsreichen Wirtschaft erwarteten.

Die Räume sind dunkel mit Holz getäfelt wie eh und je, die Tische blank gescheuert, und der Dielenboden sieht aus, als würde er wie anno dazumal vor dem Auskehren mit Sägespänen bestreut. Im vorderen Raum hocken die Kartenspieler, in dem hinteren, dem Garten zugewandten, wäre das Spielen gar nicht möglich, weil die Beleuchtung so düster ist, dass auch junge Leute alt aussehen, man Herz nicht mehr von Schelln unterscheiden könnte.

Beim Speisenangebot ist man bodenständig geblieben, von einigen Ausnahmen abgesehen, die besser unterblieben wären. Das tranige, im diesem Fall zum Glück nur kleine Butterfischsteak (11,90) war ein solcher Ausrutscher, der durch die sehr guten Bratkartoffeln auch nicht mehr abgefangen werden konnte. Auch die Kombination von Cevapcici mit Djuvecreis und (!) Pommes, blauen Zwiebeln und weißen Zwiebeln gehört unter diese Rubrik (9,20) - reine siebziger Jahre, nur fader gewürzt.

Da greift man doch besser zum Altgewohnten, was aber nicht heißt, dass alles gleich gut gelingt. Die kräftige Brühe von Leberknödelsuppe (2,95) und Grießnockerlsuppe (2,50) stammte wirklich von Fleisch, nicht von Brühwürfeln, aber der Leberknödel war zu fest, und das Nockerl schmeckte nach nichts. Das Tellerfleisch dagegen hätte besser nicht sein können: dünn geschnittene, zarte Scheiben, begleitet von frisch geriebenem Meerrettich, Kartoffeln und von Gemüse, das nicht so zerkocht war, wie es oft in bayerischen Wirtshäusern vorkommt (9,50).